Dem Mar Menor steht erneut sintflutartiger Regen bevor.

Foto: Picturedesk / Marc-Oliver Schulz

Die Bilder sind erschreckend: Krustentiere, die auf Felsen klettern, Aale und Fische, die aus dem Wasser springen. Das Meeresgetier im Mar Menor, der größten Salzwasserlagune Europas, kämpft gegen den Sauerstoffmangel im Wasser an. Und sie verlieren. Tonnen toter Fische und Krebse wurden seit Mitte Oktober an der Küste unweit der südostspanischen Stadt Murcia angeschwemmt. Politiker und Umweltschützer streiten sich jetzt darüber, wer oder was für die Katastrophe verantwortlich ist.

Für die regionale Regierung aus konservativem Partido Popular (PP) und rechtsliberalen Ciudadanos, die mit Unterstützung der rechtsradikalen Vox regiert, ist der Fall klar: Schuld hat ein Unwetter Ende September mit den größten Regenfällen seit Menschengedenken. Laut Antonio Luengo, dem regionalen Minister für Landwirtschaft, Viehzucht und Fischfang, habe das sedimentreiche Süßwasser, das in die Lagune gelangte, 210 der 17.000 Hektar in "Todeswasser" verwandelt.

Zu wenig Sonnenlicht für Pflanzen

Neben den Sedimenten sollen – so das Ozeanische Institut Spaniens – bis zu 60 Tonnen Nitrate und 45 Tonnen Ammonium sowie 100 Tonnen Phosphate ins Mar Menor gelangt sein. Sie stammen von den landwirtschaftlichen Nutzflächen rundherum. Durch die Nährstoffe nimmt das Plankton zu. Zusammen mit dem Schlamm führt dies dazu, dass das Sonnenlicht nicht mehr zu den Pflanzen auf dem Grund kommt. Sie sterben ab, der Sauerstoffgehalt geht dramatisch zurück.

Umweltschützer bestreiten all das nicht. Aber sie sehen noch andere Gründe. Mitschuld trage "eine maßlose landwirtschaftliche und städtebauliche Entwicklung und die Untätigkeit der politischen Verantwortlichen", beschwert sich die spanische Abteilung des WWF. In den Jahren des Baubooms entstanden rund um die bei Touristen beliebte Lagune Feriensiedlungen und Hotelkomplexe ohne ausreichende Infrastruktur für die Abwässer. Das lässt den Nährstoffgehalt in der Lagune steigen. Hinzu kommt die Umstellung der regionalen Landwirtschaft auf Bewässerung. Das Wasser dazu kommt seit Ende der 1970er-Jahre per Pipelines und Kanäle aus dem Fluss Tajo in Zentralspanien.

Dünger als Hauptgrund

Wo früher etwa Mandelbäume standen, wachsen heute Zitrusfrüchte, Obst und Gemüse. Knapp 50.000 Hektar Land werden bewässert. "Ein Viertel davon ohne Genehmigung", beschwert sich WWF. Zum Wasser aus Zentralspanien kommen illegale Tiefbrunnen und Entsalzungsanlagen. Die Bewässerungslandwirtschaft führt dazu, dass ständig Dünger ins Grundwasser und damit in die Lagune gelangen. "Die Dünger sind die Hauptverantwortlichen für die Krise", heißt es in einer Studie der Umweltorganisation Ecologistas en Acción.

Jetzt will die Regionalregierung ein Gesetz zum Schutz der Lagune ausarbeiten. Ein solches gab es bereits 1984. Doch als die Konservativen 1995 erstmals in der Region Murcia die Wahlen gewannen, schafften sie es ab. Seither wächst die Bewässerungslandwirtschaft ohne Kontrolle, und die Touristensiedlungen schießen wie Pilze aus dem Boden.

"Jederzeit kann es zu erneuten Situationen wie dieser kommen", sagt Juan Manuel Ruiz vom Ozeanischen Institut. Es könnte schon in den nächsten Tagen so weit sein. Der Wetterdienst sagt für Mitte der Woche sintflutartige Regenfälle für die gesamte Südwestküste Spaniens vorher. (Reiner Wandler aus Madrid, 22.10.2019)