1:59:40 also. Hammer. Und das mit einem Lächeln: Was Eliud Kipchoge vergangenen Samstag auf die Prater-Hauptallee legte, ist mittlerweile hinlänglich beschrieben. Im STANDARD unter anderem mit einer tollen Ansichtssache des Laufes im Sportressort und einem Podcast. Und dass es einen Unterschied zwischen einem offiziellen Marathonweltrekord – also der Weltbestzeit in einem Bewerb – und diesem Traumziel unter Laborbedingungen gibt, ist ebenfalls ausdiskutiert. Es ändert am Durchbruch nichts – Normalsterbliche würden diesen Stunt weder im Wettkampf noch im Kipchoge-Setting auch nur annähernd hinkriegen.

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Auch wenn es immer wen geben wird, der auf die Laborbedingungen und den auf einen Einzelnen zugeschnittenen Bewerb hinweist: Zu beweisen, dass etwas, was rechnerisch möglich war, tatsächlich geht, ist ein Meilenstein. Da gibt es nix zu relativieren.

Es ist, so der 34-jährige Kenianer, der ja ganz nebenbei auch den "echten" Marathon-Weltrekord hält, ein "Neil-Armstrong-Moment". Wobei man diskutieren könnte, ob 42,195 Kilometer mit mehr als 21 km/h zu Fuß tatsächlich "kleine Schritte für einen Menschen sind". Das Bild funktioniert dennoch.

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Dann wären da noch die Nach-, Neben- und Begleiterscheinungen. Urbi et orbi – für die Stadt und die Welt. In diesem Fall: ein Mega-Boost für Wien – der touristische PR-Wert wird mit 100 Millionen Euro beziffert. Eine Mega-Promotion für die Marathon-Destination Wien und den VCM, den Vienna City Marathon. Dass VCM-Boss Wolfgang Konrad beim Zieleinlauf Kipchoges tatsächlich Tränen in den Augen hatte, hatte aber andere, sportliche Gründe: Konrad ist nicht nur Unternehmer – zuallererst hat er ein Läuferherz.

Und war darüber hinaus zu Recht erleichtert: Drei Monate hatten die VCM-Macher, allen voran VCM-Organisationschef Gerhard Wehr, im Wortsinn Tag und Nacht geschuftet, um den vom mehr als umstrittenen Ineos-Konzern (wobei diese Diskussion in Wien ja nie geführt wurde) gesponserten "Tanz auf der Rasierklinge" (Wehr) auf den Boden zu bringen.

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Der Erfolg, sagt Konrad, sei enorme Werbung für Sport im Allgemeinen und Laufen im Besonderen. An der Spitze ebenso wie in der Breite. Die Menschenmassen (angeblich 60.000), die am Samstagmorgen zum "Kipchoging" an die Hauptallee gekommen sind, bestätigen das: Wien ist Marathon – Österreich läuft. Spätestens jetzt.

Wirklich?

Eliud Kipchoges Schallmauer-Einreißen könnte nämlich falsche Bilder noch mehr einzementieren, befürchtet Harald Fritz (im Bild mit VCM-Mann Gerhard Wehr). Fritz ist Trainer von Österreichs aktuell bestem Marathonläufer Lemawork Ketema. Er betont, dass er der Sache aber grundsätzlich superpositiv gegenüberstehe: "Die Wahrnehmung ist der für mich einzige kritische Punkt hier: Für normale Menschen ist diese Leistung nicht einordenbar. Wenn einer einen Marathon in unter zwei Stunden läuft und ein anderer dann zwei Stunden und fünf Minuten braucht, kommt von Leuten, die Sport nur aus der TV-Perspektive kennen, dann noch leicht: Na ja, das ist aber keine gute Zeit."

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Harald (dass er auch mich coacht und ich in seinen Vereinsfarben laufe, ist bekannt) weiß, was er sagt: Jeder, der mit Jedermenschsportlern arbeitet, kann Geschichten erzählen, in denen die Wunschvorstellungen ("Ich will bei einem Ironman starten – in zwei Wochen", "Ich will einen Marathon laufen – in zweieinhalb Stunden") leicht grotesk sind.

