Innsbrucker Ehrenmalverfremdung: Einen Standpunkt bezogen

Die Universität hat sich offen und selbstkritisch ihrer Geschichte gestellt

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Die Universität Innsbruck arbeitet anlässlich des 350-Jahr-Jubiläums ihre Geschichte auf. In einer Replik auf den Gastkommentar von Gerhard Oberkofler verteidigt Historiker Dirk Rupnow die Kunstintervention am sogenannten Ehrenmal.

Welche Ehre? Kunstintervention am sogenannten Ehrenmal der Universität Innsbruck.
Foto: Universität Innsbruck

Gerhard Oberkofler, laut Wikipedia ein "österreichischer marxistischer Historiker", erklärt in seinem Kommentar der anderen "Verstörende Verfremdung" die künstlerische Intervention am monströsen, denkmalgeschützten Kriegerehrenmal vor dem Hauptgebäude der Universität Innsbruck zur Heuchelei – weil sie angeblich das Christuskreuz, das als Symbol vor Ort gar nicht vorhanden ist, als Zeichen des weltweiten Kampfes gegen Armut, Krieg, Unterdrückung und Sklaverei verschwinden lässt. Das ist natürlich bemerkenswert. Oder besser: verstörend.

Problematische Aspekte

Die Universität Innsbruck hat versucht, es sich im nun langsam zu Ende gehenden Jubiläumsjahr nicht leicht mit ihrer Geschichte zu machen: Sie hat sich erneut intensiv mit dem Medizinstudenten Christoph Probst beschäftigt, der vom damaligen Rektor zynischerweise noch am Tag seiner Hinrichtung mit den Geschwistern Scholl "dauernd vom Studium an allen deutschen Hochschulen ausgeschlossen" wurde – allerdings ohne ihn für die Innsbrucker Universität vereinnahmen zu wollen, vielmehr um die NS-Involvierung der Universität und vieler ihrer Angehörigen zu thematisieren. Sie hat die Spuren des 1938 an der Stirnseite der Aula angebrachten und 1945 stillschweigend wieder demontierten und kurzerhand übertünchten Hitler-Mosaiks in ein Mahnmal verwandelt.

Sie hat sich detailliert mit problematischen Aspekten ihrer Ehrungspraxis nach 1945 auseinandergesetzt (zahlreiche ehemalige Nazis wurden geehrt, durchaus im Wissen um ihre Funktionen im "Dritten Reich") und dies als "work in progress" auf ihrer Website sichtbar gemacht und zur Diskussion gestellt. Die neue, etwa 2.000 Seiten umfangreiche Universitätsgeschichte hat einen deutlichen Schwerpunkt auf das 20. Jahrhundert mit seinen beiden Diktaturen in Österreich und deren Nachfolgen sowie ganz allgemein der Verschränkung von Wissenschaft, Universität und Politik, Gesellschaft. Opfer wie auch Täter wurden zu dokumentieren versucht.

Versuchte Umdeutung

Das vom bekannten Tiroler Architekten Lois Welzenbacher geplante und 1926 errichtete sogenannte Ehrenmal der Universität ist zwar keine Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus, atmet aber mit dem burschenschaftlichen Wahlspruch "Ehre – Freiheit – Vaterland" einen Geist, mit dem die Universität sich kaum mehr (schon längst nicht mehr!) ohne weiteres identifizieren kann, baut ihr heutiges Selbstverständnis doch auf Offenheit und Internationalität, Kooperation und Diversität.

Die Enthüllungsfeier 1926 war eine Manifestation des Deutschnationalismus der Innsbrucker Professoren und Studenten, schon bei der Errichtung durften "nur Deutsche" involviert werden. Die beiden kleinen Gedenktafeln für Probst beziehungsweise zwei Befreiungstheologen, die in Innsbruck studiert hatten und in San Salvador 1989 ermordet wurden, 1984 beziehungsweise 1990 markant in den dreieckigen Sockel eingeschnitten, versuchten bereits eine Umdeutung, konnten aber das Monument insgesamt kaum infrage stellen.

Künstlerische Intervention

Daher hat die Universität Innsbruck anlässlich ihres 350-jährigen Jubiläums nach einem geladenen Wettbewerb den Vorarlberger Künstler Wolfgang Flatz mit einer künstlerischen Intervention am Denkmal beauftragt – als Zeichen eines offenen und selbstkritischen Umgangs mit der eigenen Geschichte. (Die weiteren, nicht realisierten Einreichungen wurden übrigens vorbildlich dokumentiert und veröffentlicht.)

Natürlich kann man das jetzt sichtbare Resultat unterschiedlich beurteilen, man sollte es allerdings nicht zu eindimensional lesen. Die weiße Rose zu Füßen des Adlers bleibt offen für verschiedene Deutungen ("sub rosa"), lässt sich wohl nicht auf die studentische Widerstandsgruppe, deren Mitglied Probst war, festschreiben. In blutroten Lettern sind aber Fragen formuliert, die ehrlicherweise an Begriffe, die über die Zeiten hinweg unterschiedlich gebraucht und verstanden wurden und auch heute ja keineswegs eindeutig und unumstritten sind, gestellt werden müssen. Die Rose und die Fragen leisten geradezu exemplarisch, was von einer künstlerischen Intervention zu erwarten ist: Sie lässt das Ursprungsobjekt intakt, irritiert aber und verändert die Perspektive, wirft Fragen auf und stellt es infrage, ohne respektlos zu sein, ohne es zu verunstalten oder gar die Weltkriegstoten zu entehren, wie von anderen Kritikern – wohl weniger marxistischer Provenienz – behauptet wurde. Die bisherigen Interventionen im Gedenken an Probst und die beiden Jesuiten werden weder überdeckt noch zum Verschwinden gebracht, es besteht noch nicht einmal ein Widerspruch zu ihnen.

Kein Schlussstrichcharakter

Was könnte allerdings einer Universität angemessener sein, als Fragen aufzuwerfen, zudem in der Öffentlichkeit, sichtbar für alle, und zu einem Diskurs einzuladen? Damit ist auch klargestellt, dass die verschiedenen Initiativen für die kritische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Aspekten der Innsbrucker Universitätsgeschichte im Jubiläumsjahr keinesfalls einen Schlussstrichcharakter haben sollen – ganz im Gegenteil. (Dirk Rupnow, 25.10.2019)

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