Offen Konflikte auszutragen ist nicht zeitgemäß. Es will ja niemand streiten, wir sind ja zivilisiert. Klar Position zu beziehen ist auch nicht in. Modern ist, in großem, allumfassend freundlichem Habitus unklar und scheints offen zu sein. Keine "Front" zu liefern. Das führt zu gnadenlosem Kampf auf anderen Ebenen. Statt dem Gegenüber ins Gesicht zu sagen, was der Standpunkt ist, wird es via (Social) Media in die Welt gebracht. Als vermeintliches Argument, tatsächlich als harte Attacke.

Schlau gemacht als strategisch wohlgeplante Schachzüge inklusive durchdachter Demontage. Blöd gemacht als irgendeine Lüge oder Diffamierung, die möglichst nicht klagbar ist. So ist es augenscheinlich einmal bequemer. Kann von zu Hause aus geschehen – ein bissl reintippen, und go. Ein Fernzünder. Kennt man vom Gamen. Twitter ist voll davon. Sehr praktisch.

Es sei wieder schick, traditionelle Rollenbilder zu bedienen und zu leben, sagt die junge Philosophin Lisz Hirn.
Foto: Reuters/ALY SONG

Klar, denn echte Auseinandersetzung benötigt ein Sich-zur-Verfügung-Stellen. Durchargumentieren. "Exposure", wie die Finanzer das so locker nennen, wenn sie sich auf einer Marktseite positionieren.

Das ist anstrengend und angreifbar. Und, ja, es wird sowieso angegriffen – aber mit der großen unterdrückten Energie hinter der Freundlichkeit.

Einfach bequemer

Kein Wunder, dass viele junge Frauen sagen, sie seien "keine Feministinnen" oder "gegen die Quote" oder einfach, dass eh alles selbstverständlich in Ordnung ist in ihrer Generation. Die junge Philosophin Lisz Hirn, deren Anliegen es ist, Philosophie in den Alltag der Gesellschaft zu bringen, hat zu diesem Phänomen ein Buch geschrieben ("Geht's noch!"). Es sei wieder schick, sich in Abhängigkeiten zu begeben und traditionelle Rollenbilder zu bedienen und zu leben. Sie wettert natürlich dagegen und sieht Schaden für das soziale Gefüge – Papamonat für die Gutgestellten, Schweigen über Emanzipation in den anderen Milieus.

Das kann schon sein. Übrig bleibt allemal, dass es einfach bequemer ist. Es ist doch viel netter, als Frau, die jene ihr zugewiesenen Grenzen nicht "aggressiv" überschreitet, mit Handibussi und netten Komplimenten bedacht zu werden, denn als eine angegriffen zu werden, die fordert und damit Terrain, Macht und die eine einzige Wahrheit der anderen infrage stellt.

Es ist bequemer, in der analogen Wirklichkeit freundlich zu sein und in der virtuellen zuzuschlagen. (Karin Bauer, 31.10.2019)