Am Sonntag dominierten spanische Flaggen die Innenstadt von Barcelona.

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Am Samstag dominierten hingegen die katalanische Flaggen in der Innenstadt von Barcelona.

Foto: AP/Emilio Morenatti

Hunderttausende folgten dem Ruf von rund 160 Organisationen, Parteien und Gewerkschaften: Unter dem Motto "Freiheit" protestierten am Samstagabend nicht nur Befürworter der Unabhängigkeit gegen die Verurteilung von neun Politikern und Aktivisten zu neun bis 13 Jahren Haft in Zusammenhang mit dem 2017 abgehaltenen Unabhängigkeitsreferendum. In der ersten Reihe liefen die Angehörigen der Verurteilten. Weiter hinten reihten sich katalanische Politiker ein, darunter Regierungschef Quim Torra. Die Stadtpolizei sprach von 350.000 Teilnehmern. Die Veranstalter zweifelten dies an, denn die Polizei habe auf der gleichen Strecke vor einem Jahr noch das Doppelte gezählt.

"Dieser politische Konflikt wird sich weder mit Richtern noch mit Repression oder Polizeigewalt lösen lassen", erklärte Marcel Mauri, der stellvertretende Vorsitzende der Kulturvereinigung Òmnium. Diese und die Bürgerbewegung Katalanische Nationalversammlung (ANC) sind die beiden wichtigsten Organisationen der Unabhängigkeitsbewegung. Ihre beiden Vorsitzenden sind unter den neun Inhaftierten.

Straßenschlachten

"Wir werden es wieder tun", erklärte Torra dem Urteil zum Trotz. Kataloniens Premier forderte Madrid einmal mehr zum Dialog auf. Sein Ziel: eine Abstimmung über die Unabhängigkeit, wie die in Schottland. "Es gibt kein Selbstbestimmungsrecht", keine Demokratie erkenne dies an, erteilte Spaniens stellvertretende Regierungschefin Carmen Calvo Torra erneut eine Absage.

Nach der Großkundgebung zogen über zehntausend Menschen vor das Kommissariat der spanischen Nationalpolizei in Barcelona und warfen als Symbol für die zuletzt immer wieder eingesetzten Gummigeschoße Gummibälle über die Polizeiabsperrung. Es kam zu schweren Straßenschlachten. Am Ende waren, so die katalanische Innenbehörde, 44 Verletzte zu beklagen, 25 davon Polizeibeamte. Seit dem Urteil vor knapp zwei Wochen forderten die gewalttätigen Auseinandersetzungen 600 Verletzte.

Sonntagmittag bestimmten dann spanische Fahnen das Bild in der katalanischen Hauptstadt. Unter dem Motto "Für die Eintracht, für Katalonien. Schluss jetzt!", hatte die Katalanische Zivilgesellschaft (SCC) auf die Straße gerufen. Die Mobilisierung wurde von dem in Madrid regierenden sozialistischen PSOE über den konservativen Partido Popular (PP), die rechtsliberale Partei Ciudadanos (Cs) bis hin zur ultrarechten Vox unterstützt. Unter den Teilnehmern befanden sich Josep Borrell, der in der neuen EU-Kommission das Außenressort innehat, der PP-Chef Pablo Casado und sein Kollege bei Cs, Albert Rivera, sowie regionale Vertreter von Vox. Die Veranstalter hatten in ganz Spanien Busse nach Barcelona gechartert. Laut Stadtpolizei kamen gerade einmal 80.000 Menschen zusammen. Vor zwei Jahren brachte die SCC noch weit über eine halbe Million zusammen.

"Wir werden Zeugen von Gewalt, wie wir sie seit der Industriekrise in den 1980ern nicht mehr gesehen haben", erklärte der Sozialist Borrell, selbst Katalane, warum er gekommen war. Casado und Rivera nutzten die Gewalt der vergangenen Wochen, um von Madrid eine Zwangsverwaltung für Katalonien zu fordern und der Regierung Torra mithilfe des nationalen Sicherheitsgesetzes die Hoheit über die katalanische Polizei zu entziehen.

In dieser aufgeheizten Stimmung fand fast unbemerkt von Presse und Öffentlichkeit eine weitere Kundgebung vor dem Sitz der katalanischen Regierung statt. "Parlem!" (Sprechen wir!), lautete das Motto der in Weiß gekleideten Teilnehmer. Kamen vor zwei Jahren unter dem gleichen Motto noch mehrere Tausend zusammen, waren es jetzt gerade noch rund 100. (Reiner Wandler aus Barcelona, 28.10.2019)