Und je weiter weg vom Sport, umso weltfremder sind die Vorstellungen: Im TV sieht man eben nur die Elite – da fehlen die Relationen.

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Denn der Durchschnitt sportelt in einem anderen Universum. Um das ein bisserl zu veranschaulichen, setze man Kipchoges 1:59:40,2 in Relation zu Halbmarathonzeiten. Der oder die durchschnittliche Halbmarathoni schafft den Kipchoge nicht einmal über die 21 Kilometer – und ist im Ziel trotzdem (und absolut zu Recht) "Stolz wie Bolle".

Laut "Marastats" liegt die Durchschnittszeit Über 21 k derzeit bei 2:00:35 und wird von im Schnitt 33-Jährigen erbracht. (Männer sind statistisch 35 Jahre alt und schaffen 1:53:52, Frauen 32 mit 2:09:45). Marastats wertet 800.000 Halbmarathonläufe aus. Und beim Marathon? (Sample: drei Millionen Ergebnisse) Durchschnitt: 4:21:49. Und vier Prozent der Männer und ein Prozent der Frauen schaffen die 42 k in weniger als drei Stunden. Drei Stunden – nicht zwei.

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Aber Zahlen sind Zahlen. Darum wollte ich es anders versuchen: Am Sonntag, dem "Tag 1 nach Eliud", war Graz-Marathon. 550 Marathon- und 2.700 Halbmarathonläufer (und -läuferinnen) sahen das Ziel. Insgesamt, mit Staffel-, Viertelmarathon, Kinder- und Familienbewerben, treten hier jährlich rund 10.000 Menschen an.

Michael Kummerer, der Veranstalter, hatte mir den Startplatz spendiert. Kummerer steht auch hinter "Kärnten läuft" – und weil sich ebendort heuer ein Mann am Fahrrad ("Mo, der Mogler") kurzfristig aufs Siegertreppchen geschwindelt hatte, nannte Kummerer augenzwinkernd eine Bedingung: Ich möchte bitte nicht nicht ausprobieren, ob das auch in Graz geht.

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Mein Plan lautete aber ohnehin anders: Ich wollte nicht "Mo" sondern "Eliud" sein. Also 1:59:40 laufen – möglichst punktgenau. Der kleine Unterschied: Ich nahm mir den Halbmarathon vor: War Kipchoge eine 2:50er-Pace gelaufen, also zwei Minuten und 50 Sekunden am Kilometer, würden es bei mir 5:40 sein.

Nur en passant, falls Ihnen 2:50 nix sagen: Das wären 17 Sekunden für 100 Meter. Das schaffen auch viele Hobbyläufer – einmal. Ein Marathon sind 421,95-mal 100 Meter.

Aber bleiben wir in Graz, beim "Halben": Dort auf einer brettelebenen Strecke sub zwei zu bleiben sollte sich für einen Läufer meiner Liga rechnerisch ausgehen. Mit einem "Kipchoge" wäre ich – sah ich danach – 1.572. in der Gesamtwertung (1.306. Mann) geworden. Also solides Mittelfeld. Zwischen Menschen, die allesamt gut trainiert und vorbereitet in so ein Rennen gehen.

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Ich nehme das Ergebnis vorweg: Ich schaffte es nicht. Scheiterte auf ganzer Linie. Schuld daran waren (eh klar) die Umstände. Das Wetter, die Strecke, die Stimmung. Die Menschen rund um mich, aber natürlich in keinster Weise meine eigene Undiszipliniertheit: Ich ließ mich nämlich mitreißen. Vom Start weg. Einfach weil es so superschön war. Da gab es kein Drängeln, kein Schimpfen, kein "Platz da", sondern nur flüssiges, lockeres, federleichtes Laufen ab dem ersten Schritt. Und nur fröhlich lachende Gesichter. Ein Traum – und das bei Sommerwetter Mitte Oktober.

