Nach dem gemeinsamen Mittagessen mit ihren ehemaligen Arbeitskolleginnen, die Lena besucht hatte, lagen die Kürbisse neben der stark befahrenen Straße. Die Frau ohne Eigenschaften spazierte die Bahnlinie entlang, die einst das Stadtinnere mit dem See verband. Neben ihr hallte die Autobahn beträchtlich nach. Lena war dankbar, als ein Windstoß die Geräuschkulisse überforderte und die Monotonie störte. Bei einer früher dagewesenen Tramwayhaltestelle nahm sie Platz. Erste Blätter riss der Herbstwind bereits mit sich, ließ sie durch die warm geneigten Sonnenstrahlen fliegen. Gedankenfetzen an die Arbeitswelt, der sie einmal angehörte, wirbelten in ihr.

Forschungslandschaften und ihre Freiheiten

"Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei. Frei von Individuen. Frei von Kreativität. Frei von Ideen", grübelte Lena. Sie hatte noch keinen Entschluss darüber gefasst, welche Meinung sie zur Forschung und Lehre und ihrer Qualität an den Universitäten hatte. Früher einmal war Lena in verschiedenen Forschungseinrichtungen als Literaturwissenschafterin tätig gewesen. Ihr Eindruck war, dass die Studien strengen Lehrplänen zu folgen hatten und stark verschult waren.

Neulich war ihr aufgefallen, dass eine Universität, die Erstsemestrigen seit dem neuen Studienjahr mit einem Willkommenssackerl begrüßte, das folgende Aussage tätigte: "Bald habe ich den Titel in der Tasche".

Kakaniens Titelversessenheit

Das Land, in dem die Frau ohne Eigenschaften lebte, war bekannt für seine Titelversessenheit. Sie konnte über das Sackerl nur schmunzeln. Es bestätigte, dass es auf den Universitäten anscheinend einzig und allein darum ging, möglichst viele Abschlüsse hervorzubringen – unter dem Deckmantel zur Förderung geistreicher, intelligenter, begabter Köpfe. Kreativität, Innovation und Schöpfungsdrang können erlernt werden, besser: müssen erlernbar sein, um dann das Zuchtvieh mit Titeln im Anhang – nicht mehr vorangestellt – zu versehen. Sie las in den Zeitungen nur noch von Studienplatzfinanzierung, Quotenregelungen, die es zu erfüllen gab und Studierendenzahlen.

Menschen wie Lena merken bald, dass sie leider zu ehrlich veranlagt sind, um in der Wissenschaftsindustrie ihren Platz zu finden. Die Wissenschaft stellte ihren zweiten Versuch dar, Karrierefrau zu werden.

Die Frau ohne Eigenschaften saß an diesem frühen Altweibersommertag auf der Bank, die auf die schräg gegenüberliegende alte Straßenbahn blickte, die heute Frankfurter, Frucade, Brickerl und viele andere etwas verstaubte Köstlichkeiten aus einer anderen Zeit anbot. Links neben ihr lag ein Feld. "Die Universitäten werden heute einzig und allein von Hohlköpfen geleitet und für wirtschaftliche Zwecke missbraucht", dachte Lena und betrachtete den Kürbis vor ihr.

Einzelner Kürbis in Pole-Position
Foto: Katharina Ingrid Godler

Bäume versus Stadion

Wie viele andere junge, noch verschonte Nachwuchswissenschafterinnen und -wissenschafter hatte Lena die naive Vorstellung gehabt, dass man in der Forschung nur friedlich situierte Menschen anträfe. Sie hatte sich angenehme Gestalten vorgestellt, die in einem Armsessel vor der ewig weiten Bücherwand säßen und gemütlich vor sich hin forschten. Die Goethe-, Schiller-, Kant-, Brecht-, Kraus- und – in ihrem Land – die Rosegger-Gesamtausgaben schmückten die Regale. Sie imaginierte die langgezogenen Laubengänge, Parkanlagen und begrünten Innenhöfe, die leise dazu einluden, in ihnen Platz zu nehmen, um dem Brunnenplätschern zu lauschen, bis ein anderer freundlicher Geist in Cordhosen und mit dunkelgrünlich mottenzerfressenem Jackett sich dazu gesellte. Gemeinsam tauschte man die Erkenntnisse des Tages aus. Man wurde sich darüber einig, dass ein Baum einfach nur ein Baum wäre und freute sich beglückt über die Klugheit dieser Beobachtung. Bereits an Lenas erstem Arbeitstag wurden die Träume über das selige Elfenbeinturmdasein zunichtegemacht.

Heute begegnete Lena nur noch in einem Stadion diese Ruhe und Sanftmut, das sich zurzeit den Scherz erlaubte, einen Wald auszustellen. Manche geben dem Unscheinbaren einen Ort.

Lena wollte sich nun nicht länger mit dem zweiten Versuch, Karrierefrau zu werden, beschäftigen und entschied, aufzubrechen. Freigeister, Kritisch- und Andersdenke wie sie würden den Platz in der Welt woanders finden. Das war sicher. Wohin ihre Reise sie führte, war noch ungewiss und würde bestimmt unglaubwürdig ausfallen. Sie schrieb ihrem Liebsten eine Nachricht: "Ich geh noch ins Stadion, kann sein, dass ich mich verspäte." Lena lächelte, ging los und erinnerte sich freudig an Ilse Aichingers Kolumnen in der Tageszeitung DER STANDARD, die am Ende des vorherigen Jahrhunderts entstanden waren und bis in die Nullerjahre fortgesetzt wurden. (Katharina Ingrid Godler, 21.10.2019)

FIngerzeig

* Kakanien ist in Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften (MoE) eine nicht ganz ernst gemeinte Bezeichnung für Österreich (genauer gesagt für die k. u k. Doppelmonarchie).

* aus einer anderen Zeit: Im MoE trifft die alte kakanische in vielen Kapiteln auf die neue Welt, die von Motorisierung und Beschleunigung geprägt ist.

* Das Klagenfurter Stadion interveniert zurzeit mit dem Kunstprojekt "For Forest". Bis 27. Oktober kann der Wald noch besichtigt werden.

* Corinna Belz führte 2016 Regie für den Film "Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte", der alles Mögliche über Peter Handkes Schreibprozess dokumentiert.

* Die Schriftstellerin Ilse Aichinger führte im STANDARD in den Jahren zwischen 2000 und 2004 zwei verschiedene Kolumnen: Erst das Journal des Verschwindens, dann die Unglaubwürdigen Reisen.

Lena beschließt, ein Jahr Urlaub vom Leben zu nehmen, nachdem der Plan, Karrierefrau zu werden, erneut scheitert. Der Blog über die Frau ohne Eigenschaften macht sich seriell auf die Suche nach dem Ursprünglichen im analog-digitalen Interim. Er bietet Reflexionsraum für das Smoothiezeitalter, in dem Lena lebt.

Weitere Beiträge im Blog