Bonn oder Genf, New York oder Nairobi? Die Suche nach einem Ort für die UN-Klimakonferenz läuft nach der überraschenden Absage Chiles auf Hochtouren. Bis zum eigentlich geplanten Start des zweiwöchigen Gipfeltreffens der Klima-Diplomatie sind es nur noch viereinhalb Wochen. Viele deutsche Politiker sehen Bonn als geeigneten Ersatz.

Die Stadt ist vor zwei Jahren schon einmal eingesprungen, das UN-Klimasekretariat hat dort seinen Sitz. Aber auch UN-Standorte wie New York, Genf oder die kenianische Hauptstadt Nairobi könnten infrage kommen. Deutschlands Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth zeigte sich mit Blick auf die Bonn-Forderungen am Donnerstag zurückhaltend. Es gehe nicht nur um Professionalität und Engagement, es müsse auch logistisch möglich sein, schrieb er auf Twitter. "Das ist für viele potenzielle Ausrichtungsorte die Problematik – auch für Bonn."

Unterdessen möchte man in Spanien am Termin festhalten. Präsident Pedro Sanchez hat angeboten, die Klimakonferenz – wie ursprünglich geplant – von 3. bis 13. Dezember in Madrid zu veranstalten.

Die Schilder standen bereits: Im Cerrillos Bicentennial Park in Santiago hätte die 25. Weltklimakonferenz stattfinden sollen. Daraus wird nichts.
Foto: AP/Esteban Felix

Zuerst Brasilien, dann Chile abgesprungen

Tatsächlich sollen bei der Ausrichtung eigentlich die verschiedenen Weltregionen abwechselnd zum Zuge kommen. 2017 war Bonn als Gastgeber für Fidschi eingesprungen, weil der kleine Inselstaat zwar den Vorsitz hatte, aber mit der Ausrichtung einer so großen Konferenz Probleme gehabt hätte. Es galt damals als wichtiges Signal, dass ein Inselstaat die Konferenz leitet, der von den Folgen der Erderhitzung besonders bedroht ist. Diesmal sollte Lateinamerika an der Reihe sein. Zunächst war aber Brasilien abgesprungen, nun auch Chile.

Eigentlich sollten Politiker, Wissenschafter und Vertreter von Wirtschaft und Gesellschaft vom 2. bis zum 13. Dezember in der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile zusammenkommen. Wegen der heftigen sozialen Proteste in dem südamerikanischen Land hatte die dortige Regierung am Mittwoch aber die Klimakonferenz (COP 25) ebenso abgesagt wie den Gipfel der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (Apec), der im November stattfinden sollte.

Regeln für Handel mit Verschmutzungsrechten

Zur vorigen Klimakonferenz im polnischen Kattowitz (Katowice) waren im vergangenen Jahr mehr als 20.000 Teilnehmer angereist, darunter auch viele Staats- und Regierungschefs. Es geht um die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens, mit dem die Weltgemeinschaft die Erderhitzung auf unter zwei Grad begrenzen will. Dieses Jahr soll es unter anderem darum gehen, nach welchen Regeln Staaten mit Verschmutzungsrechten handeln können.

Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg war unter anderem wegen der Klimakonferenz über den Atlantik gesegelt. Sie sei in Gedanken beim chilenischen Volk und warte nun auf weitere Informationen, schrieb sie auf Twitter. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums ist es nun Sache des Vorstands, über die nächsten Schritte zu entscheiden. Dazu gehören unter anderem der amtierende Präsident der vorigen Klimakonferenz, Michal Kurtyka, sowie Vertreter aus den fünf Regionalgruppen der Vereinten Nationen. Für die EU sitzt Frankreich im Vorstand.

Massenproteste in Chile

Die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen hatte noch am Mittwoch erklärt, Bonn stehe als Tagungsort bereit. Auch die Grünen machen Druck in diese Richtung. Der internationale Klimaprozess dürfe nicht ins Stocken geraten, erklärte ihr Bundestags-Fraktionsvize Oliver Krischer. Für die Bundesregierung wäre es die Chance, "nach Jahren der Stagnation und des Rückschritts der deutschen Klimapolitik mal wieder ein Zeichen zu setzen". Die Bonner Grünen-Abgeordnete Katja Dörner, die kommendes Jahr Oberbürgermeisterin der Stadt werden will, sagte: "Bonn kann es schaffen, für Santiago de Chile einzuspringen."

In Chile kommt es seit gut zwei Wochen zu regierungskritischen Massenprotesten, die öfter in Gewalt umschlagen. Es gab Tote, Verletzte und Tausende Festnahmen. Auslöser war eine geplante Erhöhung der Nahverkehrspreise. Inzwischen geht es aber um Ärger über niedrige Löhne, hohe Lebenshaltungskosten und soziale Ungleichheit. (APA, dpa, red, 31.10.2019)