Japan erlebte einen Spagat zwischen den Epochen, als Nippons modernster Kaiser am Dienstag mit einer uralten Zeremonie feierlich seinen Thron bestieg. Zunächst saß Naruhito hinter Vorhängen unsichtbar in dem überdachten Takamikura-Thron aus dem 8. Jahrhundert. Ehefrau Masako nahm in ihrem eigenen, etwas tiefer stehenden Michodai-Thronhaus Platz, ebenfalls hinter Stoff verborgen. Nach zwölf Minuten Stille zogen Palastdiener die Vorhänge auf. Der Kaiser saß in einer braunen Seidenrobe im Frühmittelalterstil auf seinem Stuhl, die Kaiserin trug einen prächtigen Kimono aus zwölf Stofflagen. Beide schwiegen lange.

Kaiser Naruhito.
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Schließlich verkündete der Monarch seine Inthronisierung zum 126. Tenno. Er werde seine Verantwortung als Symbol des Staates und der Einheit des Volkes erfüllen und für dessen Glück und den Weltfrieden beten, sagte der 59-Jährige. Regierungschef Shinzo Abe und die Zuschauer riefen dreimal laut "Banzai", der Kaiser solle zehntausende Jahre leben. Dann feuerten Kanonen Salutschüsse ab. Der "Kiefersaal" mit dem Kaiserpaar blieb japanischen Gästen vorbehalten. Hunderte Staatsgäste, darunter Bundespräsident Alexander Van der Bellen mit Frau, verfolgten die Zeremonie in anderen Palastzimmern auf Bildschirmen. Österreichs Staatsoberhaupt kündigte dabei an, Japans Kaiserpaar nach Österreich einladen zu wollen.

Kaiserin Masako.
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Am Morgen hatte Naruhito in einer weißen Hoftracht in den Shintoschreinen auf dem Palastgelände der Sonnengöttin Amaterasu und seinen Ahnen die bevorstehende Inthronisierung mitgeteilt. Den Mythen zufolge stammt die Tenno-Familie in direkter Linie von einem Enkel der Sonnengöttin ab. Ähnlich archaisch geht es beim letzten und entscheidenden Brauchtum am 14. und 15. November zu. Beim Erntedankfest opfert Naruhito der Sonnengöttin selbstgezogenen Reis und verbindet sich mit ihr. "Erst dann wird der Kaiser wirklich zum Kaiser", erläuterte der Tenno-Experte Eiichi Miyashiro.

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Das starre Festhalten an scheinbar überholten Bräuchen erklärt der US-Kaiserexperte Kenneth Ruoff damit, dass sich die Japaner über ihre Monarchie definieren würden. Doch man sollte sich vom steifen Zeremoniell nicht täuschen lassen: Dessen ungeachtet sei das heutige Kaiserhaus zu 99 Prozent modern, meint der Japanologe von der Universität Portland. Genau wie die Königshäuser in Großbritannien oder Spanien müsse die japanische Kaiserfamilie um das Wohlwollen des Volkes werben. "Daher wird Naruhito seine offiziellen Pflichten an die Veränderungen der Gesellschaft anpassen", sagt der US-Experte voraus.

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Der neue Kaiser deutete die Konturen seines Amtsverständnisses schon an. Einerseits folgt er seinem Vater Akihito, der zusammen mit seiner Frau Michiko die Nation nach Katastrophen tröstete, Versöhnung mit den Nachbarländern suchte und zum Frieden mahnte. Andererseits begann der neue Monarch bereits damit, einen eigenen Schwerpunkt auf das Thema Toleranz zu legen, weil die japanische Gesellschaft sich wie nie zuvor für ausländische Touristen und Arbeitskräfte öffnet. Ein weiterer neuer Fokus könnte die Versorgung der Armen mit Trinkwasser werden. Mit der Exdiplomatin Masako an seiner Seite dürfte der neue Kaiser international aktiver und sichtbarer werden. Der neue weltoffene Stil zeigte sich beim Staatsbesuch von Donald und Melania Trump im Mai, als das Kaiserpaar ohne Dolmetscher entspannt mit seinen Besuchern parlierte und durch den Palast spazierte.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen und seine Frau Doris Schmidauer.
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Prinz Charles.
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König Carl XVI. Gustaf und Kronprinzession Viktoria.
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Der Spagat zwischen Geschichte und Moderne hilft auch dabei, die gegensätzlichen Erwartungen in der Bevölkerung zu erfüllen. "Einerseits soll das Kaiserpaar Traditionen bewahren und andererseits ein weltoffenes, wirtschaftlich starkes Japan repräsentieren", meint der Japanologe Maik Hendrik Sprotte. Seine politische Neutralität sichere eine breite Akzeptanz. Der US-Experte Ruoff meint sogar, der Kaiser wirke als eine Bremse gegen Populismus. Jedoch kommt das Volk erst am 10. November zum Zug, wenn Naruhito und Masako im offenen Wagen durch Tokio fahren und sich bejubeln lassen. Die Parade sollte eigentlich am Tag der Thronbesteigung stattfinden, wurde aber wegen der vielen Opfer eines Taifuns verschoben. (Martin Fritz aus Tokio, 22.10.2019)