Im Gastkommentar beharrt Vahidin Preljević, Germanist an der Universität Sarajevo, darauf, dass der Schriftsteller Peter Handke seit 1996 "unbeirrbar dasselbe monströse Narrativ, eine zynische Geschichtsfälschung" vertritt. Lesen Sie auch die bereits erschienenen Debattenbeiträge von Schriftstellerin Barbi Marković, Lehrer und Dozent Georg Cavallar, Kolumnist Paul Lendvai, Schriftsteller Marko Dinić und Leserin Teresa Reiter sowie Stimmen pro und kontra Handke von Horst Dieter Sihler, Iris Hajicsek, Claudia Erdheim, Otto Tremetzberger, Alexandra Gallen.

In einem dieser Tage aufgetauchten Interview aus dem Jahr 2011 finden sich Aussagen, die das Massaker von Srebrenica relativieren. Handke distanziert sich, das entspreche "nicht dem von mir Gemeinten".
Foto: REUTERS/Christian Hartmann

Hier wird nicht die Rede sein von Handkes großer Literatur, auch nicht von seinem mindestens ebenso großen Verrat an Literatur. Es geht um die Frage: Darf ein Autor im Namen der Literatur lügen? Und dürfen andere, sich ebenso hinter der ehrenwerten Literatur versteckend, diese Lüge verteidigen? Oder anders gefragt: Fallen nur die "Ungebildeten" auf "alternative Fakten" herein, oder geschieht das auch manchem Schriftsteller oder Literaturkritiker? Die Rhetorik einiger Handke-Verteidiger (ich bitte um Verzeihung wegen des Ausdrucks!) im Streit um die Deutung von Handkes Texten und Zeugnissen zum Jugoslawien-Thema gründet sich wohl auf einer Formel, die so lauten könnte: Das Offensichtliche (in der Handke-Deutung) sei immer das Falsche. Diese wird flankiert von einer Legende: Die Vorwürfe (Genozidleugnung, Verharmlosung von Verbrechen u. a.) gegen Handke würden sich nirgendwo belegen lassen.

Nun ist eine Quelle aufgetaucht, vor der selbst diese Rhetorik vorerst zu verstummen scheint. Das Interview für das obskure Organ Ketzerbriefe im Jahr 2011 ist seit Freitag auch der breiteren Öffentlichkeit bekannt. Handke sagt darin über Srebrenica: "... mir kommt es so vor, als sei es ein Racheakt der serbischen Seite gewesen. Nicht, dass ich es verurteilen würde, aber ich kann es auch nicht uneingeschränkt gutheißen." Mit anderen Worten: Er heißt die Ermordung von über 8.000 Menschen gut, aber vielleicht eben "nicht uneingeschränkt".

Unglaubwürdige Reaktion

Inzwischen lässt Handke über seinen Verlag verlautbaren: Er habe das Interview nicht autorisiert, dieses "entspricht nicht dem von mir Gemeinten". Das ist unglaubwürdig: Die narrative Linie des Gesprächs ist unmissverständlich: Die Massenermordung in Srebrenica wird eindeutig verharmlost, als eine Verschwörung des Westens dargestellt, der Genozid nicht nur als solcher geleugnet, sondern sogar gerechtfertigt, die Opfer werden verhöhnt.

Und wie lässt sich eigentlich der inzwischen berüchtigte Satz über die Mütter von Srebrenica verfälschen? "Überhaupt diese sogenannten Mütter von Srebrenica. Denen glaube ich kein Wort, denen nehme ich die Trauer nicht ab." Man muss kein kunstferner Moralapostel sein, um in einer solchen Verachtung für die Frauen, die ihre Söhne, Ehemänner und Brüder im Juli 1995 in systematisch organisierten Erschießungen verloren haben, eine menschenverachtende Äußerung zu erkennen. Sie dann auch noch eine "scheußliche Kopie" zu nennen zeugt von einer unsagbaren ethischen Untiefe.

