Statt der Stars and Stripes der US-Armee weht in Manbij nun vielerorts die Fahne Russlands, das mit dem Assad-Regime verbündet ist.

Foto: AP/Sanadiki

Ein Video, das am Dienstag in den sozialen Medien die Runde machte, zeigt, wie eine Kolonne hochmoderner US-Panzerfahrzeuge auf einer Landstraße in die eine Richtung fährt, einige Pick-ups mit aufgesteckten syrischen Flaggen in die andere. Die einen verlassen die syrisch-kurdische Grenzstadt Kobanê, die im Winter 2015 der Schauplatz einer Befreiungsschlacht zwischen den kurdischen YPG-Milizen und den IS-Besatzern wurde. Die anderen rücken ebendort ein.

In der Stadt Manbij auf der anderen, westlichen Seite des Euphrat spielten sich zeitgleich ähnliche Szenen ab, abrückende US-Streitkräfte machten Platz für russische Truppen, dem Magazin Newsweek zufolge fand dort "eine Übergabe" statt. Ziel der US-Truppen sei gewesen, mit "so vielen Dingen wie möglich" abzuziehen und dabei "jegliches sensibles Gerät" zu zerstören. Das syrische Staatsfernsehen zeigte Aufnahmen, auf denen Einwohner Manbijs die eintreffenden Regierungssoldaten begrüßen. Kurdischen Quellen zufolge wurden syrische Flaggen gehisst. Die regimetreue Nachrichtenagentur Sana berichtete, 150 US-Soldaten hätten sich auf den Weg in den Irak gemacht.

Das US-Zentralkommando bestätigte den Newsweek-Bericht zunächst nicht. Aus dem Verteidigungsministerium in Moskau hieß es, die syrische Armee habe die "volle Kontrolle" über Manbij übernommen, die russische Armee patrouilliere lediglich in der Gegend. Zugleich sprach das Ministerium von einem "organisierten Zusammenwirken mit der türkischen Seite".

Tote auch in der Türkei

Bei Kämpfen um die Stadt sind nach türkischen Angaben ein Soldat und 15 YPG-Milizionäre getötet worden. Auf der anderen Seite der Grenze, in der türkischen Provinz Mardin, sind laut dem lokalen Gouverneursamt zwei Menschen durch Mörsergranaten aus Syrien ums Leben gekommen. Ankara macht die YPG für den Angriff verantwortlich.

Aufgrund der "extrem instabilen Situation" in der Region hat die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) am Dienstag angekündigt alle internationalen Mitarbeiter aus der Region abzuziehen. "Dies waren extrem schwierige Entscheidungen", teilte MSF mit. Die derzeitige Lage mache es aber unmöglich, Medizin und Helfer in die betroffenen Gebiete zu bringen.

Angesichts der europäischen Sorgen bezüglich möglicherweise entflohener IS-Kämpfer aus kurdischen Gefängnissen bemühte sich der türkische Präsident Tayyip Erdogan am Dienstag in einem Gastbeitrag in der US-Zeitung Wall Street Journal um Beruhigung. "Wir werden sicherstellen, das kein Kämpfer des IS den Nordosten Syriens verlassen kann", schrieb Erdogan in einem Kommentar. Wie genau er dies zu bewerkstelligen gedenkt, ließ der Präsident allerdings offen. Schon jetzt habe die türkische Armee im Rahmen ihrer Operation "Friedensquell" Gebiete in der Größe von 1000 Quadratkilometern erobert, am Ende soll Erdogan zufolge ein zehnmal so großes Territorium zwischen Manbij und der irakischen Grenze unter türkischer Kontrolle stehen.

Milde Sanktionen

Die USA haben in der Nacht auf Dienstag Sanktionen gegen mehrere türkische Minister und deren Behörden verhängt, die sie für den Einmarsch verantwortlich machen. Neben den Sanktionen kündigte Präsident Donald Trump an, Gespräche mit der Türkei über ein Handelsabkommen im Volumen von 100 Milliarden Dollar zu stoppen und die Zölle auf Stahl auf 50 Prozent anzuheben. Weil die US-Strafmaßnahmen anders als erwartet aber weder das Banken- noch das Finanzsystem umfassten, reagierte die türkische Währung Lira am Dienstag erleichtert und gewann im Vergleich zum Montag nach kurzem Höhenflug um 0,4 Prozent dazu.

Kritik an den vergleichsweise milden Sanktionen und der Abkehr der USA von ihren kurdischen Verbündeten lässt Trump nicht gelten. In einem Tweet schrieb er, jeder könne Syrien dabei helfen, die Kurden zu schützen – "Russland, China oder Napoleon Bonaparte". Er, so Trump, wünsche ihnen gutes Gelingen. "Wir sind 7000 Meilen weit weg!" (Florian Niederndorfer, 16.10.2019)