Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing hat in seinem Präsidenten, Paul Achleitner (rechts), seine wichtigste Stütze.

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Frankfurt – Einen Überlebenskünstler nennen Weggefährten Paul Achleitner. Als Kämpfer, der nicht klein beigibt. Doch den womöglich letzten Kampf seiner Karriere droht der Oberösterreicher zu verlieren. Wichtige Anteilseigner der Deutschen Bank formierten sich zunehmend zu einer Front, die ihn als Chefkontrolleur des größten deutschen Geldhauses infrage stellt, berichten mehrere Insider.

Vor allem die verschwiegenen Scheichs aus Katar, die einen Insider zufolge über zwei Fonds inzwischen fast zehn Prozent an dem größten deutschen Geldhaus halten, drängen mit der Sache vertrauten Personen zufolge auf eine Neubesetzung des Postens. Schon zur nächsten Hauptversammlung im Mai 2020 könne der Österreicher in die Geschichtsbücher des dann 150 Jahre alten Instituts eingehen.

Die Uhr tickt

"Die Uhr für Achleitner tickt schneller", sagt ein Vertreter eines Deutsche-Bank-Großaktionärs. "Spätestens bis zum kommenden Aktionärstreffen muss er einen Nachfolger präsentiert haben, sonst hat er ein Problem." Bereits bei der Hauptversammlung in der Frankfurter Festhalle verpassten ihm die Investoren einen Denkzettel – mehr als ein Viertel verweigerte ihm die Entlastung. Dem 63-Jährigen wird von manchen Anlegern vorgeworfen, er habe Top-Posten in der Bank mit den falschen Personen besetzt und zu lange am verlustreichen Investmentbanking festgehalten. Das stutzt Vorstandschef Christian Sewing nun zwar massiv zusammen. Eine erneut unglückliche Personalentscheidung brachte Achleitner, dessen Vertrag eigentlich noch bis 2022 läuft, jedoch noch mehr unter Druck.

Finanzaufsicht schaltete sich ein

Die Finanzaufsicht (Bafin) stellte sich Insidern zufolge in einem äußerst seltenen Vorgang gegen Ex-UBS-Vorstand Jürg Zeltner, der von Achleitner im Sommer eilig als Nachfolger für Richard Meddings in das Kontrollgremium beordert wurde. Insider berichten, dass er die Personalie im Vorfeld gar nicht mit den Behörden – wie sonst üblich – im Detail abgestimmt habe. "Seinem Ansehen hat das Desaster um Zeltner erheblich geschadet", sagt ein Aufsichtsratsmitglied, das seinen Namen nicht nennen möchte. "Das ganze Image der ganzen Bank leidet darunter."

Die Deutsche Bank, Achleitner selbst sowie ein Vertreter Katars lehnten eine Stellungnahme ab. Deutsche-Bank-Chef Sewing hatte sich vor wenigen Wochen öffentlich hinter Achleitner gestellt. "Auch wenn manche jetzt etwas anderes hören wollen: Ich bin froh, dass er da ist", sagte er auf einer Veranstaltung der "Rheinischen Post" über seinen Aufsichtsratschef.

Interessenkonflikt

Grund der Ablehnung war, berichten mit der Sache vertraute Personen, dass Zeltner Chef und Anteilseigner bei der Privatbank KBL ist, einem Wettbewerber der Deutschen Bank bei der Betreuung vermögender Kunden. KBL gehört Mitgliedern der katarischen Herrscherfamilie Al-Thani, die wiederum die Deutsche-Bank-Anteile hält. "Der Interessenskonflikt von Zeltner ist so offensichtlich und es ist nicht erklärbar, warum sich Achleitner einen so großen Fehler geleistet hat", sagt ein Banker, der den Oberösterreicher gut kennt.

Hinter vorgehaltener Hand wird hingegen gemunkelt, Achleitner käme die Ablehnung gar nicht so ungelegen, weil er den Katar-Vertrauten ohnehin nicht gerne in dem Gremium gesehen habe. Zudem habe er durch die Diskussionen um Zeltner Zeit gewonnen, um von seiner eigenen Person abzulenken.

In der Deutschen Bank hängt der Haussegen schief. Am Sessel von Aufsichtsratschef Paul Achleitner wird kräftig gesägt.
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Zwischen Katar und Achleitner sei ein Machtkampf entbrannt, sagt ein weiterer Vertreter eines Deutsche-Bank-Großinvestors. Katar versuche nun, die vakante Position im Aufsichtsrat mit jemanden zu besetzen, der das Potenzial habe, Achleitner zu beerben, sagten mehrere Insider. Noch ist Zeltner nicht offiziell aus dem Gremium ausgeschieden, es handelt sich jedoch nur noch um eine Formalie, wie eine mit der Sache vertraute Person sagt. Die Bank werde so lange warten, bis sie einen von der Aufsicht – im Vorfeld – abgesegneten Nachfolger präsentieren könne. Achleitner hat Investoren versichert, dass er nach seinem Nachfolger als Aufsichtsratschef suche, wie mehrere mit der Debatte vertraute Personen sagten.

"Geheimwaffe" gesucht

Gesucht werde nach einer Persönlichkeit mit internationalem Netzwerk, guten Drähten zu Politik, Wirtschaft und Aufsichtsbehörden sowie hoher Glaubwürdigkeit. Mehrere Insider halten Deutsche-Börse-Chef Theodor Weimer für Achleitners "secret weapon", seine Geheimwaffe. Auch bei Katar würde Weimer gut ankommen, hieß es. "Er ist Banker, kennt Achleitner gut und sein Ego wäre groß genug, diesen Posten zu übernehmen", sagt eine der Personen.

Weimers Amtszeit bei dem Börsenbetreiber läuft noch bis Ende 2020. Einem Insider zufolge will der 59-jährige Weimer dort verlängern – möglichst um mindestens drei Jahre. Jedoch sehen die Bestimmungen der Deutschen Börse vor, dass Vorstände ab 60 Jahren nur für ein weiteres Jahr bestellt werden. Ein Sprecher der Börse wollte sich nicht dazu äußern. Auch Nikolaus von Bomhard, Aufsichtsratschef von Münchener Rück und Deutscher Post, wird als möglicher Kandidat für die Achleitner-Nachfolge gehandelt. Einen Kommentar lehnte er ab.

Keiner verdiente mehr

Einfach wird die Suche nach einem Oberkontrolleur auf jeden Fall nicht – obwohl kein anderer Aufsichtsratschef in der Republik mehr verdient. 2018 erhielt Achleitner knapp 860.000 Euro. Doch die Deutsche Bank steckt mitten im größten Umbau ihrer Geschichte, weltweit fallen 18.000 Jobs weg, die Erträge sind wegen der anhaltend niedrigen Zinsen unter Druck und der Wettbewerb im Firmenkundengeschäft – dem neuen Kerngeschäft der Bank – ist riesig.

Die bislang sonst so zurückhaltenden Investoren aus Katar dürften großes Interesse daran haben, dass es bald wieder bergauf geht. Von den Milliarden, die sie 2014 in die Bank gepumpt haben, ist kaum noch etwas übrig. Die Aktien brachen seit ihrem Einstieg um gut 70 Prozent ein. (Reuters, 28.10.2019)