Am ehemaligen Grenzübergang Bornholmer Straße in Berlin erinnern heute Fotos an den historischen Moment. Aram Radomski wurde am 9. November 1989 zunächst ausgebürgert, dann ging er als Erster in den Westen.

Foto: Birgit Baumann, Picturedesk

"Hier war es, hier waren die Grenzanlagen", sagt Aram Radomski und deutet mit der Hand nach Osten. Der Blick folgt und bleibt an einem Discounter hängen. Heute ist der historische Ort an der Bornholmer Straße in Berlin lächerlich profan, Kunden schieben ihre Einkaufswagen, die Autos rauschen auf vier Spuren vorbei.

Daran, dass hier vor 30 Jahren, am 9. November 1989, Weltgeschichte geschrieben wurde, erinnern nur noch ein paar Tafeln mit Fotos aus der "Nacht der Nächte". Und es gibt natürlich noch immer die Böse-Brücke, die im Volksmund auch Bornholmer Brücke genannt wird. Über diese haben tausende Menschen ihre ersten Schritte von Ost nach West in die Freiheit gemacht.

"Der Abend begann eigentlich unspektakulär", erzählt Radomski. In Ostberlin, unweit der Bornholmer Straße, sitzt der damals 26-Jährige mit seiner Freundin vor dem Fernseher, es läuft live eine Pressekonferenz. Ewig lange referiert Politbüromitglied Günter Schabowski die zehnte Tagung des SED-Zentralkomitees. Das Übliche – bis die Rede auf die geplante neue Reisefreiheit kommt, die die protestierenden Menschen beruhigen sollte.

Trabanten passieren kurz nach dem Mauerfall den Kontrollpunkt Bornholmer Brücke in Berlin.
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Schabowski berichtet, dass man eine Regelung getroffen habe, die "es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen". Ab wann, wird er gefragt. Schabowski kramt in seinen Zetteln und stottert kurz vor 19 Uhr den berühmten Satz: "Das tritt ... nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich."

"Da war jetzt doch irgendwas anders, der hat was Neues gesagt", erinnert sich Radomski. Damals, zu DDR-Zeiten, arbeitet er schon als Fotograf. Er geht in eine Kneipe ums Eck, trifft dort auf seinen Kumpel Siegbert Schefke, und man beschließt: Das schauen wir uns persönlich an.

Die beiden machen sich auf den Weg zur Bornholmer Straße, wo zu diesem Zeitpunkt noch nichts los ist. Ein paar Volkspolizisten kommen ihnen entgegen, aber deren Botschaft lautet: Hier gibt es heute nichts, gehen Sie mal besser wieder nach Hause.

"Privatreisen nach dem Ausland"

Aber Radomski und sein Begleiter denken nicht daran, sie gehen weiter bis direkt vor die Grenzanlagen. Dort herrscht Stille. Warum, das wurde erst nach dem Mauerfall klar. Schabowski hat die neue Regelung, der zufolge "Privatreisen nach dem Ausland" von jedermann beantragt werden und diese "ständigen Ausreisen" dann über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu Westberlin erfolgen können, zu früh verlesen.

Eigentlich hätte diese Regelung erst ab 10. November gelten sollen. Die Grenzsoldaten waren damals überhaupt noch nicht informiert. Radomski also steht zunächst mal rum, es kommen nun auch mehr Menschen, die ebenfalls kieken wollen, ob sie rüber können. Irgendwann wird es Radomski zu blöd, er sagt zu einem der Grenzsoldaten: "Ich will den diensthabenden Offizier sprechen."

30 Jahre später erzählt er das so locker, dass man staunt. Hat er nicht Angst gehabt? Hat er sich an das Tian'anmen-Massaker erinnert? Nur wenige Monate zuvor, im Juni 1989, hatte das chinesische Militär in Peking Demonstrationen für mehr Demokratie gewaltsam niedergeschlagen, 2600 Menschen starben.

Heimliche Filmaufnahmen

"Nein", sagt er, "die Angst hatte ja längst die Seite gewechselt." Es waren nun die Grenzer, denen die Unsicherheit anzusehen war. Sie merkten, da ist was im Gange. Aber keiner wusste, was genau.