Kopie der Rechtfertigungen

Ist da überhaupt ein "Missverstehen" möglich? Spricht aus der Bestürzung über ein solches Zeugnis eine Missliebigkeit gegen den Autor oder der "Schmerz" der Betroffenen, wie das vor kurzem Saša Stanišić vorgeworfen wurde? Oder ist es die oft apostrophierte Herkunft einiger Kritikerinnen und Kritiker, die Handkes Schriften und Äußerungen verfälschen, ohne sie zu lesen oder gar lesen zu können, wie manchmal unverblümt rassistisch angemerkt wird? Oder noch einmal: Wird das Offensichtliche wieder im Fall Handke als das Falsche diffamiert, nur weil es offensichtlich ist?

Handkes Reaktion, die dann schnell folgte, nachdem auch die schwedischen Medien darüber berichtet hatten, ist nicht viel mehr als eine Kopie seiner früheren Rechtfertigungen. Dieses Interview ist seit Jahren öffentlich und auch in Handke-Bibliografien verzeichnet. Warum hat er es nicht widerrufen? Vielmehr: Warum spricht er überhaupt mit einer solchen Zeitschrift? Warum mit diesen Publizisten, die seit Jahren verschwörungstheoretisches Gedankengut verbreiten, auch und gerade über Srebrenica? Er wusste sehr wohl, mit wem er sich da einlässt; immerhin hat er, warum auch immer, Bücher eines der beiden Interviewer gelesen.

Aber alle diese Fragen sind wahrscheinlich sinnlos, denn Handkes Aussagen im Interview sind keineswegs unvorsichtige Ausrutscher, sondern nur etwas eindeutigere Zeugnisse einer sonst konstanten Haltung.

Infame Inversion

Handke vertritt seit 1996 in seinen literarischen und weniger literarischen Texten und seinen öffentlichen Äußerungen unbeirrbar dasselbe monströse Narrativ, eine zynische Geschichtsfälschung: Die Opfer von Srebrenica seien demnach keine Opfer, sondern eigentlich Täter, die dann bei einer Racheaktion umgekommen sind. Auf eine ähnliche Denkfigur der Täter-Opfer-Vertauschung greift Handke auch im Falle von Sarajevo, Tuzla, Visegrad zurück. Sie findet sich ausgerechnet auch in dem SZ-Artikel von 2006, der immer wieder zu seiner Verteidigung und auch von der Schwedischen Akademie zur Rechtfertigung ihrer Entscheidung zitiert wird. Handke sagt hier zwar wirklich, Srebrenica sei "das schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das in Europa nach dem Krieg begangen wurde". Gleich einen Absatz weiter aber leugnet er ausdrücklich, dass dieses Verbrechen ein Völkermord war, sondern behauptet, dass nur auf das "von muslimischen Streitkräften Srebrenicas begangene(n) Massaker" "das Wort Genozid" zutreffe. Er vollbringt also eine infame Inversion: Die Genozidopfer verwandelt er zu Genozidtätern. Nur zur Erinnerung: Spätestens seit 2004 ist die Ermordung von über 8.000 Menschen in Srebrenica juristisch in mehreren Fällen vor UN-Gerichten als Völkermord eingestuft worden.

Der bekannte Einwand aus Handkes Rechtfertigungen, für ihn gelte nur das Schriftliche, ist in diesem Fall obsolet. Im Übrigen klingt das in einem Interview in dem Belgrader Blatt Večernje Novosti vom 9. April 2013 schon anders: "Das, was ich schreibe, und das, was ich sage, kann man nicht trennen." Naheliegend wäre es, ihn hier und in seiner Kontinuität seit 1996 mehr ernst zu nehmen als in sporadischen Rechtfertigungsgesten. Und dann sagt er noch etwas Bezeichnendes: dass nämlich das "wahre Europa nur noch in Serbien und der Republik Srpska" existiere, und zwar weil dort eine "Reinheit" herrsche, die "in Frankreich oder Deutschland nicht mehr zu finden" sei. Was für eine "Reinheit" das ist – und gerade dort, wo Kriegseliten wegen Völkermords aus ethnischem Reinheitswahn einsitzen –, will man sich erst recht nicht ausmalen. (Vahidin Preljević, 29.10.2019)