Blumen als Trauerbekundung an der Stelle in Essex, wo in dem Lkw 39 Tote gefunden wurden.

Foto: Reuters / Simon Dawson

Am Tag nach dem Fund von 39 Toten in einem Lkw-Sattelauflieger in Thurrock bei Essex gaben die britischen Ermittlungsbehörden erste Einzelheiten über die Opfer bekannt. Demnach handelt es sich bei den 31 Männern und acht Frauen um chinesische Staatsbürger. Sie dürften in dem Kühlcontainer erstickt oder erfroren sein.

Ein Team von Gerichtsmedizinern ist seit Donnerstag in einer Halle auf den Tilbury Docks, rund 25 Kilometer östlich von London, mit der Identifizierung der Leichen beschäftigt. Dorthin war die Zugmaschine mit dem aufliegenden cremefarbenen Container am späten Mittwochnachmittag gefahren worden, "um die Würde der Opfer zu wahren", wie die stellvertretende Polizeipräsidentin der Grafschaft Essex, Pippa Mills, mitteilte.

Schreckliches Déjà-vu

Die Ethnie der Opfer beschert den Briten gleich in zweifacher Hinsicht ein schreckliches Déjà-vu. Im Jahr 2000 entdeckten in Dover (Grafschaft Kent) zwei Zollbeamte im Kühlcontainer eines Lastwagens zwei gerade noch lebende junge Männer und 58 Leichen, allesamt Chinesen. Wie die Ermittlungen ergaben, waren sie in der Junihitze erstickt, nachdem der später zu 14 Jahren verurteilte Fahrer aus Holland die Kühlung des Containers abgeschaltet hatte.

Möglicherweise noch tiefer rührte vier Jahre später eine Tragödie in der weiten Bucht von Morecambe (Grafschaft Lancashire) im englischen Nordwesten die Briten. Dort hatten Menschenhändler ihre illegal über den Hafen von Liverpool eingereisten Opfer an einen englischen Fischhändler vermietet. In der Kälte einer Februarnacht wurden die Chinesen bei Niedrigwasser in die Bucht geschickt, um dort die begehrten Herzmuscheln zu sammeln. Von der blitzschnell auflaufenden Flut abgeschnitten, ertranken und erfroren mindestens 23 illegale Arbeiter im eiskalten Wasser. Die Leichen von zwei Frauen und 19 Männern konnten geborgen werden.

Zynische Werbestrategie der Schlepper

Chinesen spielen in der britischen Asylstatistik eine vergleichsweise geringe Rolle. In den letzten Jahren suchten vor allem Syrer, Iraner und Iraker sowie Afghanen, Eritreer und Sudanesen Zuflucht oder Arbeit auf der Insel.

Schon seit mehr als einem Jahr mehren sich bei Organisationen wie dem Flüchtlingsrat der Grafschaft Kent Berichte von Migranten über eine zynische Werbestrategie der Schlepper. Offenbar setzen sie ihren ohnehin psychisch verletzbaren Opfern mit Warnungen vor den Folgen des Brexits zu: Wenn Großbritannien aus der EU ausscheide, werde die Einreise noch schwieriger. Die Schlepperbanden, häufig geleitet von britischen Staatsbürgern, verdienen an der letzten Etappe bis zu fünfstellige Summen.

Bulgarische Zugmaschine

Im Fall Thurrock musste die zuständige Kripo bereits in den ersten 24 Stunden der Untersuchung mehrere Details ihrer ersten Verlautbarung korrigieren. Die Zugmaschine war tatsächlich in Bulgarien zugelassen, und zwar, wie das Außenministerium in Sofia mitteilte, auf die Firma eines irischen Staatsangehörigen in der Schwarzmeer-Stadt Warna. Allerdings habe sich das Fahrzeug zuletzt 2017 im Land aufgehalten. Der Container war erst in der Nacht auf Mittwoch aus dem belgischen Zeebrügge nach England gekommen. Der Fahrer der Zugmaschine, ein 25-jähriger Mann aus Nordirland, ist in Haft. (Sebastian Borger, 24.10.2019)