Wien/Washington/Ankara – Eigentlich kommuniziert Donald Trump ja am liebsten via Twitter. Das geht schnell, das hat er buchstäblich selbst in der Hand. Keine Zeitverzögerung. Tippen. Senden. Fertig. Diplomatische Floskeln? Überschätzt. Trump ist für einen schnellen Tippfinger berühmt.

Als US-Präsident kommt er aber zwangsläufig auch ab und zu in die Lage, die gute alte Kulturform des Briefs zu verwenden, um mit jemandem Kontakt aufzunehmen. So geschehen dieser Tage, als Trump eine dann doch etwas eigenwillige Epistel gen Ankara losschickte, um den türkischen Präsidenten Tayyip Erdoğan in der Causa Nordsyrien ein paar seiner Gedanken zu übermitteln und diesen zu einer friedlichen Lösung des Konflikts aufzurufen.

Der Brief zum Nachlesen.
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Datiert ist der Brief auf den 9. Oktober – also jenen Tag, an dem die Türkei mit ihrer hochumstrittenen Militäroffensive gegen Kurdenmilizen in Nordsyrien begann. Trump ermahnte in seinem Schreiben Erdoğan, dass dieser doch sicher nicht für den Tod tausender Menschen verantwortlich sein wolle. Andernfalls werde die US-Regierung die türkische Wirtschaft zerstören. Die kurdische Seite sei zu Verhandlungen bereit, schrieb Trump demnach weiter. "Sie können ein großartiges Abkommen schließen."

Seien Sie kein Narr!

Erdoğan könne auf positive Weise in die Geschichte eingehen, wenn er in dem Konflikt richtig und menschlich handle. Andernfalls werde er als Teufel in die Geschichte eingehen. "Seien Sie kein harter Kerl. Seien Sie kein Narr!", appellierte er an seinen türkischen Amtskollegen. Der Brief endet mit den Worten: "Ich werde Sie später anrufen."

Bislang ist nicht überliefert, ob es bei Erdoğan tatsächlich klingelte. Jedenfalls twitterte der türkische Präsident am selben Tag, an dem Trump seinen Brief aufsetzte, inhaltlich eher das Gegenteil von Trumps angestrebter friedlicher Lösung:

Der Wortlaut von Trumps Brief sorgte unter anderem für große Verwunderung im Kreml. Die Ausdrucksweise sei für eine Korrespondenz zwischen Staatschefs höchst ungewöhnlich, hieß es vom Sprecher von Präsident Wladimir Putin. "Das sieht man nicht oft," sagte Dmitry Peskow.

Die britische BBC zitiert Quellen im Umfeld von Erdoğan: Der Präsident soll nach Erhalt und Lesen des Briefes den Inhalten vehement widersprochen und das Papier umgehend in einem Mistkübel entsorgt haben. (nim, fmo, 17.10.2019)