Frage:

Lieber Familienrat, unsere Tochter hat von Beginn an bei uns im Bett geschlafen. Mit ungefähr drei Jahren ist sie dann ins eigene Bett gewandert – freiwillig –, es war alles ohne Probleme. Wenn sie krank war oder irgendwas verarbeiten musste, schlief sie nächteweise bei uns. Nun ist sie neun Jahre alt und will schon seit einigen Monaten ausschließlich bei uns schlafen. Für meine Frau und mich ist es unerträglich geworden. Keiner kann mehr schlafen. Die Tochter kommt jede Nacht ab ungefähr 23 Uhr zu uns und schläft sehr unruhig. Abgesehen davon haben wir einfach zu wenig Platz. Wenn sie schlafend ins Kinderzimmer zurückgetragen wird, protestiert sie lautstark (sodass im Haus die Nachbarn alle munter werden) und lässt sich kaum beruhigen.

Wenn Kinder Nacht für Nacht ins Elternbett kommen, suchen sie häufig Schutz und Nähe.
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Sie sagt, sie will nicht alleine schlafen. Manchmal sagt sie auch, dass sie Angst hat. Ob das wirklich stimmt oder es nur ein Vorwand ist, um bleiben zu dürfen, wissen wir nicht. Und eine Matratze im Zimmer vom Bruder haben wir schon ausprobiert, sie kommt dennoch zu uns. Fakt ist jedenfalls: So geht es nicht weiter – die Nerven liegen blank. Was können wir tun?

Antwort von Linda Syllaba

Mich würde interessieren, was im Leben Ihrer Tochter momentan noch los ist, das zu einem gesteigerten Sicherheitsbedürfnis führt. Gibt es in der Familie, Schule, Freundeskreis et cetera Unstimmigkeiten oder Disbalancen? Wenn sie Angst äußert, ist das immer ernst zu nehmen. Vielleicht kann sie nicht artikulieren, wovor sie Angst hat, doch entscheidend ist, dass sie Angst fühlt, egal woher sie kommt.

Generell ist das Schlafthema eng an unser Sicherheitsbedürfnis gekoppelt. Sicherheit ist für alle Menschen wichtig, für Kinder ganz besonders, weil sie von uns Erwachsenen abhängig sind. Deshalb empfehle ich, die Deckung dieses Bedürfnisses keinesfalls zu verweigern, es geht hier um die emotionale Versorgung der geliebten Bezugspersonen – und daraus bildet sich die Vertrauensbasis für ihr gesamtes Leben.

Menschen sind evolutionär gesehen keine Alleinschläfer, die Idee von "Jedes Kind schläft in seinem eigenen Zimmer" ist sehr jung. Da Sie bisher Ihrem Kind die notwendige Nähe gewährt haben, traut sie sich, diese auch jetzt einzufordern – was ja gut ist! Ich wage zu versprechen, dass sie mit 18 nicht mehr im Elternbett zwischen Ihnen schlafen will. So heißt es nun, einen guten Weg zu finden, dass alle wieder zu erholsamem Schlaf finden.

Kinder sind sehr feinfühlig und werden oft auch zu Symptomträgern für Themen auf der Elternebene: Sie versuchen unbewusst auszugleichen, Verantwortung zu übernehmen, zu vermitteln oder Ähnliches. Eine Angst, die aus solch einer Ursache entsteht, kann ein Kind schwer benennen. Als betroffene Eltern blickt man da manchmal nicht durch, man ist schließlich Teil des Familiensystems und sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Sollte dies der Fall sein, wäre externe Beratung hilfreich.

Sprechen Sie tagsüber in Ruhe darüber, welche Möglichkeiten es gibt, das nächtliche Nähe-/Sicherheitsbedürfnis Ihrer Tochter zu stillen, und beziehen Sie die Ideen Ihrer Tochter beim Brainstorming ein. Vielleicht wäre es eine Möglichkeit, wenn Sie und Ihre Frau eine Zeitlang abwechselnd bei ihr schlafen – das würde auch Ihr Schlafbedürfnis als Erwachsene berücksichtigen. Oder Sie legen vorübergehend eine Matratze ins Elternschlafzimmer? Gemeinsam finden Sie bestimmt eine gute Lösung für diese Phase. (Linda Syllaba, 28.10.2019)

Linda Syllaba ist diplomierte psychologische Beraterin, Familiencoach nach Jesper Juul und Mutter. Aktuelles Buch: "Die Schimpf-Diät" (2019).
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Antwort von Hans-Otto Thomashoff

Mit neun Jahren ist Ihre Tochter alt genug, allein schlafen zu können, und das hat sie ja auch schon. Der entscheidende Punkt ist die Angst, von der Ihre Tochter spricht. Hat sie wirklich Angst und, wenn ja, warum? Oder tanzt sie Ihnen mitten in der Nacht auf der Nase herum, weil es kuscheliger und bequemer ist, nicht allein zu schlafen, was übrigens bei Urvölkern durchaus normal ist?

Wenn sie wirklich Angst hat, dann hat Ihre Tochter möglicherweise aktuell zu viel Stress. Gibt es Probleme in der Schule, vor allem mit Mitschülern oder Lehrern? Wenn nicht, kann es bei plötzlich auftretenden Schlafproblemen sein, dass in der Nacht Erinnerungen an traumatisch erlebte Trennungen in der frühen Säuglingszeit hochkommen. Bei Kindern sind solche frühen Erfahrungen noch stärker präsent als bei Erwachsenen. Sie liegen noch nicht so lange zurück, und Kinder haben weniger Möglichkeiten, mit Belastungen aus der Vergangenheit umzugehen. Gab es solche Trennungen durch Brutkasten, Spitalsaufenthalte oder Vergleichbares?

Wenn ja, sollten Sie mit Ihrer Tochter darüber reden und ihr erklären, dass ihr deshalb das Schlafen im Moment schwerfällt. Und mit ihr gemeinsam nach Wegen suchen, die ihr beim Durchschlafen helfen können, angefangen vom großen Stofftier über die Wärmflasche bis zur in Aussicht gestellten Belohnung. Wenn es keine Hinweise auf solche traumatisch erlebten Erfahrungen gibt, dann sollten Sie Ihrer Tochter deutlich machen, dass nicht nur sie, sondern auch Sie als Eltern eigene Bedürfnisse haben. Und die bestehen in diesem Falle berechtigterweise darin, selbst ruhig durchschlafen zu können. Auch dann müssen Sie mit ihr verhandeln auf dem Grat zwischen klaren Grenzen einerseits und verlockenden Belohnungen andererseits. (Hans-Otto Thomashoff, 31.10.2019)

Hans-Otto Thomashoff ist Psychiater, Psychoanalytiker, zweifacher Vater und Autor. Zuletzt veröffentlichte Bücher: "Das gelungene Ich" (2017) und "Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden" (2018).
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