Die Demonstrationen im Herbst 1989 in Rostock sind Geschichte.

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Rostock, Kröpeliner Straße, Herbst 2019. Es ist an diesen auch an der Ostsee ungewöhnlich warmen Herbsttagen einiges los in der Einkaufsmeile. Die Kröpeliner Straße ist für die Rostocker so etwas wie die Kärntner Straße für die Wiener.

Oder besser: wie die Herrengasse für die Grazer. Rostock ist Provinz und verhält sich größenmäßig zur Metropole Berlin ähnlich wie Graz oder Salzburg zur Bundeshauptstadt Wien.

Aber auch wenn im Stadtzentrum der Hansestadt viel Betrieb ist: Vor 30 Jahren war es hier deutlich enger. Zehntausende gingen im November 1989 auf die Straße. Die einen für Reformen in der DDR, die anderen gleich für die Auflösung des Staates.

Als junger Journalist aus dem Westen war man von der Dimension und dem Ablauf der Demos schnell ziemlich beeindruckt. Im Bericht der Volksstimme stand dann unter dem Titel "Das Volk hat die Sprache wieder" zu lesen: "Disziplinierter können Demonstrationen nicht verlaufen. Die Aufforderungen zur Gewaltlosigkeit wirken. So ist in Rostock, einer Stadt in der Größe von Graz, bei rund 50.000 Demo-Teilnehmern kein einziger Polizist notwendig."

Die Ereignisse von 1989 sind längst Teil der Geschichtsbücher, die Kröpeliner Straße sieht aus wie alle anderen Einkaufsstraßen in irgendwo, austauschbar und gesichtslos. Die gleichen internationalen Bekleidungsgeschäfte, die gleichen Fastfood-Ketten, überall der gleiche Tand "made in Fernost" und am Rand auch einer, der in den Mistkübeln nach Pfandflaschen suchen muss.

Kommerzialisierung der Wende: die Kollektion "NEUNZEHNHUNDERT89" von H&M.
Foto: Thomas Neuhold

An den Umbruch 1989 erinnert in der bunten Konsumwelt fast nichts mehr. Nur an der Auslage der schwedischen Modekette H&M klebt ein QR-Code. Er bewirbt die Kollektion "NEUNZEHNHUNDERT89".

Der Reinerlös des Verkaufs gehe an Organisationen, die sich für Demokratie und Toleranz einsetzen, verspricht die aufs smarte Handy geladene Werbebotschaft. Man darf sogar abstimmen, an welchen Verein das Geld überwiesen werden soll. Ganz schön demokratisch, die neue Konsumwelt.

Revolutionäre Matrosen

Die Kommerzialisierung der Geschichte treibt immer wieder seltsame Blüten. Auch in Rostock. Wenige Meter neben der H&M-Filiale findet sich ein Plakat, das für die Rostocker Weinmesse wirbt.

Das Sujet zeigt die Figuren der Gedenkstätte revolutionärer Matrosen am Rostocker Stadthafen. Eine Erinnerung an die Novemberrevolution 1918, errichtet im Jahr 1977. Heute müssen die roten Matrosen als Werbebotschafter für Rotwein herhalten. Auch eine Form, mit Geschichte umzugehen.

Wobei das Monumentaldenkmal ein gutes Beispiel dafür ist, dass zumindest die Rostocker den vielfach auf Auslöschung der DDR-Vergangenheit, der DDR-Identität ausgerichteten Umgang mit Geschichte nicht so einfach mitmachen. Jüngstes Beispiel dieser Auslöschungsfantasien ist die Abrissdiskussion um den denkmalgeschützten Kulturpalast in Bitterfeld aus den 1960er-Jahren. Dort, in Sachsen-Anhalt, bahnt sich ein echter Kulturskandal an.

Das Denkmal der revolutionären Matrosen hingegen werde saniert, erzählt Thomas Werner. Eine Entscheidung, die vor 20 Jahren noch nicht mehrheitsfähig gewesen wäre, wie der Bereichsleiter für Kulturförderung im Rostocker Rathaus meint. Heute gehörten die Matrosen wieder "zur Identität der Stadt", genauso wie der "Pornobrunnen".

