Die großen Herausforderungen – von der Klimakrise bis zu Fragen, die die Digitalisierung aufwirft – kann eine Disziplin allein nicht behandeln, geschweige denn Lösungen liefern – so weit die Übereinkunft: Die Probleme müssen interdisziplinär unter Einbeziehung so vieler Perspektiven und Expertisen wie möglich angegangen werden.

Das heißt auch für Führungskräfte, dass sie aus ihren Disziplinen regelmäßig "aussteigen" und sich anderen Zugängen aussetzen müssen, um zu den bestmöglichen Antworten in ihrem Unternehmenskontext zu gelangen. Das ist (noch) nicht modern, aber dringend nötig. Etwa zum allgegenwärtigen Digitalisierungsimperativ. Da reicht es nicht, sozial erwünscht in Reden einzubauen, dass wir uns fragen sollten – eventuell –, ob wir alles machen sollen, was machbar ist. Denn Mainstreammotto ist: "Aus Daten müssen wir Gold machen!" Das ist zu hinterfragen.

Cui bono – wem nützt es?

Vor allem deshalb, weil der Usus, Daten für Vorhersagen einzusetzen, sich nachhaltig eingeschlichen hat. Für uns alle bedeutet das: Ein Algorithmus erkennt ein Muster und errechnet daraus unsere Zukunftschancen – werde ich in dem Job performen? Werde ich betrügen? Werde ich das Unternehmen bestehlen?

Eine tragende Frage könnte eines der berühmtesten Zitate der Geschichte sein: Cui bono – wem nützt es? Das leitet zu einer Grundhaltung des Hinterfragens an.
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Auch die demokratische Welt ist mittlerweile voll von diesen sogenannten Predictives. Man muss nicht weit, etwa nach China, blicken – auch hierzulande setzt sich das in der Jobwelt gerade durch. Und sortiert fleißig aus. Die Kritik am Algorithmus des Arbeitsmarktservice AMS, der beispielsweise einen Frauen-Bias hat (also Frauen per se geringere Vermittlungschancen im Matching zuordnet), ist da nur ein kleines Symptom dessen, was vor allem Führungskräfte zu hinterfragen haben – mithilfe der Expertise anderer Disziplinen als der Managementlehre.

Eine tragende Frage dabei könnte eines der berühmtesten Zitate der Geschichte sein: Cui bono – also wem nützt es? Das leitet zu einer Grundhaltung des Hinterfragens an, das stärkt gesunde Kritikfähigkeit. Und es impliziert Antworten auf unausgesprochene Fragen: Wem schadet es? Es können nie alle gewinnen, aber halbwegs klar zu sehen, wo und wem Schaden zugefügt wird, ist schon ein Schritt. In Sachen Digitalisierung gehört zum Cui bono jedenfalls eine Auseinandersetzung mit dem Wiener Manifest zum digitalen Humanismus. In viele Sprachen übersetzt und zentral für alle möglichen Mensch-Maschinen-Zukünfte. (Karin Bauer, 7.11.2019)