Der Rezensent kommt zu dem Schluss: "Am Ende der Lektüre von John Kaags 'Das Bücherhaus' beginnt man, die eigenen Wohnverhältnisse abzuschreiten und darüber zu sinnieren, wo denn im eigenen Zuhause noch überall ein Buch hineinpassen könnte. Nein: würde. Nein: müsste!

Foto: Picturedesk.com / Westend61 / Holger Spiering

"Kinder halten die Umgebung, mit der sie vertraut sind, für normal. Daher nahm ich jahrelang an, dass alte Menschen ausnahmslos in Bücherhäusern wohnten, in denen jede Wand mit muffigen alten Bänden verkleidet war, welche die Geheimnisse von Geschichte, Politik, Philosophie, Religion und Kunst enthielten. Ich dachte, es sei durchaus üblich, zwischen Matzenknödelsuppe und gebratener Ente über die Vor- und Nachteile verschiedener obskurer sozialistischer Lehren zu debattieren."

5 Hillway, London N6. Von außen ein unauffälliges Doppelhaus. Innen aber beherbergte es einen Thesaurus der Gelehrsamkeit, einen gigantischen Schatz an gedruckten Büchern, an Ehrfurcht gebietenden Kostbarkeiten.

Das Ordnungssystem war nur dem beständigen Zusammenträger selbst bekannt, dem Hausbuch-Bewohner Chimen Abramsky (1916-2010). Dessen Enkel Sasha widmete ihm und seinem Gehäuse 2015 eine famose Hommage. Natürlich in Buchform.

Er erzählte in Das Haus der zwanzigtausend Bücher die ineinander verschränkte Geschichte des Lebens seines Großvaters, der zum Ordinarius für Hebräisch und Judaistik am University College in London berufen wurde – die Masterarbeit hatte der Studienabbrecher und Marxist als hochgelehrter Buchhändler und Antiquar als Formalie nachzureichen -, und dessen Hauses, das ein gigantischer Bücherkasten war.

Überall hatte sein bibliomaner "zaydeh"(Jiddisch für Großvater, Anm.) Bücher, Manuskripte, Folianten gelagert, verstaut, hineingeschoben in überquellende Regale, auf dem Boden gelagert, bis die aufeinandergestapelten Druckwerke ihn schwankend überragten.

Im Grunde hielten die Bücher das Haus statisch gesehen aufrecht. Einzig die Küche und die kleinen Badezimmer blieben vom Bücherlindwurm verschont, der sich im Lauf mehrerer Jahrzehnte durch das gesamte Gebäude schob und es schließlich restlos ausfüllte.

Und dann, am Ende der Welt ...

John Kaag: "Das Bücherhaus. Eine philosophische Liebesgeschichte". Aus dem Englischen von Martin Ruben Becker. 11,40 Euro / 352 Seiten. Btb-Verlag, 2019
Cover: btb

Ein Kontinent weiter. Der US-Bundesstaat Massachusetts. Von Boston nach Norden, auf der Route 16 nach New Hampshire, dann weiter durch das Städtchen Chocorua, durch das Dorf Madison, links auf die Route 113, in einen Wald, einen Hügel hinauf, und dann, am Ende der Welt, West Wind, ein Haus, das die Bibliothek des Philosophen William Ernest Hocking enthält.

Dieser Philosoph (1873-1966) ist heute vergessen. Nur durch Zufall stieß 2008 John Kaag, Jungprofessor an der University of Massachusetts bei Boston, auf das Bücherhaus. Ihm oblag, eine Konferenz über William James, einen der wichtigsten Philosophen und Theologen des 19. Jahrhunderts, in New Hampshire zu organisieren.

Auf der Fahrt zum Veranstaltungsort legte er eine Kaffeepause ein und kam mit einem hochbetagten Mann ins Gespräch, der sagte, er sei am Zaun eines bücherimmensen Philosophenhauses aufgewachsen. Was Kaag hochneugierig machte.

Von der dort verstaubten und mottigen Hand- und Privatbibliothek Hockings mit Erstausgaben, Widmungsexemplaren und seltenen Bänden aus drei Jahrhunderten, von Descartes über Emerson bis zu Charles Sanders Peirce, spinnt Kaag in seinem essayistischen, feinsubjektiv geschriebenen Band Fäden in die Historie, ins Denken.