Foto: thomas rottenberg

Ich hatte mich irgendwo in die Mitte des Halbmarathonstarterfeldes an den Rand gestellt und war einfach mitgelaufen. Beim ersten Kilometerschild sah ich das erste Mal auf die Uhr: viel zu schnell! Und das schon beim Einlaufen. Aber es war einfach sooo fein!

Also schloss ich einen Kompromiss mit mir selbst: ein paar Kilometer mittraben – und dann vom Gas. Zurückfallen. Aber so, dass ich für das Finale im Zentrum Foto- und Zuschau-Puffer hätte.

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Denn so fein das Laufen in Graz an sich ist, ist die Route über weite Strecken optisch wenig inspirierend: Es geht über die großen Ausfallstraßen. Nachvollziehbar und gut für Rhythmus und Flow: Die malerischen Blicke, die bei Alltagsläufen entlang der Mur bezaubern, kann es bei so einer Masse nicht geben – und dort, wo man sonst durch Parks läuft, geht es wegen Kraftwerksbauarbeiten derzeit ebenfalls zwischen Häusern durch.

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Wirklich schlimm ist das nicht: Von den Brücken aus sieht man den Fluss – auf der Uferstraße spürt man ihn. Und die Blicke zu Altstadt und Schlossberg sind in Wirklichkeit weit fulminanter, als es der Weitwinkel der Gopro zeigen kann.

Die ist nämlich für "Heldenbilder" optimiert. Also Aufnahmen, bei denen ein Objekt vorne zentral hervorgehoben wird – während alles andere sich ehrerbietig rundherum in der Tiefe verliert.

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Abgesehen davon sind Läuferinnen und Läufer in Graz am Marathontag tatsächlich Heldinnen und Helden, die am Streckenrand gebührend gefeiert werden – auch an den weniger "spannenden" Punkten und wenn die Spitze lange durch ist. Das Wiener Publikum könnte sich da einiges abschauen.

Foto: thomas rottenberg

Auch was die Organisation angeht, gibt es hier elf von zehn Punkten. Dass kein Veranstalter mehr auf ein professionelles Sanitäter- und Rettungskonzept entlang der Strecke verzichtet, ist eh klar.

Aber Sanis am Streckenrand sind das eine – in Graz aber sah ich (für mich zum ersten Mal in Österreich) auch "Running Doctors", also Ärztinnen und Ärzte, die mit einer Rotkreuz-Beachflag mitliefen.

Nicht dass die ad hoc wirklich mehr tun könnten als ein Sani am Streckenrand. Aber die Fahne im Feld wackeln zu sehen gibt vielen ein besseres Gefühl: Wer sich sicher fühlt, läuft sicherer.

Foto: thomas rottenberg

Trotz aller Freude und Juhu-Momente unterwegs war aber bald klar: Ich würde die Aufgabe nicht bewältigen. Auch wenn ich locker trabte und zum Plaudern und Fotografieren immer wieder stehen blieb, auf Seitenmauern kletterte, mir das Rennen aus der Perspektive von Schlagzeuggruppen oder Versorgungsstellen-Crews anschaute: Ich war 35, vielleicht 40 Sekunden zu schnell. Am Kilometer. Um 1:59:40 zu schaffen, müsste ich ab k 13 oder k 14 gefühlt gehen. Das, Eliud hin, Kipchoge her, ging heute einfach nicht. Vielleicht würde mich ja die Altstadt aufhalten.

Foto: thomas rottenberg

Prompt kam dann auch ein schöner "Block": Vor dem Palais Attems, dem Headquarter des steirischen Herbstes, sang ein Chor. Ich war schon vorbei, als sich die Grönemeier-Textzeile in mein Ohr setzte: "Ich ziehe schon seit Stunden, hier so meine Runden …"

Und auch wenn niemand auf Parkplatzsuche war, passte das. Insbesondere für das "echte" Marathonfeld: Die Kollegen und Kolleginnen hatten noch eine zweite Runde vor sich – ich nur mehr drei Kilometer. Ich hielt an, lief zurück und filmte den Chor. So viel Zeit muss sein.

