Der IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi soll in Syrien bei einem Einsatz des US-Militärs ums Leben gekommen sein.

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US-Präsident Donald Trump über den Einsatz.

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Es ist Sonntagmorgen, kurz nach 9.00 Uhr in Washington, als Donald Trump im Weißen Haus vor die Kameras tritt. Nicht im Oval Office – seinem Arbeitszimmer –, sondern im prunkvolleren Ambiente des Diplomatic Reception Room, unter einem Bildnis des Staatsgründers George Washington, vor den Flaggen der Teilstreitkräfte des US -Militärs. "Gestern Abend haben die Vereinigten Staaten den führenden Terroristen der Welt der Gerechtigkeit zugeführt", sagt er. "Abu Bakr al-Baghdadi ist tot."

DER STANDARD/AFP

Der Anführer des IS, so Trump, sei in einen Tunnel ohne Ausgang geflohen, "die ganze Zeit wimmernd und heulend und schreiend", verfolgt von Hunden des angreifenden Kommandos. Drei der 14 Kinder, die offenbar in dem Versteck lebten, habe er mit sich genommen, als er einen Sprengstoffgürtel zündete. Die Explosion habe den Körper al-Baghdadis bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, Forensiker hätten ihn dennoch anhand seiner DNA identifizieren können. Dies sei etwa eine Viertelstunde nach seinem Tod geschehen, nachdem sich das Team einen Weg durch die Trümmer des eingestürzten Tunnels gebahnt hatte. Zwei Stunden dauerte die Aktion von der Landung bis zum Abheben insgesamt.

Trump (Mitte) im Situation Room, zusammen mit Vizepräsident Mike Pence, dem Nationalen Sicherheitsberater Robert O’Brien , Verteidigungsminister Mark Esper, Armeegeneral Mark Milley und Marcus Evans, dem stellvertretenden Leiter für Sondereinsätze der US-Armee (alle v. li.).
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Nach Darstellung Trumps habe man den Gründer des IS nach Hinweisen, dass er in der syrischen Provinz Idlib untergetaucht sei, seit einem Monat unter Beobachtung gehabt. Zwei, drei Versuche, ihn zu stellen, habe man abbrechen müssen, da er jeweils seinen Aufenthaltsort änderte. Am Samstag gegen 17.00 Uhr Washingtoner Zeit habe die Operation begonnen. Trump begab sich in den Situation Room, das Krisenzentrum des Weißen Hauses, um die Aktion gemeinsam mit seinen engsten Vertrauten zu beobachten. Auf Fotos sind neben ihm sein Stellvertreter Mike Pence, Verteidigungsminister Mark Esper, Sicherheitsberater Robert O’Brien und Mark Milley, der neue Generalstabschef der Streitkräfte, zu sehen. Die Bilder seien sehr klar gewesen, "als würde man sich einen Film anschauen", schwärmte der Präsident.

In acht Helikoptern sei der Kommandotrupp zu seinem Ziel im Nordwesten Syriens geflogen. In al-Baghdadis Schlupfwinkel seien sie auf heftigen Widerstand gestoßen. Mehrere Kämpfer des IS sowie zwei Frauen, beide mit Sprengstoffgürteln um den Leib, seien während des Gefechts getötet worden.

Nur ein US-Hund verletzt

Alle US-Soldaten dagegen hätten überlebt, lediglich ein Hund habe Verletzungen erlitten. Sein Dank, so Trump, gelte Russland, der Türkei, Syrien, dem Irak und den syrischen Kurden. Russland habe sich "großartig" verhalten, "sie hassen den IS ja genauso wie wir". Kooperiert habe auch die Türkei. Die syrischen Kurden wiederum hätten hilfreiche Informationen geliefert. Am Einsatz seien allerdings ausschließlich US-Soldaten beteiligt gewesen.

Was auffällt bei Trumps Auftritt, ist der Ton, den der Mann im Diplomatic Room anschlägt: Er steht in großem Kontrast zu seinem Vorgänger Barack Obama, der nach einem ähnlichen, noch bedeutsameren Coup eine betont präsidiale Sprache wählte, eher zurückhaltend in der Wortwahl – gemäß der Maxime, dass eine Weltmacht ihre Stärke nicht auch noch rhetorisch herauskehren müsse.

Im Mai 2011, nachdem Navy Seals das Anwesen Osama bin Ladens im pakistanischen Abbottabad gestürmt hatten, sprach Obama kurz und sachlich vom Tod des Anführers des Al-Kaida-Netzwerks. Trump dagegen nennt al-Baghdadi einen "kranken und verdorbenen" Mann mit einer Anhängerschaft, die aus "Verlierern" und "verängstigten Welpen" bestehe. "Er starb wie ein Hund. Er starb wie ein Feigling."

