In der Serie alles gut? denkt STANDARD-Redakteur Andreas Sator über eine bessere Welt nach – und darüber, welchen Beitrag er leisten kann. Melden Sie sich hier für seinen kostenlosen Newsletter an.

Eine bessere Welt? Wer will die nicht. Nur wie? Eine Antwort auf diese Frage zu finden ist deutlich schwieriger, als man vielleicht denkt. In dieser Serie beschäftige ich mich seit einem Jahr damit, wie sie aussehen könnte und was jeder von uns tun kann, um einen Beitrag dazu zu leisten. Am Montag ist der Ökonomienobelpreis an drei Forscher gegangen, von denen jeder, der sich für eine bessere Welt einsetzt, etwas lernen kann.

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Die Welt in unseren Händen? Weltretten will gelernt sein.
Foto: APA/ALOIS LITZLBAUER

Abhijit Banerjee, Esther Duflo und Michael Kremer sind drei Ökonomen, die das Feld der Armutsforschung in den vergangenen 20 Jahren revolutioniert haben. (Wenn Sie das im Detail interessiert, hier habe ich darüber geschrieben.) Das Wichtigste, was wir von ihnen lernen können, ist aber keine wissenschaftliche Erkenntnis, sondern eine Charaktereigenschaft: Demut.

Gerade wenn es Menschen wirklich gut meinen, fällt es schwer, überhaupt in Erwägung zu ziehen, dass die eigene Hilfe nicht so viel bringt, wie man denkt. Oder im schlimmsten Fall vielleicht sogar schadet. Banerjee, Duflo und Kremer zeigen in ihren zahlreichen Studien aber, dass es keine einfachen Antworten gibt. Alles wird beinhart hinterfragt, überprüft.

Aus Arbeiten von Banerjee und vielen anderen wissen wir etwa, dass Mikrokredite kein effektiver Weg aus der Armut sind. Sie wurden lange gehypt. Leiht Armen einfach Geld für ein paar Hühner, und sie klettern die Leiter aus der Armut hinauf. Dem ist nicht so, wie viele sehr sorgfältige Studien nahelegen.

Zwei der drei Preisträger: Abhijit Banerjee und Esther Duflo.
Foto: APA/AFP/MIT/BRYCE VICKMARK

Ein weiteres Beispiel ist Fairtrade. Als ich im Februar darüber geschrieben hatte, dass Fairtrade-Bauern am Ende des Monats oft genauso wenig bleibt wie anderen, war die Kritik von einzelnen NGOs groß. Aber das ist das Ergebnis, zu dem viele Forscher kommen. (Hier zwei wichtige Übersichtsarbeiten dazu: eins, zwei.) Das heißt nicht, dass gleich das ganze Unterfangen sinnlos ist. Aber die Vorteile sind wesentlich kleiner, als viele denken.

Auch in der Entwicklungshilfe ist Demut angebracht. Die potenziellen Nebenwirkungen sind groß. Nur ein Beispiel: Auf den ersten Blick ist es natürlich gut, wenn der Westen ärmeren Ländern Geld gibt. Das könnte sie aber in ihrer langfristigen Entwicklung hindern, denn ein Staat ist dann weniger auf Steuern seiner Bürger angewiesen. Vor allem, wenn Autokraten an der Macht sind, kann das in der Zukunft schwerer wiegen, als Hilfsgelder heute helfen.

Das sind nur drei Beispiele von vielen. Genauso viele gibt es von Projekten, die sehr gut funktionieren. Gerade im Gesundheitsbereich hat die Entwicklungshilfe enorme Fortschritte angeschoben. Eine internationale Kooperation hat etwa die Pocken ausgerottet. In vielen sehr armen Ländern steigt die Lebenserwartung rapide, unter anderem, weil internationale Organisationen und NGOs massive Impfprogramme durchgeführt haben.

Machen viele Menschen gesünder: Impfungen.
Foto: AP / Lukas Schulze

Arbeiten, die die drei Neo-Nobelpreisträger inspiriert haben, geben uns aber auch einfache Mittel, um gut zu helfen. Viele Studien legen nahe, dass direkte Geldtransfers das Leben der ärmsten Menschen nachhaltig verbessern können. Die von Wissenschaftern gegründete NGO Give Directly schickt Spenden deshalb direkt nach Uganda, Ruanda und Kenia. Es ist wohl eine der simpelsten Möglichkeiten, von Österreich aus zu helfen.

Wie wichtig die Kenntnis der Lebensrealität vor Ort ist, auch das ist eine Erkenntnis aus der Arbeit der drei. "Fast alle Wissenschafter in diesem Bereich haben jahrelang in ärmeren Ländern gewohnt", sagt der Ökonom Dario Sidhu. "Oft wird die Forschungsagenda erst entwickelt, indem man mit den Leuten, denen man helfen will, Zeit verbringt." Der Ansatz sei radikal bescheiden, sagt Sidhu.

Ich habe Nancy Qian, eine chinesisch-stämmige Ökonomin von der Northwestern University, einmal gefragt, was der oder die Einzelne für eine bessere Welt tun kann. Sie sagte: "Zuallererst sollte man mehr über die Welt in Erfahrung bringen. Nur wenn man informiert ist, kann man etwas Gutes tun. Der Besuch ärmerer Länder ändert, wie man über die Welt denkt. Bücher und Nachrichten helfen, die Welt besser zu verstehen."

Diese Demut prägt auch die Arbeit von Banerjee, Duflo und Kremer. Wer die Welt verbessern will, muss gegen schnelle Vorurteile kämpfen, die Schubladen im Kopf offen lassen und die eigene Meinung ständig reflektieren. Das macht das Weltverbessern zwar mühsam, aber auch erst wirklich möglich.

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