Auf dem Weg aus dem nordsyrischen Grenzgebiet zur Türkei ziehen US-Truppen durch die syrische Stadt Tel Tamr.

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Die Truppen werden in den Irak verlegt.

Tall Abyad/Akcakale/Ankara – US-Präsident Donald Trump erklärte am Donnerstag, dass er die aus dem Norden Syriens abgezogenen Truppen wie im Wahlkampf versprochen "nach Hause" bringen wolle.

Daraus wird vorerst allerdings nichts: Verteidigungsminister Mark Esper bestätigte am Sonntag auf dem Weg nach Afghanistan, dass die etwa 1.000 Soldaten in den Irak geschickt werden, um dort ein Wiederstarken der Jihadistengruppe "Islamischer Staat" (IS) zu verhindern.

Die US-Truppen haben in den vergangenen Tagen vier Truppenstützpunkte aufgegeben. Am Sonntag verließ ein Konvoi von als 70 gepanzerte Fahrzeuge mit US-Flaggen den Truppenstützpunkt Sarrin in der Nähe der Grenzstadt Kobane.

YPG zieht ab

Am Sonntag begann die Kurdenmiliz YPG mit dem Rückzug aus den umkämpften Gebieten in Nordsyrien. Die von der YPG angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) teilten mit, die umkämpfte Grenzstadt Ras al-Ain verlassen zu haben.

"Wir haben keine Kämpfer mehr in der Stadt", schrieb ein SDF-Sprecher am Sonntag auf Twitter. Das türkische Verteidigungsministerium teilte am Sonntag ebenfalls mit, es verfolge den Abzug der YPG. Es gebe dabei "keinerlei Hindernisse".

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete, dass sich rund 500 SDF-Kämpfer komplett aus Ras al-Ain zurückgezogen hätten. Zuvor seien Leichen und Verwundete aus dem Ort gebracht worden. Das türkische Verteidigungsministerium erklärte, ein Konvoi aus 55 Fahrzeugen sei nach Ras al-Ain hereingefahren. Danach habe ein Konvoi aus 86 Fahrzeugen die Stadt in Richtung Tall Tamar verlassen.

165.000 Menschen vertrieben

Humanitäre Helfer zeichneten weiter ein dramatisches Bild von der Lage der betroffenen Menschen. "Die vergangene Woche war ein totales Chaos für Hunderttausende Syrer", sagte Karl Schembri, Sprecher des Norwegischen Flüchtlingsrats (NRC), dem TV-Sender CNN International. "Sie leben in Angst und Unsicherheit, ohne zu wissen, wo die nächste Bombe explodieren wird", sagte Schembri.

In gut einer Woche sind nach jüngsten Angaben des UN-Nothilfebüros Ocha mindestens 165.000 Menschen durch die Kämpfe vertrieben worden, darunter schätzungsweise 70.000 Kinder. "Mehr und mehr von ihnen werden in den benachbarten Irak und in andere Gegenden flüchten, die nicht darauf vorbereitet sind, vertriebene Familien aufzunehmen", sagte Schembri. Etwa 2.400 Menschen hätten bereits die Grenze zum Irak überquert. Die Situation in syrischen Lagern sei dabei "extrem besorgniserregend", hatte Ocha am Freitag mitgeteilt.

Vor Beginn der türkischen Angriffe hätten bereits mehr als 100.000 Vertriebene in Lagern in der Region gelebt, sagte Schembri. Mit der Unterstützung humanitärer Helfer hätten sie überlebt. "All das wurde im Lauf der vergangenen Woche gefährdet, weil die meisten Helfer selbst flüchten mussten." Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (ICRC) twitterte am Sonntag, eine der letzten noch verbleibenden internationalen Hilfsorganisationen in Nordsyrien zu sein.

Von der Stadt Ceylanpinar im Südosten der Türkei aus sind Rauchschwaden über der syrischen Stadt Ras al-Ayn zu sehen. Durch türkische Luft- und Mörserangriffe sollen Zivilisten und ein Soldat getötet worden sein.
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Die Türkei hatte am 9. Oktober im Norden Syriens eine Offensive gegen die YPG gestartet, die sie als Terrororganisation betrachtet. Die Türkei wurde dabei weder von der syrischen Regierung um Hilfe gebeten noch erteilte der UN-Sicherheitsrat ein entsprechendes Mandat. Ankara begründet deshalb den Einmarsch mit dem Recht auf Selbstverteidigung.

Im kurdischen Manbij fahren russische Truppen ein.

Der wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages kommt aber zu dem Schluss, dass der Einmarsch im Widerspruch zum Völkerrecht stehe. In dem Gutachten, das der dpa vorliegt, heißt es zudem, dass "selbst bei großzügiger Auslegung" kein Recht auf Selbstverteidigung zu erkennen sei.

Die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sagte auf dem CSU-Parteitag in München, die Türkei gefährde mit der Waffengewalt in der Nachbarregion "die Grundlage der Nachkriegsordnung" – dass man Konflikte mit Diplomatie löse und nicht mit der Kraft des Stärkeren.

Die Türkei wies den Vorwurf der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zurück, bei dem Angriff Kriegsverbrechen begangen zu haben. Es handle sich um "gegenstandslose Behauptungen", die Teil einer Diffamierungskampagne gegen den türkischen Anti-Terrorkampf seien, teilte das türkische Außenministerium mit. Amnesty hatte der türkischen Armee und den mit ihr verbündeten Rebellen "rücksichtslose Angriffe auf Wohngebiete" vorgeworfen, bei denen Zivilisten getötet und verletzt würden. Pro-türkische Rebellen sollen zudem eine syrisch-kurdische Politikerin geschlagen und dann erschossen haben. (AFP, Reuters, 20.10.2019)