Es ist die höchste staatliche Auszeichnung, die die Tschechische Republik zu vergeben hat: Der 2008 verstorbene Wiener Ex-Bürgermeister Helmut Zilk (SPÖ) wurde am Montagabend posthum auf der Prager Burg mit dem Orden des Weißen Löwen geehrt. Die Verleihung fand bei einem Festakt zum Nationalfeiertag statt – dem 101. Jahrestag der Gründung der Tschechoslowakei am Ende des Ersten Weltkriegs.

Posthume Ehrung mit dem Orden des Weißen Löwen für Helmut Zilk (gestorben 2008).
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Staatspräsident Miloš Zeman hat mit seiner Entscheidung, die bereits vorab an tschechische Medien durchgesickert war, eine alte Debatte zu neuem Leben erweckt – und einmal mehr die Kritik seiner Gegner auf den Plan gerufen. Die Causa reicht zurück bis ins Jahr 1998. Bereits der damalige Präsident Václav Havel wollte Zilk auszeichnen, zog seinen Entschluss jedoch kurz vor der Verleihung wieder zurück. Grund: Im Amt für Dokumentation und Untersuchung der Verbrechen des Kommunismus (ÚDV) waren Informationen aufgetaucht, denen zufolge Zilk in den 1960er-Jahren als Spitzel für den damaligen tschechoslowakischen Geheimdienst tätig gewesen sein soll.

Legendäre "Stadtgespräche"

Zilk bestritt damals die Vorwürfe. Der ehemalige Dissident Havel jedoch, der wenige Monate vor seinem Einzug in die Prager Burg noch in einem Gefängnis der kommunistischen Machthaber gesessen war, blieb im anschließenden Wirbel aus Vorwürfen und Gegendarstellungen vorsichtig – und hielt an seinem Rückzieher fest.

Ursprünglich hatte er Zilk auszeichnen wollen, weil dieser sich – unter anderem in der österreichisch-tschechoslowakischen Gesellschaft – um die bilateralen Beziehungen verdient gemacht habe. 1964 hatte der damals bereits beim ORF beschäftigte spätere Fernsehdirektor Helmut Zilk zudem mit einer Sendung seiner "Stadtgespräche" für Furore gesorgt: Die gemeinsame Liveausstrahlung mit dem tschechoslowakischen Fernsehen half, die Zensur zu umgehen, und steht somit auch für die Anfangsphase jener Reformbewegung, die später als Prager Frühling in die Geschichte des Landes einging.

Kein Geheimnisträger

Die Geheimdienstvorwürfe ließen all das 1998 aber in einem fahlen Licht erscheinen. Später wurden weitere Details der angeblichen Spitzeltätigkeit Zilks veröffentlicht. Mehr als 50 Treffen mit Verbindungsleuten soll es in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre gegeben haben, insgesamt 55.000 Schilling und einen kleineren Betrag in Tschechoslowakischen Kronen habe Zilk von seinen Kontaktleuten erhalten. Experten weisen allerdings darauf hin, dass Zilk kein Geheimnisträger gewesen sei und somit höchstens Insiderwissen ausplaudern habe können, das sich nicht wesentlich vom allgemein bekannten politischen Diskurs in Österreich unterschieden habe.

Václav Havel bei Zilks Begräbnis im Jahr 2008: "Vielleicht haben wir ihn auch aus Unkenntnis verletzt."
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Für weitere Spekulationen sorgte dann eine Entschuldigung des mittlerweile ebenfalls verstorbenen Václav Havel bei Zilks Begräbnis im Jahr 2008: "Vielleicht haben wir ihn auch aus Unkenntnis verletzt", sagte Havel damals. Das nährte Gerüchte, wonach Zilk in Wahrheit auch Kontakte zu einem westlichen Geheimdienst, möglicherweise zur CIA unterhalten habe. In diesem Fall wären wohl eher seine tschechischen Verbindungsleute die Getäuschten gewesen.

Vollendung oder Schmähung?

So umstritten die Causa bis heute ist, so kontrovers wurde dieser Tage in Prag die Debatte über die posthume Auszeichnung geführt. Für die einen ist sie die Vollendung dessen, was Havel einst eigentlich gewollt hatte: eine Ehrung für einen Menschen, der die bilateralen Verbindungen stets hochgehalten und am Ende seinen Teil zum Fall des Eisernen Vorhangs beigetragen habe.

Zemans Krtiker wiederum sprechen von einer Trotzhaltung gegenüber Havel. Man kenne das ja von Zeman, erklärte etwa der Abgeordnete Marek Benda von der rechtskonservativen Demokratischen Bürgerpartei (ODS): "Das, was vor 1989 war, interessiert ihn nicht besonders", so Benda in Anspielung auf Zemans gute Beziehung zu Premier Andrej Babiš, der ebenfalls mit Geheimdienstvorwürfen konfrontiert ist.

Kritik an "Privatparty"

Insgesamt wurden am Montagabend an 42 Personen Auszeichnungen verliehen. Darunter befindet sich auch Ex-Präsident Václav Klaus – der Nachfolger Havels und Vorgänger Zemans. Der EU-Skeptiker Klaus ist unter anderem wegen seiner Amnestie für eine Reihe von Personen umstritten, denen Wirtschaftsdelikte aus der Zeit der Privatisierungen nach dem Sturz der kommunistischen Diktatur in den 1990ern zur Last gelegt wurden. Die Amnestie war eine seiner letzten Amtshandlungen. Kritisiert wurde auch, dass Zeman das abendliche Staatsbankett auf der Prager Burg zur "Privatparty" degradiere: Viele hochrangige Oppositionspolitiker haben nicht einmal eine Einladung erhalten. (Gerald Schubert, 28.10.2019)