Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan nennt die Resolution des US-Repräsentantenhauses eine "Beleidigung der ganzen Nation".

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In der Türkei ist die Armenien-Resolution des US-Repräsentantenhauses auf scharfe Kritik gestoßen. Präsident Recep Tayyip Erdoğan nannte dies eine Beleidigung der ganzen Nation und vermutete dahinter Machenschaften der Gülen-Bewegung. Kommunikationsdirektor Fahrettin Altun sprach von einer schweren Schädigung des bilateralen Verhältnisses.

Der Führer der größten türkischen Oppositionspartei CHP, Kemal Kılıçdaroğlu, warnte vor einem weiteren Zerwürfnis, sollte die Resolution auch im US-Senat verabschiedet werden. "Politik sollte kein Instrument der Rache sein", sagte er. Bis auf die prokurdische HDP verurteilten alle türkischen Parteien die Resolution.

Verschwörungstheorien

Was die Völkermorddebatte angeht, sind sich säkulare und religiös-konservative Türken oft einig. Während die Ereignisse von 1915 von nichttürkischen Historikern mittlerweile gut belegt und aufgearbeitet sind, ranken sich in der Türkei zahlreiche Verschwörungstheorien um die Massentötungen. Manche glauben, es seien nicht Türken, sondern Kurden gewesen, die die Flüchtlingstreks angegriffen hätten. Tatsächlich waren einige der Täter kurdische Freischärler gewesen, die aber auf Befehl der osmanischen Führung handelten.

Andere wiederum leugnen die Ereignisse schlicht völlig. Im heute meist kurdisch besiedelten Van in der Osttürkei, wo noch immer zahlreiche armenische Kirchen stehen, mutmaßt ein Taxifahrer, die Armenier seien eigentlich Juden und nach Israel ausgewandert. Aber auch reguläre Schulbücher vermitteln den Eindruck, man habe die armenischen Kinder und Frauen nur schützen wollen und sie deswegen evakuiert.

Für die kemalistische Führung war die Tötung der Armenier jahrzehntelang ein Schandfleck auf dem sonst so glorreichen Gründungsmythos der modernen Türkei, getreu dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Staatsgründer Kemal Atatürk, der noch immer wie ein Heiliger verehrt wird, gilt als säkularer, aufgeklärter Held, der aus den Trümmern des Osmanischen Reiches einen modernen Staat schuf. Ein in Kauf genommener Völkermord passt da ganz und gar nicht ins Bild. Eine kritische Aufarbeitung der Ereignisse konnte so nie stattfinden.

Literarische Aufarbeitung

Mit den Wahlsiegen der AKP unter dem jetzigen Präsidenten Erdoğan zur Jahrtausendwende kam zunächst etwas Bewegung in die Thematik. Durch den Schriftsteller Orhan Pamuk und den Journalisten Hrant Dink kam es zu einer literarischen Aufarbeitung. Letzterer wurde 2007 von einem türkischen Nationalisten erschossen. Eine türkisch-armenische Historikerkommission wiederum scheiterte am Widerstand der Armenier, die dadurch eine Relativierung der Ereignisse befürchteten. Seitdem Präsident Erdoğan 2015 eine autoritäre Wende vollzog und sich dem Koalitionspartner MHP annäherte, äußert er sich deutlich nationalistischer.

Unabhängig von der fehlenden türkischen Aufarbeitung der Ereignisse von 1915 kann man eine "Völkermordresolution", wie sie das US-Repräsentantenhaus – ausgerechnet am türkischen Nationalfeiertag – verabschiedet hat, kritisch betrachten. Der Straftatbestand des Genozids existiert erst seit 1948. Ihn rückwirkend auf Ereignisse anzuwenden ist rechtlich nicht unproblematisch. Die Bundesrepublik Deutschland wehrte sich aus genau diesen Gründen jahrelang dagegen, die Massaker an den Hereros im heutigen Namibia 1904 als Völkermord anzuerkennen. Erst im Juli 2016 bezeichnete der deutsche Bundestag die Ereignisse in der ehemaligen westafrikanischen Kolonie als Genozid – einen Monat vorher hatte man eine ähnliche Resolution zum Völkermord an den Armeniern verabschiedet. (Philipp Mattheis aus Istanbul, 31.10.2019)