Foto: thomas rottenberg

Dann ging es endlich durch jenes schöne und malerische Graz, das man als Graz kennt. Und ich mittlerweile schätzen und lieben gelernt habe: die Altstadt. Hauptplatz. Nochmal zur Mur.

Foto: thomas rottenberg

Dann der erste gute Fotoblick von der Strecke auf den Schlossberg (aber tendenziell immer noch zu weit für eine Gopro).

Schließlich noch die Herrengasse entlang Richtung Opernring: Das sind die Blicke und Bilder, die Touristiker und Stadtvermarkter brauchen, für die aber diejenigen, die hier neben mir nur noch auf "Ankommen" fokussiert waren, kein Auge mehr hatten.

Foto: thomas rottenberg

Das ist sehr gut nachvollziehbar: Wer den Zielbogen bei der Oper schon fast vor Augen hatte und das Johlen, Röhren und Feiern schon hörte, war auf Gerade-noch-sub-1:50-Kurs. Da gibt man nur noch Gas.

Ich nicht: Mir fehlten noch knapp neun Minuten auf meinen Kipchoge. Als ich Jutta und Carina am Streckenrand sah, blieb ich stehen: "Gemma auf einen schnellen Espresso?" Der Mann neben uns hätte fast sein Handy fallen gelassen, dann lachten wir aber zu viert. "Nein, das wäre jetzt auch idiotisch – bring das jetzt heim: Ist doch ein Traumlauf!"

Foto: thomas rottenberg

Stimmt: Es war ein Traumlauf. Mit einem Traumzieleinlauf bei Traumwetter und Traumstimmung.

(Und weil vor zwei Wochen angemerkt wurde, dass solche Bilder nur entstehen könnten, wenn man anderen den Weg versperrt: Das tun sie nicht, wenn man ein bisserl mitdenkt. Hier stellte ich mich zwischen die vom Veranstalter am Streckenrand aufgefädelten Cheerleader: Wer da über mich hätte stolpern wollen, hätte vorher zwei oder drei Pom-Pom-Mädels über den Haufen rennen müssen.)

Foto: thomas rottenberg

Dennoch: Auch wenn das ein wirklich superschöner und superfeiner Lauf war, bin ich gescheitert. Denn ich habe meine Aufgabe nicht erfüllt: 1:59:40 ging sich nicht aus – auf meiner Uhr standen 1:52:06.

Trotzdem taugt meine Zeit, um den Unterschied zwischen Lauf-Universen aufzuzeigen: 1:52:06 sind eine Minute 46 unter dem Männer-Median (1:53:53) über 21 Kilometer. Und 8 Minuten 19 unter dem meiner Altersgruppe (2:00:25). Mit 1:52:06 ist man als Mann schneller als 54 Prozent aller anderen Männer (und 69 Prozent meiner Age-Group). Und so weiter.

Eliud Kipchoge aber lief 1:59:40 – und das über die doppelte Distanz.

Birgid Kosgei, die Kenianerin, die am Sonntag in Chicago neuen Frauenweltrekord rannte, 2:14:04.

Irre. Faszinierend. Bewundernswert, aber eben eine ganz andere Welt.

Foto: thomas rottenberg

Und trotzdem gibt es eine Parallele: die Freude. Den Stolz. Das Strahlen in den Augen. Unterwegs hoffentlich auch – aber vor allem danach, auf der Ziellinie – und den Rest des Tages über.

Das Gefühl, etwas geschafft, ein Ziel erreicht zu haben. Aus eigener Kraft. Weil man es wollte und man diesen Tag deshalb zu einem besonderen Tag gemacht hat.

Und irgendwann erkennt man, dass das nicht nur fürs Laufen gilt. Weil jeder Tag Momente bietet, die ihn besonders machen.

Man muss nur lernen, sie zu erkennen. Denn dann gilt Eliud Kipchoges Motto tatsächlich für alle: "No human is limited." (Thomas Rottenberg, 16.10.2019)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Der Start beim Graz-Marathon war eine Einladung des Veranstalters.

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Kipchoges Ineos-Challenge: "Totale Spektakularisierung des Sports"

Foto: AP/Ronald Zak