Die meisten Regionen in Ostdeutschland gelten als "abgehängt". Es gibt wenige Ärzte, kaum öffentlichen Verkehr, der Weg zum Einkaufen ist weit. Das erzeugt Frust und bringt der AfD viele Stimmen.

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Birnen, Äpfel, Thunfisch, Salat, WC-Papier, Mehl, Zucker, Eiersalat, Zahnpasta, Brot zum Aufbacken – der Einkaufswagen, den "Helmut Kohl" im sächsischen Kodersdorf zum Auto schiebt, ist voll. "Ich kaufe nur einmal pro Woche ein, ich muss ja jedes Mal zehn Kilometer fahren", sagt der 70-Jährige.

Er heißt nicht wirklich wie der frühere deutsche Kanzler, möchte aber seinen richtigen Namen nicht nennen. "Helmut Kohl passt schon. Der hat uns doch die blühenden Landschaften versprochen. Aber ich sehe sie leider immer noch nicht", meint er und fordert: "Schauen Sie sich doch um!"

Zu sehen gibt es im sächsischen Landkreis Görlitz, dem östlichsten Deutschlands nahe der Grenze zu Polen und Tschechien, vor allem Natur. "Wir sind hier am Ende der Welt, oft habe ich das Gefühl, die haben uns vergessen", sagt der Mann. Über die DDR kann und will er nicht viel Schlechtes sagen.

"Ja, klar, das mit der Stasi war nicht in Ordnung. Doch wenn man sich nichts zuschulden kommen lassen hat, dann passierte ja nichts. Aber die Leute hatten Arbeit, die Kinder wurden betreut, und es gab in jedem Dorf einen Konsum. Heute ist alles so mühsam geworden."

Was der Unzufriedene beschreibt, nennt das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung "abgehängte Region". Alle 401 deutschen Landkreise wurden für eine Studie untersucht, das Fazit ist für die neuen Bundesländer ernüchternd: Besser aufgestellt sind die Regionen um Berlin, Dresden, Leipzig und Jena. Die Menschen in den meisten Landkreisen aber müssen mit "vergleichsweise geringen Teilhabechancen leben".

Keine Breitbandversorgung

Niedrig sind dort Einkommen und Steueraufkommen, höher als im Durchschnitt ist die Anzahl der Schulabbrecher und derer, die Sozialhilfe (Hartz IV) beziehen. Ebenfalls kennzeichnend: wenig Breitband, wenig Nahversorgung.

"Das war früher anders, ich fand das Leben in der DDR gut", sagt auch Evelin Bergmann, parteilose Bürgermeisterin des Ortes Neis seaue. Es ist die östlichste Gemeinde Deutschlands, jene, in der die AfD bei der Wahl am 1. September mit fast 50 Prozent ihr Rekordergebnis holte. Auch anderswo im Wahlkreis ist sie stark: Kodersdorf 37 Prozent, Niesky 38 Prozent.

Der Weg zu Bergmann in der Herbstsonne ist ein einsamer. Auf den Feldern, den Wiesen und in den Gärten des Dorfes ist kein Mensch zu sehen. Für die Bürgermeisterin resultiert der Frust gar nicht so sehr aus der wirtschaftlichen Lage.

"In der Gemeinde haben wir keine Arbeitslosen mehr, es werden überall Fachkräfte gesucht", sagt die 61-Jährige. Doch es wirke bis heute nach, was nach der Wende mit vielen Betrieben passierte: "Alles wurde niedergetrampelt, viele mussten schließen. Das Lebenswerk vieler Menschen war nichts mehr wert. Ein großer Teil der Menschen verzeiht das bis heute nicht."