Gedenkstätte revolutionärer Matrosen in Rostock.
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So wird die Ansammlung nackter Figuren des "Brunnens der Lebensfreude" aus dem Jahr 1985 am Rostocker Universitätsplatz im Stadtzentrum von den Locals liebevoll genannt. Aber selbst nicht denkmalgeschützte Ensembles und Platzgestaltungen würden bei der Sanierung im Stil der 1970er belassen.

Historisch bedeutsam

Und wie präsent ist die Wende von 1989 heute, drei Jahrzehnte später? Die Beteiligung an Diskussionen und Veranstaltungen sei "übersichtlich", sagt Werner diplomatisch. Was rein rechnerisch nicht verwundert. Inzwischen ist eine Generationenepoche vergangen. Heute 40-Jährige waren 1989 gerade einmal zehn und können sich in Sachen DDR bestenfalls noch dunkel an Grundschule und Ferienlager erinnern.

Dabei ist die Hafenstadt Rostock für die Bürgerbewegung durchaus historisch bedeutsamer Boden. Hier im Stadtteil Evershagen war der spätere Bundespräsident Joachim Gauck Pastor. Heute hängt ein kleines Bild von ihm im Rathausfoyer – er ist Ehrenbürger von Rostock.

Sonst fällt sein Name in keinem einzigen Gespräch. Und in der Rostocker Marienkirche machte Willy Brandt Anfang Dezember 1989 in einer legendären Rede die Zusage, dass sich der Westen gegenüber dem Osten nicht "als Vormund aufschwingen" werde.

Eine Ansage, die man rückblickend im freundlichsten Fall als reichlich naiv werten darf. Da war der beißende Spott in linken bundesdeutschen Medien damals schon realistischer: "Mieten wie in Leipzig, volle Regale wie in Hamburg", höhnte beispielsweise das Magazin "Konkret" damals zum inhaltlichen Dilemma der Bürgerbewegung.

Illusionen gab es jede Menge. Auch und erst recht in der DDR-Bürgerbewegung. Der Arzt und Sprecher des Neuen Forums in Rostock, Harald Terpe, gab für die Volksstimme im November 89 zu Protokoll, ein Anhängen an die BRD "stehe überhaupt nicht zur Diskussion". Der DDR-Kulturbund träumte von einem ökosozialen Modell. Es kam völlig anders. Auch für Terpe. Er macht als Bundestagsabgeordneter der Grünen Politkarriere.

Bilanz der Wende

Im Rathaus gibt man sich immerhin Mühe, ein wenig von der Historie zu vermitteln. Hier präsentiert Volker Höffer eine Fotoausstellung über die Wendezeit 89/90. Am Abend gibt es dann noch eine kleine Diskussionsrunde. Veranstalter ist neben Stadt, Kirchengemeinde und dem Verein "Bunt statt Braun" auch die Behörde von Volker Höffer.

Er hat eine Visitenkarte mit Bundesadler, schwarz-rot-goldenem Balken und einer dreizeiligen Amtsbezeichnung "Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik". Höffer ist Leiter des Stasi-Archivs in Rostock.

In dieser Funktion kann er auch seinen Landsleuten ins Gewissen reden: Die Mehrheit der DDR-Bürger sei 1989 "nicht auf der Straße gewesen", viele wären nur wegen der schlechten Versorgungslage "genervt" gewesen.

Wer heute unzufrieden sei, solle eine Bilanz im Vergleich zu vor 30 Jahren ziehen. Höffer vergleicht die Entwicklung in Ostdeutschland auch mit jener in Rumänien oder Bulgarien: Man habe einen stabilen und vor allem solventen Westpartner gehabt, "der uns nicht mit den alten Kadern allein gelassen hat".

Quoten-Ossi

Mehr Verständnis für den Frust-Osten hat Bernhard Schmidtbauer. Der Redakteur der Ostsee-Zeitung war selbst Aktivist und hat später die Rolle der Bürgerbewegung 89/90 dokumentiert und wissenschaftlich aufgearbeitet.

