Lesen und Schreiben ist nicht für alle eine Selbstverständlichkeit. Viele Menschen in Österreich haben nicht ausreichend schreiben und/oder lesen gelernt, und das trotz absolvierter Schulpflicht. Manchen von ihnen gelingt es jahrelang ihr "Geheimnis" zu bewahren. So wie Frau D.:

Frau D. aus NÖ ruft am Alfatelefon, einer Beratungsstelle für Alphabetisierung, direkt nach Ausstrahlung eines Fernsehbeitrags an. Sie hat eine Schreibschwäche, kann kaum lesen und schreiben, aber davon weiß niemand, nicht einmal ihre Familie. Sie schreibt keine Einkaufszettel, das Ausfüllen von Formularen schafft sie nur mit Hilfe eines Wörterbuches. Obwohl sie seit 30 Jahren nichts mehr geschrieben hat, arbeitet sie seit 20 Jahren im Einzelhandel und ist bei ihren Kolleginnen und Kollegen sehr angesehen. Mit Zahlen und Rechnen hat sie kein Problem. Sie erzählt, dass sie in Ermangelung von Lesekenntnissen alle Artikelnummern, immerhin mehr als 3.000 mehrstellige Codes, auswendig weiß.

Foto: APA/AFP/dpa/BORIS ROESSLER

Eine große Überwindung

Das Alfatelefon ist für viele Lernende der erste Schritt in einen Kurs. Personen, die nicht lesen und schreiben können, denken oft, sie seien die einzigen, denen es so geht. Hier erfahren sie dann, dass viele betroffen sind. Die erste Hürde ist damit genommen. Der Schritt hin zur ersten Kontaktaufnahme kann jedoch eine riesige Herausforderung darstellen und viel Überwindung kosten, wie dieser Erfahrungsbericht zeigt:

Andreas ist circa Mitte Vierzig und hat in der Steiermark die Volks- beziehungsweise Hauptschule besucht. Er kam "so recht und schlecht" durch die Schule, ergriff einen Beruf, wo Schreiben, Lesen und auch Rechnen "nicht wirklich gefragt" waren und gründete eine Familie. Im Juli 2016 sieht er das Inserat vom Alfatelefon in der Gemeindezeitung und fasst den Entschluss, einen Kurs für Basisbildung zu suchen, um seine Rechtschreibschwäche los zu werden. Bis er jedoch tatsächlich zum Telefon greift, dauert es noch eineinhalb Jahre.

Für viele ist es schwer, über den eigenen Schatten zu springen, und nach Hilfe zu suchen. Es gibt zahlreiche Basisbildungskurse für Erwachsene, oft auch anonym. Es gibt zahlreiche Basisbildungskurse für Erwachsene, aber den Weg dorthin zu finden, gleicht oft einer Herkulesaufgabe.

Fr. W. aus Wien sucht für eine Mitarbeiterin einen Kurs zum Lesen- und Schreibenlernen. Diese arbeitet seit vier Jahren im Betrieb von Fr. W. und ist als gute Mitarbeiterin sehr geschätzt. Mit der Einführung der Registrierkassenpflicht stellte sich jedoch heraus, dass sie nicht lesen und schreiben kann und dringend Hilfe braucht. Fr. W. hat bereits eine Anrufodyssee hinter sich (WAFF, Wirtschaftskammer, AMS) bis sie im Internet auf die Seite des Alfatelefons stößt.

Wünsche und Motivationen eines Erwachsenen in der Basisbildung
Grafik: Sonja Muckenhuber, Elke Schildberger

Stolperstein Formulare

Frau M aus St. Pölten ist erschöpft und gesundheitlich angeschlagen und möchte deshalb eine Kur beantragen. Davon trennt sie allerdings das Anmeldeformular. Gestresst sucht sie nach Unterstützung und stößt dabei auf die Nummer des Alfatelefons. Gemeinsam mit der Beraterin geht Frau M. das Anmeldeformular Schritt für Schritt durch und füllt es zu ihrer Zufriedenheit aus.

Viele wichtige Lebensbereiche werden anhand von Formularen geregelt (Finanzen, Gesundheit, Wohnen). Beim Ausfüllen von Formularen, Verfassen von Briefen, E-Mails oder anderen schriftlichen Unterlagen wird Hilfe für Betroffene angeboten. Es ist nur wichtig, dass man sich meldet, um Schwierigkeiten gemeinsam zu bewältigen. (Sonja Muckenhuber, Elke Schildberger, 30.10.2019)

Sonja Muckenhuber & Elke Schildberger arbeiten zusammen bei B!LL, dem Institut für Bildungsentwicklung in Linz und sind Teil des Projekts Campus Basisbildung.

Hinweis: Das Alfatelefon Österreich unterstützt unter der kostenlosen Telefonnummer 0800 244 800 bei der Kurssuche nach Basisbildungskursen in Ihrer Nähe.

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