Auch IS-Sprecher Abu al-Hassan al-Muhajir getötet

Die Informationen über den Aufenthaltsort al-Baghdadis stammten offenbar vom irakischen Geheimdienst. Wie ein Geheimdienstvertreter in Bagdad berichtete, konnte der irakische Geheimdienst al-Baghdadis Aufenthaltsort nach einem Telefonat orten, das eine der Frauen des IS-Anführers führte, während sie sich gemeinsam mit ihm in dem Versteck aufhielt. Ein anderer irakischer Regierungsvertreter berichtete, der Geheimdienst habe Informationen von einer weiteren Frau al-Baghdadis sowie von der Frau eines seiner Kuriere ausgewertet.

Die syrisch-kurdische YPG gab am Sonntag außerdem bekannt, dass auch IS-Sprecher Abu al-Hassan al-Muhajir getötet worden sein soll. Bei einer gemeinsamen Operation der kurdisch geführten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) mit dem US-Militär in der Stadt Jarablus nahe der syrisch-türkischen Grenze sei al-Muhajir getötet worden. Es habe sich um eine Fortsetzung der Operation gegen Abu Bakr al-Baghdadi gehandelt, sagte SDF Kommandant Mazloum Abdi.

Zweifel an Trumps Schilderung

Das russische Verteidigungsministerium äußerte indessen Zweifel bezüglich Trumps Darstellung der Operation gegen IS-Chef al-Baghdadi. Es gebe von den mutmaßlich beteiligten Seiten in Details widersprüchliche Angaben, sagte Generalmajor Igor Konaschenkow. Da Idlib unter der Kontrolle des syrischen Al-Kaida-Ablegers Hayat Tahrir al-Sham (HTS) steht, der bisher alle IS-Zellen kompromisslos ausgelöscht habe, zweifelte Konaschenkow an, dass sich al-Baghdadi dort aufgehalten haben soll, und forderte Beweise für dessen Tod.

Angst vor Vergeltung

Die kurdisch geführten syrischen SDF-Truppen sagten in einem Statement, dass der Einsatz gegen al-Baghdadi durch den türkischen Einmarsch in Nordsyrien um mindestens einen Monat verzögert worden sei. Zudem rechnen die kurdischen Milizen mit Vergeltungsangriffen. "Schläferzellen werden den Tod al-Baghdadis rächen", sagte der SDF-Kommandant Mazlum Abdi am Sonntag. Er stelle sich auch auf Angriffe auf Gefängnisse unter kurdischer Verwaltung ein, in denen tausende IS-Kämpfer festhalten werden.

IS-Anführer seit 2010

Al-Baghdadi führte den IS seit 2010. Damals war die Miliz noch ein Ableger der Extremistenorganisation Al-Kaida im Irak. Sie spaltete sich aber ab. Der IS kontrollierte bis 2017 große Teile Syriens und des Iraks, gilt aber inzwischen als militärisch besiegt. Auf dem Höhepunkt seiner Macht beherrschte der IS ein Gebiet, das von Nordsyrien über die Landesgrenze hinweg bis kurz vor die irakische Hauptstadt Bagdad reichte. Millionen Menschen hatten unter den Extremisten zu leiden. Al-Baghdadi hatte in dem Gebiet ein Kalifat ausgerufen und sich zum Herrscher erklärt.

Zuletzt hatte der IS im April ein Video veröffentlicht, das den schon mehrfach totgesagten al-Baghdadi zeigen soll. Darin rief er seine Anhänger auf, den Kampf trotz des Verlusts ihres "Kalifats" fortzusetzen. Im September rief der IS-Anführer seine Anhänger in einer Audiobotschaft zur Befreiung gefangener Kämpfer und ihrer Familien auf.

Experten warnen, dass der IS noch immer eine große Gefahr darstelle – trotz al-Baghdadis Tod. Zudem sei der IS-Führer im Gegensatz zu Osama bin Laden kein großer Name in der US-Öffentlichkeit. Die erfolgreiche Mission habe deshalb auch weniger psychologische und politische Auswirkungen. Die Experten befürchten nun, dass sich durch die große Ankündigung Trumps der Fokus von dem Islamischen Staat wegverlagern könnte. "Bedauerlicherweise werden durch den Tod von Anführern keine Terrororganisationen besiegt", sagt Jennifer Cafarella vom Institute for the Study of War in Washington zur "New York Times". (Frank Herrmann aus Washington, red, APA, 27.10.2019)