Warten, bis auch mal ein Bus vorbeikommt. In vielen Regionen Ostdeutschlands dauert das ziemlich lange. Es gibt dort auch kaum große Unternehmen, die Wirtschaftsleistung ist nach wie vor schwächer als im Westen.
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Viele alten Strukturen brachen zusammen, die neuen reichen nicht. "Wir haben eine schlechte Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz, und wer kulturell etwas erleben will, der hat keine Chance", erzählt Bergmann. Der Bus in die nächste Stadt, Görlitz, fährt vormittags um drei viertel Neun und um kurz nach zwölf, der letzte um 16.51 Uhr.

Zwar gibt es mittlerweile wieder mehr Landesförderung für Feuerwehr und Breitbandausbau. Aber, so Bergmann: "Dass der ländliche Raum so vernachlässigt wird, das nehmen die Leute übel."

Zwanzig Prozent hinten

Und auch, dass so viele "Wessis" immer noch auf die "Ossis" herunterschauen. "Wir haben in der DDR hart gearbeitet, härter als so mancher im Westen", sagt Bergmann. Doch mit den Zahlen lässt sich das subjektive Empfinden oft nicht zusammenbringen.

Eine Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) bescheinigt der ostdeutschen Wirtschaft nach wie vor 20 Prozent geringere Produktivität als im Westen. "Das reichste ostdeutsche Land, nämlich Sachsen, ist ärmer als das ärmste westdeutsche Land, das Saarland", sagt IWH-Chef Reint Gropp.

Die Gründe dafür: Im Osten gibt es kaum große Betriebe, 464 der 500 größten deutschen Unternehmen haben ihren Sitz im Westen. Gropp: "Und die zahlen einfach besser."

In Städte investieren

Doch auch kleine Betriebe im Westen schneiden besser ab als im Osten. "Im Osten bekommen Unternehmen immer noch regionale Subventionen, wenn sie Arbeitsplätze halten, darunter aber leidet die Arbeitsproduktivität pro Kopf", sagt Gropp.

Der Ökonom hat einen radikalen Vorschlag gemacht: Der Staat möge doch nur noch dort investieren, wo es sich ökonomisch lohnt, also in den Ballungsregionen, aber nicht mehr auf dem platten Land: "Das Geld kommt nun mal nicht vom lieben Gott. Man muss es da reinstecken, wo Bedarf ist. In der Stadt rechnet sich jeder Euro doppelt."

In Krauschwitz (3459 Einwohner) an der polnischen Grenze verlangt Mario Mackowiak das Gegenteil. "Ja, wir haben Infrastruktur bekommen. Aber es muss viel mehr gemacht werden, sonst werden wir hier völlig abgehängt."

Der 59-Jährige absolvierte eine Ausbildung zum Gießereifacharbeiter, arbeitete in der Keulahütte und stieg nach der Wende zum Geschäftsführer auf. "Ich habe Angebote aus dem Westen bekommen, aber ich bin in der Heimat geblieben", sagt er. Viele aber sah er weggehen, weil sie in der Region keine Chancen sahen: "Vor allem junge Frauen sind flexibel, die fangen woanders neu an."

Immerhin gibt es in Krauschwitz ein Badeparadies mit Sauna. Mackowiak kennt Leute, die immer noch davon träumen, dass VW ein Werk in den Landkreis setzt oder ein anderes großes Unternehmen für Aufschwung sorgt. "Aber das ist vorbei, das kommt nicht mehr", sagt er, "wir müssen hier unseren kleinteiligen Mittelstand und die Handwerker stärken."

Benachteiligt bei Bildung

Den Osten nicht aufzugeben, das mahnt auch das Berlin-Institut ein. Die Politik müsse "überall im Land gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen". Die wichtigste Grundversorgung: Bildung.

Hier seien junge Menschen in den "strukturell angeschlagenen Gebieten erheblich benachteiligt". Das, sagt Neisseaues Bürgermeisterin Bergmann, habe es in der DDR nicht gegeben: "Jedes Kind hatte die gleichen Chancen. Heute ist der Kampf für viele nur noch erniedrigend." (Birgit Baumann, 2.11.2019)