Menschen hängen gerne am Smartphone. Apps unterstützen diese Angewohnheit.

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Wer schon einmal in der U-Bahn die Zeit genutzt hat, um ein bisschen zu entspannen und die Alltagssorgen zu vergessen, wird sich unter Umständen wie ein Außerirdischer vorgekommen sein. Dann nämlich, wenn er als einzige Person im Wagon nicht auf das Smartphone starrt. Solche Leute gehören beinahe zu einer ausgestorbenen Spezies und das nicht ohne Grund. Denn die Apps werden immer gefinkelter programmiert, um Nutzer dauerhaft an sie zu binden, wie "Heise" berichtet. Für Fachleute fallen solche Methoden unter "Stickiness": Kunden müssen an der App picken bleiben. Denn je mehr Zeit dort verbracht wird, desto höher die Werbeeinnahmen.

Eine unendliche Geschichte

Und dazu ist jedes psychologische Hilfsmittel recht. Da wäre zum Beispiel der "Infinite Scroll", also das unendliche Scrollen. Dieser ist Nutzern von Facebook oder Instagram bestens bekannt. Wenn man nachschauen will, was in der eigenen Timeline passiert ist, scrollt und scrollt und scrollt man – und vergisst irgendwann, was man eigentlich machen wollte. Youtube spielt mittlerweile neue Videos ab, sobald das erste geendet hat.

Von selbst aufhören, dazu gehört Disziplin und dies fällt manchen Leuten schwer. Das beweisen auch wissenschaftliche Experimente, unter anderem jenes von Brian Wansink aus dem Jahr 2005. Der US-amerikanische Ernährungswissenschaftler hat 54 Leute im Alter von 18 bis 46 Jahren Suppe essen lassen. Ein Teil aß auf einem präparierten Tisch, von dem die ebenfalls präparierte Schüssel heimlich mit Suppe nachgefüllt wurde. Diese "Bottomless Bowls"-Gruppe, die dem Experiment den Namen gegeben hat, hat 73 Prozent mehr Suppe zu sich genommen als die anderen Teilnehmer. Aufhören ist also nicht so einfach wie gedacht, wenn kein Zwang dazu besteht.

Das wusste freilich auch Aza Raskin, als er diese Methode zum ersten Mal programmierte. Bei der "BBC" hat der ehemalige Mozilla-Mitarbeiter sie einmal damit verglichen, dass Entwickler damit Kokain auf dem App-Interface verstreuen würden und Nutzer deshalb regelmäßig dort zu finden seien.

Belohnungen

Eine andere Technik nennt sich "Pull to Refresh". Dabei machen sich die Entwickler den Mechanismus von Spielautomaten zunutze. Bei einarmigen Banditen wirkt der Hebel verlockend, weil man einerseits Gewinne erhofft und andererseits nicht weiß, was man bekommt – dieser Überraschungsmoment verleitet ebenso dazu, nochmals und nochmals zu spielen. In Apps wird dieser teuflische Mix so umgesetzt, dass die App etwa die Nachrichten aktualisiert, wenn der User nach unten wischt.

Der Klassiker ist freilich der klassische Like-Button. Denn die meisten Leute, die schon auf einmal Beiträge auf sozialen Medien gepostet haben, freuen sich über diese Bestätigung anderer Leute. Und genau dieses Verlangen danach stillt etwa Facebook, das gibt auch Mitgründer Sean Parker offenherzig zu. So sagte er auf einem Event des Medienkonzerns Axios, dass der Like-Button jedes Mal das als Glückshormon bekannte Dopamin freisetzen würde. Und diese Bestätigung würde wiederum weitere Posts provozieren. Das sei simple Psychologie. Allerdings überlegt das US-Unternehmen, Like-Buttons künftig unsichtbar zu machen, um User etwas vom Erfolgsdruck zu befreien.

Streaks und In-App-Käufe

Snapchat hat diese Erfolgsbestätigungen nochmals zugespitzt. Das Bild- und Video-Netzwerk fördert, dass Nutzer die Beziehungen zu engen Freunden aufrechterhalten. Schicken sie sich drei Tage hintereinander sogenannte Snaps – so heißen die typisch kurzen Videos auf der Plattform-, eröffnen sie damit eine Streak (Serie), welche die App mit einer Flamme in der Kontaktliste symbolisiert. Sobald die Streak endet, erlischt diese als eine Art Bestrafung.

In der Gaming-Szene werden Spieler dazu verlockt, Freunde zum Mitspielen zu animieren. Bei Pokemon Go etwa kann man virtuelle Geschenke überreichen. Und freilich locken Spiele mit berühmt-berüchtigten In-App-Käufen. Hier wird Spielern gegen Geld eine Belohnung, zum Beispiel ein schnellerer Spielfortschritt oder bessere Ausrüstung, versprochen.

Abhängigkeit

Viele Nutzer haben einfach das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn sie nicht am Smartphone sind. Eine Erhebung von Mobile Marketing Association Austria (MMA) und MindTake Research ergab erst Mitte September, dass nur 28 Prozent der Österreicher glauben, mehrere Tage ohne Smartphone auskommen zu können. In der Jugendsprache hat das Phänomen ein eigenes Wort dafür: fomo– fear of missing out. (red, 15.10.2019)