Inbegriff expressiver Keramik: Vally Wieselthiers Skulptur "liegender Akt" von 1928.

Foto: Galerie bei der Albertina – Zetter

Ob in edler puristischer Form oder in expressiver bunter Manier: Keramiken der Wiener Werkstätte (WW) sind in Museen weltweit vertreten. Auf die größte "Dichte" stößt man hierzulande im Museum für angewandte Kunst (Mak) oder im Leopold-Museum.

Eine Ausstellung, die einen Überblick über dieses Sortiment und die stilistischen Entwicklungen gibt, blieb Interessierten bislang verwehrt. Eine Nische, gemessen am kreativen Output heimischer Künstler, der einst repräsentativ für den Inbegriff des modernen, immer ein wenig seiner Zeit vorauseilenden Wiener Geschmacks stand. Eine Lücke, der sich die "Galerie bei der Albertina" seit 1990 annahm und aus der sich die Grundlage für die aktuelle Ausstellung Keramik in Wien 1900–1930 (bis 30. 11.) entwickelte.

Keramiken waren ein fixer Bestandteil der Produktpalette der WW, die sich von der Gründung 1903 an bis zu ihrer Liquidation 1932 an der Idee des Gesamtkunstwerks orientierte. Dementsprechend hoch waren die Ansprüche sowohl an das Design als auch an die handwerkliche Produktion. Bis 1917 wurden Keramiken außerhalb der WW produziert, teils in Kooperation und teils in Kommission übernommen. Beispielhaft dafür stehen die Kreationen von Michael Powolny, Bertold Löffler und Dagobert Peche.

Abkehr vom Purismus

In den Gebrauchsgegenständen und figürlichen Darstellungen spiegelte sich anfänglich sowohl die florale wie ornamentale Sprache des Wiener Jugendstils, wie Powolnys Tänzerinnen und Putten-Hundertschaften dokumentieren. Um 1910/12 gewinnt eine mondänere Gestaltung Oberhand, die etwa Eduard Klablena in seiner Werkstatt in Langenzersdorf für die WW ausführte. Die exakte Modellierung und die elegante Überfeinerung waren ein dominierendes stilistisches Merkmal.

Die Abkehr begann mit der Gründung der hauseigenen Künstlerwerkstätten 1917. Die bunte Expressivität und der freie künstlerische Ausdruck der dort geschaffenen Keramiken unterschieden sich deutlich vom Purismus der bisherigen Produktion. Maßgeblicher Gestaltungsträger war die Glasur: Nicht makellose Glätte war gefragt, sondern die durch Verrinnen, geplatzte Farbbläschen und unscharfe Grenzen erzielte Spontaneität. Dieser Symbiose aus Handwerk und künstlerischem Anspruch verschrieb sich eine Reihe von Absolventinnen der Kunstgewerbeschule, etwa Kitty Rix oder Susi Singer. Bis 1930 schufen sie für die WW sowohl Modelle für die serielle Fertigung als auch Unikate, die von Polemikern bisweilen als "Weiberkunst der Hofratstöchter" tituliert wurden. (Olga Kronsteiner, 30.10.2019)