Mitte dieser Woche landete der Zoo von Paris einen erstaunlichen PR-Coup. Präsentiert wurde nämlich kein neuer Großer Panda oder eine andere spektakuläre Neuanschaffung, sondern ein mikroskopisch kleines Wesen namens "Blob": ein Einzeller, der immerhin "knapp 720 Geschlechter" hat, wie die Nachrichtenagentur Reuters vermeldete. Und prompt wurde die Nachricht in vielen internationalen Medien bereitwillig aufgegriffen.

Das ist kein molekulargastronomisch zubereitetes Fleisch, sondern ein Stück Holz, das vom Schleimpilz Physarum polycephalum besiedelt und eingeschleimt wurde.
Foto: Reuters

Tatsächlich verbirgt sich hinter dem angeblich mysteriösen Blob ein bestens erforschter Organismus: der Schleimpilz Physarum polycephalum, der in der Biologie als Modellorganismus für die Untersuchung von Zellen dient. Faszinierend ist die Schleimpilzspezies allemal: Obwohl sie zu den ältesten bekannten Lebensformen gehört und natürlich kein Gehirn hat, kann sie problemlos den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten in einem Labyrinth finden.

"Schrecken ohne Namen"

Seine Nahrung "verdaut" Physarum polycephalum mithilfe eines Enzyms, das der Schleimpilz ausscheidet. Daher rührt auch der geläufige Beiname: "Blob – Schrecken ohne Namen" hieß ein Science-Fiction-Film aus dem Jahr 1958, in dem sich ein außerirdisches Lebewesen so ziemlich alles einverleibt, was sich ihm in den Weg stellt.

Der wundersamen Welt der Schleimpilze, die Eigenschaften von Tieren und Pilzen vereinen, aber zu keiner der beiden Gruppen gehören, hat die deutsche Biologin und Wissenschaftsjournalistin Susanne Wedlich ein ganzes Kapitel in ihrem dieser Tage erschienenen "Buch vom Schleim" gewidmet, das ein bestens recherchiertes Loblied auf alles Glibberige ist.

Wedlich spart in ihrem kurzweiligen Buch auch Ausrutscher der Wissenschaftsgeschichte am Glitschigen nicht aus: So war etwa der Biologe Ernst Haeckel davon überzeugt, dass es sich beim Schleim, den man angeblich bei den ersten Tiefseeexpeditionen am Meeresgrund fand, um Urschleim handelte, in dem das Leben auf unserem Planeten entstanden sein muss. Tatsächlich war der Schleim erst durch die Konservierung des Meerwassers in Alkohol entstanden.

Glibberige Algenformation im Meer vor Florida. Biologen wie Ernst Haeckel gingen davon aus, dass im Urschleim am Meeresgrund das Leben auf der Erde entstand.
Foto: imago/OceanPhoto

Wasserhaltige Hydrogele

Physikalisch betrachtet ist Schleim nichts anderes als ein zäh fließendes Hydrogel – und chemisch: Wasser in molekularen Ketten. Dennoch löst fast alles Glibberige bei uns Ekelgefühle aus, wie Wedlich konstatiert. Diese reflexhafte Abwehr lasse uns freilich vergessen, "wie untrennbar Schleim mit unserer Gesundheit und Umwelt verknüpft ist".

Tatsächlich ist unser Körper voll davon – auch ohne unter einer herbstlichen Verschnupfung zu leiden: Auch mit einer nicht-entzündeten Nasenschleimhaut produzieren wir auf den verschiedenen Oberflächen unseres Körpers im Laufe eines Tages mehr als einen Liter frischen Schleim.

Der dient etwa, um nur drei Beispiele herauszugreifen, in der Speiseröhre als Gleitmittel und transportiert die Nahrung reibungslos zum Magen. Dort schützt er auf der Magenschleimhaut vor Korrosion durch Säure. Im Gebärmutterhals wiederum hilft er den Spermien bei ihrer Reise zur Eizelle. Sind die körpereigenen Hydrogele defekt, kann das zu Infektionen, Darmentzündungen, Krebs, Herzinfarkt, möglicherweise sogar zu Demenz führen.

Das Besondere am Nasenschleim

Die Nase freilich ist der Ort, an dem Schleim wirklich glänzt: Nasenschleim (vulgo Rotz) filtert die Luft, die wir atmen, und macht Staubpartikel, Bakterien und andere Bösewichte unschädlich, bevor sie in die Lungen gelangen können. Das Besondere am Nasenschleim ist der Inhaltsstoff Mucin, der in einer neuen Studie der Biophysikerin Katharina Ribbeck (Massachusetts Institute of Technology, MIT) analysiert wurde – mit überraschenden Ergebnissen.

Mucine sind Schleimstoffe und bestehen aus langen Molekülketten (Polymere), die dicht mit Zuckermolekülen besetzt sind. Ging man bisher davon aus, dass die Schleimstoffe wie eine Art Filter funktionieren und aufgrund ihrer besonderen Struktur wie kleine Flaschenputzer Mikroben einfangen und eliminieren, so kam Ribbeck, die seit rund einem Jahrzehnt über Schleim forscht, zu einem etwas anderen Ergebnis, wie sie diese Woche im Fachblatt "Nature Microbiology" mit ihren Kollegen berichtet.

Wie Schleimstoffe wirken

Ihre Experimente zeigten nämlich, dass sich in den Nasenschleim eingebrachte Mikroben ganz normal weiterbewegen und überhaupt nicht "gefangen" werden. Vielmehr seien es die Zuckermoleküle der Mucine, die dafür sorgen, dass die gefährlichen Keime durch raffinierte Eingriffe in ihre Signalübertragung unschädlich gemacht werden. Das wiederum lässt an Anwendungen der Mucine jenseits der Nase denken. So schlugen die MIT-Forscher um Ribbeck aufgrund der enormen antimikrobiellen Wirkung der Schleimstoffe bereits vor einigen Jahren vor, medizinisches Laborbesteck damit zu beschichten. (tasch, 20.10.2019)