Tim Sweeney, der Erfinder des erfolgreichen Videospiels Fortnite, tut es. Indien, Pakistan, Äthiopien und China tun es. Der Ölkonzern Shell macht mit, und die Suchmaschine Ecosia ist sogar schon seit Jahren engagiert. Sie alle pflanzen Bäume. Was ein wenig nach Beschäftigungstherapie für Hippies und Ökos klingt, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Milliardäre, Unternehmen, Aktivisten und ganze Nationen wollen sich im Rennen um die meisten gepflanzten Bäume geradezu übertreffen.

Philippinische Schüler und Studierende etwa müssen erst zehn Bäume einsetzen, wenn sie einen Abschluss wollen. Neuseeland will in den nächsten Jahren eine Milliarde Bäume pflanzen, Äthiopien vier Milliarden – und die kanadischen Grünen gingen gleich mit der Ansage ins Rennen um die Präsidentschaft, dass sie zehn Milliarden neue Bäume pflanzen wollen. Ein ehemaliger deutscher Konzernchef hat sogar die Pflanzung von 350 Milliarden Bäumen angekündigt, in China erhielten 60.000 Soldaten letztes Jahr den Befehl zum Pflanzen.

Bäume pflanzen für das Weltklima – ist das sinnvoll?
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Sie alle wollen mit der Maßnahme eines erreichen: CO2 aus der Atmosphäre ziehen und damit das Klima retten. Aber kann das überhaupt funktionieren – oder ist es einfach Größenwahn?

Hype um Studie

Ein Teil des aktuellen Hypes ist einer vielbeachteten Studie geschuldet, die eine Forschergruppe der ETH Zürich im Juli 2019 im renommierten Wissenschaftsjournal "Science" veröffentlichte.

Die Bindung von CO2 durch Bäume sei "eine unserer wirksamsten Strategien, um den Anstieg der CO2-Konzentration weltweit zu begrenzen", heißt es dort gleich im ersten Satz.

Und der schlug ein: Der Veröffentlichung der Studie folgten unzählige euphorische Medienberichte auf der ganzen Welt.

Kein Wunder, denn Baum- pflanzen klingt nach einer einfachen, vielleicht sogar freudvollen Sache, ganz im Gegensatz zum unbequemen Verzicht auf Fleisch oder Flugreisen. Und man könnte gleich heute anfangen – anders als bei den lange ersehnten Technologiesprüngen bei E-Autos und CO2-Speicherung, die einfach nicht kommen wollen.

Bäume: Keine Wunderwaffe

Eine Fläche so groß wie Kanada – 900 Millionen Hektar – wollen die Studienautoren weltweit ausgemacht haben, die man mit Bäumen bepflanzen könnte. Städte und landwirtschaftliche Zonen haben sie dabei bewusst ausgespart. Es gehe vor allem um vom Menschen "degradierte" Flächen, auf denen schon einmal Wald gewachsen ist. Die Wissenschafter erstellten sogar eine interaktive Karte, die zeigt, welche Baumarten sich für den jeweiligen Hektar Fläche eignen. Nicht weniger als 200 Milliarden Tonnen Kohlenstoff könnten die neuen Pflanzen aus der Atmosphäre holen – das sind zwei Drittel dessen, was der Mensch seit der industriellen Revolution in die Luft geblasen hat.

Forscher schlagen vor, degradiertes Land – so wie hier in der chinesischen Provinz Qinghai – wieder aufzuforsten.
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Doch kurz nach Veröffentlichung der Studie wurde Kritik daran laut: Einige Forscher kritisierten, dass globale Studien wie diese auf grobkörnigen Karten basieren und von Fehlern geradezu strotzen. Eine Gruppe südafrikanischer Wissenschafter etwa merkte an, dass Graslandschaften wie der Serengeti-Nationalpark in der Karte als "degradiert" klassifiziert wurden, obwohl sie seit Jahrmillionen weitgehend ohne den Einfluss von Menschen existieren.