"Die Westeliten haben bis heute alle höheren Posten im Osten", bilanziert Schmidtbauer. Und das nicht nur im öffentlichen Dienst. Sabine Lucas, einst Vertriebsbereichsleiterin eines US-Konsumgüter-Konzerns im mittleren Management, bestätigt das: "Ich war der Quotenossi", sagt die pensionierte Managerin. Nachsatz: "Und die Quotenfrau auch gleich dazu."

Allein schon die Wortwahl des erfahrenen Journalisten Schmidtbauer verrät, wie tief sich die Frustration in Teile der ostdeutschen Gesellschaft eingegraben hat: Er berichtet von der "Wiedervereinigungskriminalität" und dem "Wüten der Treuhand".

Schmidtbauer erzählt auch von der "Todesalterkohorte"; gemeint ist jene Generation "Wendeopfer", die zu jung für die Rente gewesen sei, aber zu alt, um nach der Wende Neues zu beginnen und so in den abgewickelten Betrieben feststeckte. Dann kamen die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, der Vorruhestand und eine Minirente.

Wende 2.0 und Lichtenhagen

Ein Ventil findet diese Entwicklung im Durchmarsch der äußersten Rechten bei den Wahlen – vor allem in den ökonomisch oft desolaten Landgemeinden – sowie in der zunehmenden Faschisierung des öffentlichen Diskurses.

Propagandistisch geschickt haben sich die Rechtsextremisten das Wendegedenken unter den Nagel gerissen: "Vollende die Wende" oder "Wende 2.0" sind einige jener Slogans, mit denen die AfD die Deutungshoheit für das Erbe der Bürgerrechtsbewegung für sich in Anspruch nimmt. Dass einige der AfD-Demagogen selbst aus dem Westen kommen, macht die Sache noch perfider.

Das AfD-Thema überlagere alles, sagt Stasi-Akten-Archivar Höffer. Durch die AfD-Erfolge gewinne die Auseinandersetzung mit den eigentlichen Zielen der Bürgerbewegung wieder größere Bedeutung, findet auch Schmidtbauer. Wobei im linksliberalen Klima der Hansestadt die extreme Rechte nicht so recht durchkommt. 9,6 Prozent erreichte die AFD bei der Bürgerschaftswahl 2019, stärkste Fraktion ist

Die Linke, da hinter Die Grünen. Im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern hingegen ist die AfD bereits Dritte, Tendenz steigend. Bei den Europawahlen 2019 rangierten die Rechten landesweit an zweiter Stelle.

Kulturförderungsleiter Werner betont in diesem Zusammenhang aber auch ein ganz anderes Thema: Das Trauma von Lichtenhagen 1992 sei eigentlich das zentrale Thema der Erinnerungsarbeit in Rostock, sagt er. Mehr als die Wende selbst.

Abgrenzung gegen rechts

Das Pogrom, bei dem der rechtsradikale Mob ein Wohnheim ehemaliger vietnamesischer Vertragsarbeiter und -arbeiterinnen im Stadtteil Lichtenhagen attackierte und in Brand steckte, lastet schwer auf der Stadt Rostock.

Der betrunkene Deutsche mit Hitlergruß, Deutschland-Leiberl und vollgepinkelter Trainingshose hat sich tief in das kollektive Gedächtnis Europas eingegraben, Rostock-Lichtenhagen steht für das Gesicht des hässlichen Deutschen, vor dem man Angst haben muss.

Lange Zeit hätten Theatergruppen aus dem Ausland mit farbigen Schauspielern einen Auftritt in Rostock mit dem Verweis auf Lichtenhagen abgelehnt, erzählt Werner. Die Angst besteht zu Recht: Der Mord der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" an einem jungen Türken in Rostock sei "als Referenz an Lichtenhagen" erfolgt, sagt Werner.

Er verknüpft die notwendige scharfe Abgrenzung gegen rechts auch mit der wirtschaftlichen Zukunft Rostocks: Die Stadt am Meer lebe auch vom Tourismus, "da kann es nicht kleinkariert zugehen". (Thomas Neuhold, 5.11.2019)