Ein Videorückblick auf die besten Schreie und Sager von John Bercow
DER STANDARD

Wie viele andere englische Vokabeln lässt sich auch das Wort für Ordnung auf sehr unterschiedliche Weisen aussprechen: "Oooda" oder "Oder", so sagen die Unterkühlten – und es klingt wie ein deutscher Fluss. "Order, O-O-O-Order!", pflegte Betty Boothroyd zu stammeln, mit erstaunlichem Effekt. John Bercow hat sich das Wort so zu eigen gemacht wie keiner seiner Vorgänger im Amt als Speaker des Unterhauses: "Ooordääär!" Vergnügt rufen sich Pubbesucher die Phrase zu, lautstark krähen sie schon die Zweijährigen im Sandkasten. Anglophile in aller Welt äffen begeistert den Mann im schwarzen Talar und der meist grellbunten Krawatte nach.

Viel zu lachen gibt es ja nicht im Brexit-Morast. Ausgerechnet an diesem Donnerstag muss man nun auch noch Abschied nehmen von dem 56-Jährigen, der Orientierungshilfe und Konstante war im Getümmel der Debatten, im Labyrinth von Gesetzen und Geschäftsordnungen und von Anträgen zur Geschäftsordnung.

Witz, Schlagfertigkeit und rhetorische Brillanz haben die meisten im Unterhaus – auch der Hang zum Theatralischen ist vielen Engländern und Walisern (weniger den Schotten und kaum den Nordiren) in die Wiege gelegt. Bercow repräsentiert sie und ihr Parlament auf unnachahmliche, gelegentlich unerträgliche Weise.

Unerschütterlicher Glaube an sich selbst

Der Sohn eines jüdischen Londoner Taxifahrers mit rumänischen Wurzeln hat sein mehrfaches Außenseitertum von Kindesbeinen an durch unerschütterlichen Glauben an die eigene Bedeutung kompensiert. Kein Zweifel: Bercow ist ein eitler Patron – seine fehlende Körpergröße macht er durch ein übergroßes Ego wett. Nachts muss er wohl Shakespeare und andere Wortschmiede studieren, denn schier unerschöpflich scheint sein Vokabular, und stets lässt er Gott und die Welt daran teilhaben.

Wenn die Parlamentarier wieder einmal gar nicht zum Ende kommen, mahnt Bercow zur Kürze, und zwar ausführlich. Wo eine kurze Phrase genügen würde, verwendet er eine mit glitzernden Kugeln behängte Satzgirlande. Beinahe rührend, wie berauscht der Speaker oft vom Klang seiner eigenen Stimme wirkt.

Über zehn Jahre im Amt

Zweifellos liebt er das Parlament, die archaischen Rituale, die altertümlichen Phrasen, das neugotische Bauwerk. Aber der 1997 ins Parlament gekommene Jungpolitiker war auch gewitzt genug, beizeiten den enormen Reformstau wahrzunehmen. Den Platz auf dem Thron des Speakers ergatterte der einstige Tory-Rechts-außen, indem er sich – nicht zuletzt unter dem Einfluss seiner Ehefrau – zur politischen Mitte entwickelte und gemäßigten Labour-Leuten sowie der wachsenden Zahl weiblicher Abgeordneter längst fällige Reformen versprach.

Gesagt – getan. In Bercows mehr als zehnjähriger Amtszeit sind die Sitzungstage familienfreundlicher geworden, und endlich hat das Hohe Haus einen Kindergarten. Minister mussten sich häufiger rechtfertigen, die Opposition erhielt mehr Sprechgelegenheit. Hinterbänkler aller Fraktionen kommen ausführlicher zu Wort. Dass Premierminister Boris Johnson und seine Vorgängerin Theresa May dem Parlament oft bis zu drei Stunden Rede und Antwort stehen mussten, hätte es in der Zeit vor Bercow kaum gegeben.

Seine Stärkung des Parlaments gegenüber der Exekutive hat Bercow immer wieder in heftigen Konflikt mit seinen einstigen Fraktionskollegen gebracht. So versöhnlich Johnsons spielerischer Abgesang auf den Speaker auch ausfiel: Viele Brexiteers misstrauten dem Schiedsrichter zutiefst.

"Brexit ist Schwachsinn"

Anlass dafür gab es genug. Bercows Neutralität hat geschadet, dass er im Gespräch mit Studenten sein Votum für den EU-Verbleib preisgab. Zudem prangt an einem Auto des verheirateten Vaters von drei Kindern ein Aufkleber: "Brexit ist Schwachsinn." Bei dem Gefährt, teilte der bekennende Feminist einem wütenden Tory mit, handele es sich "um das Auto meiner Frau. Und er wird doch nicht behaupten wollen, die Frau sei lediglich ein Anhängsel des Mannes?"

Schwerer wiegt die Änderung althergebrachter Konventionen, etwa wenn der Speaker Zusätze zu Regierungsanträgen zuließ, die bisher als unabänderlich galten. Hinweise von Verfassungsexperten auf Traditionen wischte Bercow beiseite: "Wenn wir uns immer nur an die Tradition halten würden, wäre keinerlei Veränderung möglich." Das stimmt einerseits; andererseits gerät im Reich der ungeschriebenen Verfassung rascher als anderswo die Balance aus Regeln, Gewohnheiten und Gesetzen ins Wanken.

Dass mit Ablauf des 31. Oktober zum dritten Mal ein Tag verstreicht, an dem Großbritannien endgültig aus der EU ausscheiden wollte, hat sicher ein klein wenig auch mit dem Speaker zu tun. John Bercow hat Geschichte geschrieben, nicht nur mit seinem unnachahmlichen Ruf: "Ooordääär!!!" (Sebastian Booorgääär! aus London, 31.10.2019)