"Flow": Der freudvolle Zustand, komplett in einer Tätigkeit aufzugehen.

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Es gibt sie, die Momente, in denen wir konzentriert dasitzen und tun, was wir uns vorgenommen haben. Nichts hält uns ab, wir sind im "Flow", im Fluss. So nennt der ungarisch-US-amerikanische Psychologe Mihály Csíkszentmihályi den freudvollen Zustand, komplett in einer Tätigkeit aufzugehen. "Das Phänomen kennt fast jeder aus seiner Kindheit, als man konzentriert gespielt und sich von nichts hat ablenken lassen", sagt die deutsche Arbeitspsychologin Lilo Endriss. Auch Erwachsene können in diesen Fluss kommen.

Wie das geht, erläutert Endriss, die auch als Kreativitätstrainerin arbeitet, in ihrem Buch Fahrplan für den Flow. Sie orientiert sich an dem Konzept Csíkszentmihályis, demzufolge der kreative Flow durch eine "Ordnung im Bewusstsein" entsteht. Endriss erläutert, wie man diese Ordnung schaffen kann. Zentral dabei sei, seinen kreativen Blockaden auf den Grund zu gehen. Anhand eines ausführlichen Leitfadens können Leserinnen und Leser idealerweise herausfinden, wo es bei ihnen hakt. Kreativitätskiller ortet Endriss etwa im eigenen Innenleben, aber auch im sozialen Umfeld.

Wie die Menschen um einen herum auf neue Ideen reagieren, sei nämlich wesentlich. "Wenn Kollegen im Meeting bei jedem Vorschlag signalisieren, dass sie sie schlecht finden – was übrigens auch über Körpersprache funktioniert –, kann das demotivieren." Endriss empfiehlt, "sich davon nicht die Freude am Schaffen nehmen zu lassen". Eine mögliche Reaktion könne sein, den entsprechenden Kollegen zu entlarven, ihm etwa zu sagen, dass seine Kommentare nicht besonders hilfreich sind. Endriss rät auch dazu, sich mit besonders spannenden, inspirierenden Menschen zu umgeben – und jene Kontakte zu reduzieren, die man als langweilig oder ermüdend empfindet.

Was das Arbeitsumfeld angeht, empfiehlt sie, graue Büroräume liebevoll zu gestalten. Wer die Möglichkeit hat, außerhalb zu arbeiten, sollte sie nutzen und beispielsweise im Kaffeehaus den Laptop aufklappen. Zu Hause könne man sich kreative Ecken einrichten, "individuell und persönlich mit Gegenständen, die Sie schätzen. Und sortieren Sie aus, was Sie als überflüssig oder hässlich empfinden."

Nicht immer perfekt sein wollen

Bei den Dingen, die man an sich selbst ändern kann, beginnt Endriss mit der Wahrnehmung. "Wir nehmen oft sehr stark visuell wahr, und das wird ja durch die viele Arbeit am Computer und die Handynutzung unterstützt. Man kann auch anders Anregungen bekommen, zum Beispiel über Düfte oder Geräusche." Wer im Alltag achtsam ist und auch andere Sinne trainiert, komme vielleicht auf neue Impulse, sagt die Psychologin. Sie empfiehlt, bewusst Musik zu hören, bewusst zu essen und zu schmecken. Und sich häufiger zu fragen: Was fühle ich gerade? Spüre ich den Stuhl, auf dem ich sitze? Wie riecht das Holz, aus dem er gemacht ist?

Ein Kreativitätsblocker sei auch Perfektionismus, "dieses innere Gebot, dass alles hundertprozentig funktionieren muss. Diese Vorstellung setzt viele Menschen so unter Druck, dass sie nicht in die Gänge kommen." Der hohe Maßstab kann blockieren, erklärt Endriss und zitiert die Autorin Julia Cameron: "Was alles würde ich tun, wenn ich es nicht perfekt tun müsste? Eine ganze Menge mehr als jetzt." Es gelte, sich in Gelassenheit zu üben und sich mit vorerst Unvollkommenem abzufinden. "Sagen Sie zu sich: ‚Dies ist erst einmal Version eins. Weitere Überarbeitungen werden folgen.‘"

Wer Angst vor negativer Kritik hat oder davor, in der Öffentlichkeit dumm dazustehen, dem nutze dickeres Fell. Zudem: "Meist sind Sie für andere nicht so interessant, wie Sie vielleicht glauben." Der Wunsch nach Konformität mache ebenfalls unkreativ. "Prüfen Sie, ob Sie es aushalten, gegebenenfalls ausgegrenzt zu werden, und finden Sie Mitstreiter, die Ihnen Rückhalt geben."

Zeiten, in denen man kreativ ist

Es kann auch sein, dass man wegen Stress zu gar nichts kommt und sich unproduktiv fühlt. Eine Maßnahme sei dann, sich sogenannte "Fließzeiten" festzulegen, ohne Termine. Manchmal ist man einfach auch einfach zu erschöpft, um etwas anzugehen. "Wer jahrelang zu wenig Schlaf, zu wenig Urlaub, zu wenig Pausen oder Auszeit gehabt hat, von dem kann niemand verlangen, dass er voller Vitalität seine kreativen Ideen umsetzt." Das Wichtigste sei in diesem Fall, zunächst wieder zu Kräften zu kommen. "Machen Sie ausreichend Pausen, lassen Sie Dinge einfach liegen", mahnt Endriss.

Beim Lesen ihres Buches merkt man schnell, dass ihr Flow-Konzept weit über die Arbeit hinausgeht. "Klar, denn es braucht im Leben verschiedene Bereiche, die einen freuen", sagt die Psychologin im Gespräch. Essenziell sei, ausreichend Hobbys zu haben, in denen man kreativ sein kann. "Das kann meine Modelleisenbahn sein oder mein Strickzeug." Wenn es bei der Arbeit einmal weniger gut läuft, könne man sich darauf besinnen. Die Autorin empfiehlt sogar, sich konkret Tage im Kalender einzutragen, um mehr Zeit für diese Interessen zu haben. Es muss übrigens nicht immer darum gehen, etwas zu erschaffen: "Auch einen spannenden Roman zu lesen, kann gut tun."

Was ebenso gut tue, sei mehr Bewegung. "Wer den ganzen Tag vor dem Monitor hockt und abends gleich wieder vom Küchenstuhl zum Sofa eilt, dem fehlen natürlich Impulse." Spazierengehen oder Joggen sorge durch die gleichförmige Bewegung dafür, dass man in eine Art Trancezustand verfällt, in dem die Gedanken schweifen können. Eine ähnliche Funktion hätten auch andere monotone Tätigkeiten, etwa einen Teller mit der Hand abzuwaschen oder beim Zugfahren aus dem Fenster zu schauen. Endriss: "Man ist entspannt, nicht abgelenkt, und die Ideen kommen." (Lisa Breit, 24.10.2019)