Und ins eigene Leben, zum Tod des Vaters, der Auflösung seiner Ehe, der Flucht in die Arbeit. Um diese Bibliothek zu erforschen und ihre Geheimnisse auszuleuchten, lud er eine Fakultätskollegin, in die er sich verliebt hatte, unerwidert, wie er gesteht, nach West Wind ein. Es stellte sich heraus, dass sie eine scharfe Rivalin um den ausgeschriebenen Philosophielehrstuhl war.

Zahlreiche Vignetten summieren sich zu einem instruktiven Gesamtbild amerikanischer Philosophie, so auch der Originaltitel, zwischen 1830 und 1930. Das Ganze kommt leicht daher, ironisch, noch stärker selbstironisch. Die gelehrten, klugen, tiefen Bücher bringen Kaag dazu, über Liebe und emotionales Scheitern nachzusinnen, über Lebenshilfe und Einsamkeit.

Am Ende dieses Bandes beginnt man, die eigenen Wohnverhältnisse abzuschreiten und darüber zu sinnieren, wo denn im eigenen Zuhause noch überall ein Buch hineinpassen könnte. Nein: würde. Nein: müsste.

Und was fehlt.

Liebhaber der Weltliteratur

Tobias Blumenberg: "Der Lesebegleiter. Eine Entdeckungsreise durch die Welt der Bücher." 28,80 Euro / 784 Seiten. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2019
Cover: Kiepenheuer & Witsch

Fehlt denn hier etwas, in diesem monströs erschreckenden Bücherlabyrinth des Philosophensohnes Tobias Blumenberg? Der sechzigjährige hauptberufliche Dentist aus Südwestdeutschland legt ein fast 800 Seiten starkes Buch der Bücher vor. Er hat es im Wortsinn als Amateur geschrieben, als "Liebhaber".

Auf Seite 19 findet man den ersten durch Herausstellung und andere Typografie extra betonten Signalsatz, der alle weiteren auf den folgenden 760 Seiten erklärt: "Lesen ist keine Kunst, sondern eine Notwendigkeit."

Und fünf Seiten weiter verwirft er die Behauptung, Lesen sei eine Kunst, in Bausch und Bogen. Sondern: Lesen ist eine Chance! Das Buch selbst lehre, was zu tun sei. Blumenberg bekennt, dass er ein geduldiger Leser ist. Das musste er wohl immer schon sein – allein das Personen- und Titelregister umfasst 60 (!) Druckseiten.

Blumenberg erzählt sich von Cervantes Don Quijote, Dostojewskis Der Idiot und Melvilles Moby-Dick entlang schier endloser Bücherregale und durch die gesamte Weltliteratur hindurch, vom Gilgamesch-Epos bis zu Peter Bichsel und Christoph Ransmayr.

Es ist schwindelerregend, was er alles kennt. Und selbst Bibliophile dürften hier noch eine Zauberfülle an Neu- und Wiederentdeckungen machen, quer durch alle Genres: die hohe und höhere Belletristik ebenso wie den Kriminalroman, die Sage, das Märchen.

Selbst durch seichte Unterhaltung, die Bücher Karl Mays oder Eugenie Marlitts, und verschollene Autoren vergangener Jahrhunderte (Otto Ludwig) pflügte er sich. Kunst im Buch, der Schelmenroman, die Geschichtsschreibung zwischen Leopold von Ranke und Golo Mann, der französische Roman zwischen Casanovas Memoiren, Balzacs OEuvre und Émile Zola, Russlands Epen, der Gesang vom Ich, all dem ist ein famos verständliches Kapitel gewidmet.

Eine Kreuz- und Querfahrt, während der man vielen bekannten Namen auf ungewohnte, oft erhellende Weise begegnet. Und während der so vielen wenig Bekannten bis völlig Vergessenen Gerechtigkeit widerfährt, ob Albert Vigoleis Thelen oder Wolf von Niebelschütz, Arno Holz, Anatole France oder Dr. Samuel Johnson.

Man ist geradezu froh, eine winzige Handvoll Namen zu finden, die abgehen. (Obwohl: Auch die dürfte Tobias Blumenberg kennen.) John Dickson Carr etwa, den Champion der "locked-room mystery", Henri Michaux und Georges Perros, Terry Southern, Richard Brautigan und Max Aub. Aus Österreich: George Saiko, Hannelore Valencak und Albert Paris Gütersloh.