Seine Furchtlosigkeit in jenen Minuten erklärt Radomski so: "Es war alles in Auflösung, seit Wochen wurde in der DDR protestiert. Nur wenige Tage zuvor, am 4. November, hatten eine Million Menschen am Alexanderplatz in Berlin demonstriert, auch an die Grenze kamen immer mehr Menschen, das gab Sicherheit."

Es war nicht das erste Mal, dass sich Radomski in Gefahr begeben hatte. Er engagierte sich in der DDR-Opposition, dokumentierte Umweltschäden und den Zerfall der Städte. Einen Monat vor dem Mauerfall, am 9. Oktober 1989, nahmen er und Schefke in Leipzig heimlich jene Montagsdemonstration auf, die maßgeblich zum Ende der DDR beigetragen haben.

Die Bilder vom Mauerfall gingen um die Welt.
Foto: APA / dpa / DB

Eigentlich hätte die DDR-Führung diese unterm Deckel halten wollen. Doch Radomski und Schefke filmten vom Turm der Reformierten Kirche, wie 70.000 Menschen durch die Leipziger Innenstadt zogen und unter den Augen der Sicherheitskräfte "Wir sind das Volk" riefen.

Das Material schmuggelten die beiden, obwohl sie unter Stasi-Beobachtung standen, in den Westen, es wurde in den Tagesthemen gezeigt. "Es war wichtig, dass die Kraft der Menge zu sehen und zu hören war", sagt Radomski.

Vor kurzem hat er von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland für seinen Mut erhalten.

Was es heißt, ins Visier der DDR-Obrigkeit zu geraten, hat Radomski am eigenen Leib erfahren. Er sollte seinen regimekritischen Vater, den Schriftsteller Gert Neumann, ausspionieren. Als er sich weigert, wird er in den Jugendknast gesperrt. Nach seiner Entlassung ist seine Freundin, eine mongolische Gaststudentin, weg. Die Stasi hat für ihre Ausreise gesorgt. Der junge Mann sieht sie nie wieder.

Ausbürgerung an der Grenze

Doch daran denkt Radomski am 9. November an der Bornholmer Straße nicht. Mittlerweile ist Harald Jäger, der Chef des Grenzpostens, zu ihm gekommen. Der weiß auch nichts von einer "Grenzöffnung", sagt aber: "Wenn Sie wünschen, können Sie ausreisen." Die Strategie dahinter: Man will die "Lästigen", die "Drängler", loswerden.

Radomski bekommt einen Stempel in den Personalausweis und ist somit ausgebürgert, was ihm zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht klar ist. Dann öffnet sich eine Türe, und er kann über die Böse-Brücke in den Westen gehen.

"Es war dunkel und unspektakulär", so beschreibt er seine ersten Schritte in die Freiheit. Wo genau der Westen anfängt, weiß er nicht. Es wird aber deutlich, als er am Ende der Brücke zwei Mercedes-Taxis erblickt. Eines nehmen er und Schefke, der Fahrer will erst mal wissen, ob die beiden überhaupt bezahlen können.

Das geht klar, man hat 100 West-Mark dabei. Los geht die Fahrt durch den 28 Jahre lang abgetrennten Teil Berlins, und Radomski ist erst mal enttäuscht: "Ich hatte immer gedacht, im Westen sieht es überall so aus wie am Ku'damm."

Stattdessen: graue Häuser, wenig Licht. Und irgendwann doch die Erkenntnis, dass gerade etwas Großartiges passiert ist. "Ich glaube, die haben gerade die Mauer aufgemacht", sagt der Grenzgänger zum Taxifahrer.

Die erste Nacht verbringt der Fotograf bei Freunden und in einer Kneipe. Mittlerweile werden die Bilder vom Mauerfall weltweit gesendet. Am späten Abend hatte Grenzschützer Jäger erklärt: "Wir fluten jetzt." Hinter Radomski waren Tausende in den Westen geströmt. Die "Ausbürgerung" hatte sich erledigt, die DDR war am Ende.

Als "Held" fühlt er sich überhaupt nicht. Dass er beim Mauerfall der Erste war, findet Radomski eher "historisch lustig". Wenn er auf die schwierige Zeit und die Repressalien in der DDR zurückdenkt, betont er: "Ich hasse keinen, so etwas kenne ich gar nicht." Aber er sagt auch: "Niemand hat je Verantwortung übernommen und sich bei mir entschuldigt." (Birgit Baumann, 4.11.2019)