"Wir waren von der Aufmerksamkeit für unser Paper überrascht", sagt Co-Autor Jean-François Bastin zum STANDARD. Heute würde er einiges anders formulieren, wie er und seine Kollegen auch in einer kürzlich erschienenen Ergänzung zum Artikel einräumen. "Wir haben den Eindruck erweckt, dass Wiederaufforstung eine Wunderwaffe ist", sagt Bastin. "Das ist sie nicht." Gemeint war, dass Wiederaufforstung eine effiziente Methode ist, um bereits emittiertes CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen – um die Sünden der vergangenen Jahrzehnte auszugleichen. Gleichzeitig müsse aber der Ausstoß von Treibhausgasen massiv gesenkt werden, sagt Bastin. Es hat keinen Sinn, Bäume zu pflanzen und zugleich die Atmosphäre weiter zu verschmutzen.

Entscheidend ist das Wie

Bei den Milliarden Bäumen, die nun gepflanzt werden sollen, denkt man womöglich an Monokulturen und an schnell wachsende Arten wie Fichten, die eng in Reih und Glied stehen. Genau darum gehe es aber nicht, sagt Bastin. "Jedes Ökosystem ist einzigartig." Deshalb müsse man auf jedes individuell eingehen und lokale Besonderheiten berücksichtigen, etwa bei der Auswahl der Bäume. So werde auch die Artenvielfalt gewahrt. Von Monokulturen spricht da keiner.

Es geht auch nicht darum, die Erde bis auf den letzten Quadratmeter mit Bäumen "zuzupflastern". Das Ziel muss sein, zerstörte Ökosysteme möglichst naturnah wiederherzustellen. Und nicht, neue Wälder zu schaffen.

Aber irgendwann müssen auch Bäume sterben. Bei der Verrottung wird das CO2, das der Baum in seiner Lebenszeit aufgesaugt hat, wieder frei. Aber das macht nichts. "Es geht eben nicht darum, einfach Bäume einzusetzen, sondern ein Ökosystem wiederzubeleben", sagt Bastin. Und in einem lebendigen Ökosystem werden alte Bäume von der Natur durch jüngere ersetzt. "Die Menge an Kohlenstoff bleibt stabil."

Alle Landschaften konservieren

Doch erst am Dienstag kritisierten Wissenschafter der Texas A&M University, dass die Schweizer Studie davon ausgegangen sei, dass "degradierte" Böden keinen Kohlenstoff enthalten. In vielen Lebensräumen wie Savannen oder Torfmooren sei aber viel mehr Kohlenstoff gebunden als in der Vegetation darüber. Man dürfe sich deshalb nicht nur auf die Wälder konzentrieren, sagen die US-amerikanischen Forscher.

"Wälder und Moore müssen nicht unbedingt zwei unterschiedliche Systeme sein", reagiert Bastin auf die Kritik. In einigen Mooren, etwa im Kongo, gebe es auch viele Bäume. Der Forscher hält es für falsch, "nur darauf zu achten, welches Ökosystem das meiste CO2 speichert". Alle natürlichen Landschaften müssten konserviert werden, nicht nur, weil sie CO2 speichern, sondern auch, weil sie für ein hohes Maß an Biodiversität sorgen.

Bäumen zu pflanzen ist also durchaus sinnvoll – es geht aber um das Wie. Darüber besteht auch im Weltklimarat (IPCC) Einigkeit. Seinem letzten Bericht zum Thema zufolge brauchen wir weltweit rasch mehr als eine Milliarde Hektar zusätzliche Waldfläche, um die Klimaerwärmung noch auf 1,5 Grad zu beschränken. Nur eben zusätzlich zu den anderen Maßnahmen – und nicht statt ihnen.

Und was kann man selbst tun, wenn man zur Wiederaufforstung beitragen will? Am besten an eine NGO spenden, die selbst Wiederaufforstung betreibt, sagt der Ökologe Bastin. (Philip Pramer, 28.10.2019)