Ab und an lichtet sich die Wolkendecke über der Deutschen Bank. Aber von guter Aussicht ist man in Frankfurt noch weit entfernt.

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Frankfurt – Nerven wie Drahtseile brauchen Anleger der Deutschen Bank: Während JPMorgan-Chef Jamie Dimon mit Milliardengewinnen aufwartet, häuft Deutsche-Bank-Boss Christian Sewing riesige Verlustberge an.

Auch im vergangenen Quartal war die Bilanz des deutschen Geldhauses wegen des kostspieligen Konzernumbaus wohl wieder tiefrot. "Wir sehen signifikante Abwärtsrisiken und wenig Spielraum auf der Kapitalseite", sagt Analyst Eoin Mullany von Berenberg. Die Goldman-Experten gehen davon aus, dass die Deutsche Bank im Sommerquartal einen Verlust von 882 Millionen Euro erzielt hat, nach einem Minus von 3,2 Milliarden Euro im zweiten Quartal. Die meisten Analysten trauen sich keine konkreten Prognosen mehr zu, woran sich ablesen lässt, wie unübersichtlich die Lage derzeit bei Deutschlands größtem Geldhaus ist.

40 Prozent Kursverlust

Anleger sind bereits auf Abstand gegangen: Seit Sewings Amtsantritt im April 2018 verloren die Titel mehr als 40 Prozent auf 7,10 Euro. Deutschlands größtes Geldhaus ist an der Börse gerade einmal noch knapp 15 Milliarden Euro wert. Wohl auch deshalb werden Experten am kommenden Mittwoch bei Vorlage der Quartalszahlen vor allem darauf schauen, wie die Deutsche Bank bei der Neuausrichtung vorankommt.

Der 49-Jährige kämpft an allen Fronten: Die Leitzinsen in der Eurozone bleiben vermutlich noch jahrelang niedrig und belasten die Erträge der Finanzinstitute. Der Wettbewerb um Privat- und Firmenkunden – dem neuen Kerngeschäft der Deutschen Bank – ist extrem hoch und die Risikovorsorge für faule Kredite steigt wegen der schlechteren Konjunkturaussichten.

Gülden leuchtet am Frankfurter Rossmarkt derzeit nur der Schriftzug der größten Bank Deutschlands.
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Hinzu komme, dass US-Investmentbanken ihren Wettbewerbern in Europa lukrative Aufträge wegschnappen, erläutern die Analysten von Goldman Sachs. Im prestigeträchtigen Geschäft mit Fusionen und Übernahmen fiel die Deutsche Bank in ihrem Heimatmarkt bereits zurück, wie aus den vom Datenanbieter Refinitiv veröffentlichten "League Tables" im September hervorging.

Umbau um sieben Milliarden

Ein Großteil der erwarteten Quartalsverluste dürfte auf den Konzernumbau zurückgehen, für den Sewing 7,4 Milliarden Euro veranschlagt hat. Im Rahmen dessen wird der Aktienhandel dicht gemacht, der Anleihehandel muss abspecken, weltweit fallen 18.000 Jobs weg. Außerdem parkte die Deutsche Bank ein Fünftel ihrer Bilanzrisiken in einer internen Abwicklungseinheit. Analysten erhoffen sich nun auch Details darüber, wie der Abbau der darin enthaltenden Bestände vorangeht. Jedes Papier, das verkauft wird, setzt dringend benötigtes Eigenkapital frei. Sollte der Abbau mehr kosten als erwartet, könne die Bank womöglich zu einer weiteren Kapitalerhöhung gezwungen werden, warnt Berenberg-Analyst Mullany.

Auf welch tönernen Füßen die Deutsche Bank steht, zeigt sich in den neuen Segmentergebnissen, die sie vor kurzem rückwirkend für das erste Halbjahr veröffentlicht hat. Grund dafür ist die neue Aufteilung der Sparten innerhalb der Bank. Diesen "Pro-Forma-Ergebnissen" zufolge stiegen die Erträge von Jänner bis Juni nur im Geschäft mit Firmenkunden an. In der Investmentbank, der Privatkundensparte sowie im hochgelobten Geschäft mit Zahlungsverkehrsdiensten gingen die Einnahmen dagegen zurück.

Ertragsprognosen korrigiert

Finanzchef James von Moltke nahm schon wenige Wochen nach Verkündung der neuen Strategie Anfang Juli die Ertragsprognosen der Bank zurück. In einer Analystenkonferenz in New York stellte er für 2022 Erträge zwischen 24 und 25 Milliarden Euro in Aussicht. Bis dato war er von "rund" 25 Milliarden ausgegangen. 2018 hatte die Deutsche Bank auf vergleichbarer Basis einen Ertrag von knapp 23 Milliarden Euro erzielt.

Mit Argusaugen dürften Investoren auch darauf schauen, ob beim jährlichen Strategietreffen von Vorstand und Aufsichtsrat neue Pläne geschmiedet werden. Die Manager treffen sich am Wochenende nach Veröffentlichung der Quartalszahlen.

Schlappe vor Gericht

An einer anderen Front setzte es für die Deutsche Bank eine Niederlage: Das Landgericht Frankfurt hat die Entlastung von Konzernchef Sewing, Aufsichtsratschef Paul Achleitner und weiterer Vorstände durch die Hauptversammlung im Mai für nichtig erklärt. Eine Sprecherin des Landgerichts bestätigte einen Bericht des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" (AZ 3-05 O 54/19). Auch die Entlastung der Vorstände Karl von Rohr, Garth Ritchie und Silvie Matherat ist nach einer Klage der Riebeck-Brauerei, hinter der der Deutsche-Bank-Aktionär Karl-Walter Freitag steht, nichtig. Die Bank kündigte an, Berufung beim Oberlandesgericht Frankfurt einzulegen.

Denkzettel der Aktionäre

Konkrete Folgen hat der Richterspruch nicht. Sewing, Achleitner und von Rohr bleiben in Funktion. Ritchie und Matherat haben die Bank verlassen. Das Institut zeigte sich zuversichtlich: "Frühere Klagen dieses Berufsklägers zu Beschlüssen unserer Hauptversammlungen waren nur äußerst selten erfolgreich", sagte ein Sprecher.

Die Aktionäre hatten den Führungsgremien der Bank einen Denkzettel verpasst. Mehr als ein Viertel der Aktionäre sprachen sich gegen eine Entlastung Achleitners aus. Mit dem Antrag auf Abwahl Achleitners blitzte Freitag damals ab. (Reuters, red, 25.10.2019)