Eine Wissenschafterin, die sich entscheiden muss, welchem ihrer beiden Kinder sie den Vorzug gibt: Die Britin Emily Beecham wurde in Cannes für ihren Part in "Little Joe" ausgezeichnet.

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Bedrohlich wirkt das zarte Pflänzchen gar nicht. Ein längerer, eher unansehnlicher Stängel, eine aus zackigen Blättern geformte Blüte. Der Spezialeffekt von Little Joe, der Blume, die in einem Gewächshaus von Botanikern eigens gezüchtet und genetisch manipuliert wurde, ist ebenso unspektakulär, beinahe drollig – und doch unheimlich. Die Blüte öffnet sich, und wie von fremder Hand gelenkt stäubt ein kleines Wölkchen daraus heraus. Wer die Pollen einatmet, der verändert sich. Oder ist das nur eine falsche Fährte?

Jessica Hausners Little Joe, die erste englischsprachige Produktion der österreichischen Filmemacherin, baut auf einer zentralen Ungewissheit auf. Wie beim berühmten Vorbild Invasion of the Body Snatchers benehmen sich die äußerlich unveränderten Menschen nicht mehr so, wie man sie zu kennen meint: erkaltet, nüchtern, vernunftgelenkt. Doch was in der Science-Fiction in mehreren Verfilmungen von einer äußeren Macht gesteuert wird, ist in diesem Fall wissenschaftlich fabriziert. Und bleibt obendrein nur eine Vermutung. Vielleicht ist ja alles nur Projektion.

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Wie alle Filme von Hausner birgt deshalb auch Little Joe im Kern ein höchst ironisches Anliegen. Es geht nicht um die Frage, wer Menschen manipuliert, sondern vielmehr darum, was uns am anderen unvertraut ist. Das Pflänzchen wurde gezüchtet, um seine Besitzer durch das "Mutterhormon" Oxytocin glücklicher zu machen. Nun wird es zum Statthalter eines Befremdens, das auch den eigenen Egoismus entlarvt. Vielleicht wollen wir das andere Wesen an unserer Seite eben nur so sehen, wie wir es gewohnt sind: wie die Wissenschafterin Bella (Kerry Fox), die sich von ihrem bellenden Hund nicht mehr geliebt fühlt.

Klar, Little Joe sei im Prinzip auch austauschbar, sagt Hausner dazu im Gespräch. In einer Frühphase des Projekts war es gar keine Blume, sondern Elektrosmog oder, Hausners Favorit, ein kernloser Apfel, der die Veränderungen auslöst. Die eine Idee stellte sich als zu abstrakt, die andere als zu konkret heraus. "Die Pflanze erwies sich als am geeignetsten, weil man den Duft unbeabsichtigt einatmen konnte. Und sie liefert das mir sehr wichtige romantische Motiv. Es ist ja kein Gentechnik-Thriller!" Aber es sei gar nicht so leicht, die Leute in diese Richtung zu führen – "in den Kritiken wurde immer wieder von Science-Fiction geschrieben".

Regisseurin Jessica Hausner über ihren Film: "Ich möchte Lücken schaffen. Es macht mir Spaß, dieses Unbehagen, diesen Zwiespalt zu säen."
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Die Britin Emily Beecham, die in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde, erweist sich als Idealbesetzung für die Rolle der Wissenschafterin Alice, schon durch ihr rotes Haar, mit dem sie aus dem pastellfarbenen Umfeld hervorsticht. Als Verantwortliche verteidigt sie ihr harmlos wirkendes Geschöpf wie ihr eigenes Kind gegen alle Anfeindungen.

Etwaige Nebenwirkungen will sie, die selbst mit Gefühlen zurückhaltend haushaltet – etwa hinsichtlich der Avancen eines Kollegen (Ben Whishaw) -, nicht erkennen. Hausner spiegelt die Frage, welche Konstellation eher zur Glückserfüllung beiträgt, raffiniert bis ins Private ihrer Heldin hinein. Mit dem eigenen Sohn hat Alice auch zu Hause jemanden, der sich von ihrer fürsorglichen Hand zu lösen beginnt.

"Man möchte fast gähnen", sagt Hausner dazu, "doch seit ich Mutter bin, musste ich mir oft die Frage anhören, ob man sich gut genug ums eigene Kind kümmert, wenn man Vollzeit arbeitet." Die Wissenschafterin, die Frankenstein noch übertrumpft und gleichsam "zwei Monster" erschafft, würde diese traditionellen Rollenbilder nochmals neu ausverhandeln. Und damit auch den Umstand, dass "viele Frauen den Vorwurf, ihre Mutterrolle zu vernachlässigen, auch als schlechtes Gewissen verinnerlicht haben".

Little Joe, eine Blume, die ihren Besitzer glücklicher machen soll.
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Die Qualität des Films liegt aber nicht nur in solchen inhaltlichen Verschiebungen zum Genrefilm, sondern in seiner leicht verschrobenen Tonlage – das Ergebnis einer Inszenierung, die der Künstlichkeit gegenüber dem Realismus den Vorzug gibt. Mithilfe seltsamer Farbkombinationen bei Kostümen, irritierend ins Leere zielender Kameramanöver oder der Perkussionsmusik des japanischen Komponisten Teiji Ito schafft Hausner ein Ambiente, das die Unwägbarkeiten des Plots noch verstärkt. Oft auch mit einer feinen Dosis Humor, sodass man die Verblüffung sogar auf Beechams Gesicht abzulesen meint.

So wie sie den Stoff gegen den Strich bürstet, sorgt Hausner also auch stilistisch für Irritationen. Es gehe ihr darum, Lücken zu schaffen, sagt die Filmemacherin zu ihrer Vorgangsweise, wogegen das Publikum ständig damit beschäftigt sei, Lücken wieder zu schließen. "Ich will den Zuschauer nicht herauskicken, aber es macht mir Spaß, dieses Unbehagen, diesen Zwiespalt zu säen, sodass man nie genau weiß, wie man das alles interpretieren soll."

Zur schon erwähnten Ironie von Little Joe gehört dann auch, dass Pflanze und Mensch einen ungewöhnlichen Waffenstillstand eingehen – eine letzte Volte in einem Film, der die Ambiguitäten zur höchsten Blüte treibt. (Dominik Kamalzadeh, 29.10.2019)