Der Zivilbevölkerung in Nordsyrien sei jede ruhige Stunde vergönnt, die ihr die US-türkische Einigung von Donnerstagabend beschert. Die Einschätzung Donald Trumps, was ihm da wieder für ein wunderbarer Deal gelungen sei, teilt indessen kaum jemand, wohl nicht einmal seine Entsandten, Vizepräsident Mike Pence und Außenminister Mike Pompeo. Nach Abschluss ihrer Einigung in Ankara bekamen sie eine Klarstellung mit auf den Weg: Die Türkei habe alles, was sie wollte, erreicht.

Die USA und die Türkei einigten sich auf eine Feuerpause.
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Das kann man durchaus so sehen: Die USA haben formell ihren Segen zum türkischen Anspruch gegeben, zu bestimmen, wer die Gebiete jenseits der Grenze in Syrien verwaltet. Darauf, was nach dem Ablauf der "Waffenruhe" wirklich passiert, hat Washington praktisch keinen Einfluss mehr. Der Text der US-türkischen Erklärung ist reich an beiderseitigen Nato-Partnerschafts-Floskeln, aber arm an technischen Details: Es lässt sich leicht vorhersagen, dass es in fünf Tagen "Interpretationsunterschiede" geben wird, ob tatsächlich alle syrisch-kurdischen YPG-Milizionäre abgezogen sind.

Was auch immer die USA mit den Türken ausmachen: Wie es im Norden Syriens weitergeht, wird entschieden, ohne dass die USA mit am Tisch sitzen. Unter russischer Vermittlung werden eher früher als später die Türkei und Syrien darüber reden, wie das 21 Jahre alte Adana-Abkommen, auf das sich die Türkei unter anderem bei der Verfolgung von "Terroristen" in Syrien beruft, unter den heutigen Bedingungen anzuwenden sei.

Auch die YPG-Kurden treffen ihre Entscheidungen nicht gemäß den Wünschen aus Washington, sondern in Absprache mit ihren neuen Partnern in Damaskus und Moskau. Während alle gebannt auf den skurrilen Mann im Weißen Haus schauen, spielt die Musik in Syrien ohne Amerikaner weiter. (Gudrun Harrer, 18.10.2019)