Anfänge, immer wieder

Wolfgang Paterno (Hg.): "Das erste Mal. Autorinnen und Autoren über ihr erstes Buch." 22,- Euro / 176 Seiten. Czernin-Verlag, Wien 2019
Cover: Czernin

Woher nimmt man angesichts dieser myriadenhaften Fülle noch die Hybris, ein weiteres Buch zu schreiben, ja überhaupt schreiben zu wollen?

Der Profil-Redakteur Wolfgang Paterno bat 30 österreichische Schriftstellerinnen und Schriftsteller nun um Erinnerungen an ihr erstes Buch. Beziehungsweise das, so Daniel Wisser, nullte.

Wie dessen Debüt Dopplergasse acht entstand? Wie jedes fruchtbare Schreiben, so der Träger des Österreichischen Buchpreises von 2018, "in einem Augenblick, in dem eine andere Arbeit gemacht werden sollte, der ich partout entgehen wollte".

Es liegt auf der Hand, dass hinsichtlich Temperamente, Vorgehensweise, retrospektiver Erklärung große Unterschiede zutage treten. Bei Wolfgang Hermann gibt es einen hochernsten Bericht vom heiligen Schreiben, das "immer das Eintreten in die Verwandlung der Welt in Schrift war".

Dafür kam Peter Henisch nach vielen Verlagsabsagen unerwartet zum ersten Buch – ein Lektor des deutschen S.-Fischer-Verlags meldete sich bei ihm. Das Debüt hieß 1971 Hamlet bleibt. Im Abstand von fast 50 Jahren bekennt Henisch: Ich erkenne mich darin durchaus wieder.

Peter Stephan Jungk fand in den 1970er-Jahren einen Kontakt ebenfalls zu S. Fischer, weil der damalige Cheflektor eigentlich seinen Vater akquirieren wollte und dann Interesse an Texten zeigte, die Jungk junior über seine Zeit in Los Angeles schrieb.

Anna Kim verfasste immer wieder neue Varianten und Versionen ihres ersten Manuskripts, das sie versuchte, im englischen Cambridge zu einer Einheit zusammenzuführen. Was nicht gelang. Den Text hat sie noch heute, gespeichert auf Disketten, die sie theoretisch zwar abspielen kann, praktisch – ein Unterschied zu Henisch – jedoch davor zurückschreckt, das zu lesen, was ihr einst nah war.

Michael Köhlmeier überarbeitete seinen Peverl Toni fünf Jahre lang, fing immer wieder von vorn an, weil er am Ende des Korrekturgangs realisierte, dass das neue Finale nicht zum Anfang passte.

Kurt Palm hätte einst fast den "Wien-Krimi" erfunden, wenn er nicht nach 20 Seiten – sein Wiener Philip Marlowe hieß Erwin Müller – den Handlungsfaden verloren hätte.

Daniel Kehlmann macht auf eines aufmerksam: Der erste Roman sei vielleicht der einzig wahrhaftige der Schreibkarriere, entspringe es doch "ganz und gar innerer Notwendigkeit und existenziellem Bedürfnis", so Kehlmanns Fazit. Das ist mehr als diskutabel. Dann imaginiert der Erfolgsautor die perfekte Welt. In einer solchen "würde vielleicht jeder nur ein Buch schreiben. Und mit dem wäre alles gesagt."

In seiner Vorbemerkung zitiert Paterno den im Dezember seinen 90. Geburtstag feiernden Schweizer Autor Paul Nizon. Dieser hielt in einem seiner Tagebücher fest, dabei an sich selbst als literarischen Novizen zurückdenkend: "Der junge Schriftsteller, der Debütant, möchte nur eines: gedruckt werden. Mit dem gedruckten Buch wird er erst Schriftsteller, das genügt vorerst, er ist beim ersten Buch der einzige Schriftsteller auf der Welt, alles liegt offen vor ihm."

Karin Peschka kehrt die Fragestellung aufregend geistreich um. Viel spannender sei doch die Frage nach dem letzten Buch, das sie schreiben würde, eines, das noch nicht anekdotisch patiniert sei – und noch nicht im Regal stehe. (Alexander Kluy, 2.11.2019)