Der Wahlkampf ist in vollem Gange, am Dienstag heißt es Abschied nehmen von den bisherigen Unterhaus-Abgeordneten, viele wollen nicht wieder antreten. Vor dem Zapfenstreich haben die Volksvertreter aber am Montag noch eine wichtige Aufgabe zu bewältigen: In geheimer Wahl bestimmen sie die Nachfolgerin oder den Nachfolger von Parlamentspräsident John Bercow, dessen Ordnungsruf "Ooooordäääär!" viele Brexit-Debatten begleitet hat. Wer auch immer nach dem langwierigen Wahlverfahren auf dem Thron des Speakers Platz nimmt – er oder sie wird den Ton der zukünftigen Brexit-Debatte prägen.

Zehn Jahre lang sorgte John Bercow im britischen Unterhaus für Ruhe und Ordnung. Im September verkündete er seinen Rücktritt mit spätestens 31. Oktober.
DER STANDARD

In seiner 642-jährigen Geschichte hat das Amt nicht allen Inhabern Glück gebracht, einige von Bercows Vorgängerinnen und Vorgänger mussten sogar ihr Leben lassen. Der von Heinrich VIII. aufs Schafott geschickte Thomas More (1478–1535) schaffte es posthum sogar zum Heiligen. Diese Qualifikation wird anno 2019 nicht mehr verlangt; immerhin aber zählt zu den Außenseiterkandidaten ein früherer Pfarrer, der heutige Labour-Abgeordnete Christopher Bryant.

Angesichts der teilweise blutigen Geschichte ihrer Vorgänger lassen sich der oder die Gewählte bis heute scheinbar gegen ihren Willen zum Speaker-Thron zerren – nach der Wahl werden sie in einem zuweilen bizarr wirkenden Schauspiel von ihren Kolleginnen und Kollegen an den Sitz des Parlamentsvorsitzenden gezogen. In Wirklichkeit stellt das hohe Amt eine Auszeichnung für altgediente Parlamentarierinnen oder Parlamentarier dar. Mit dem schönen, dem Premierminister gleichgestellten Gehalt von 175.500 Euro pro Jahr geht außerdem das kostenlose Wohnrecht im Palast von Westminster einher.

John Bercow geht – wer künftig in rhetorischer Brillanz die Debatten des Unterhauses leitet, entscheidet sich am Montag.
Foto: AP / UK Parliament / Jessica Taylor

Zudem war es bisher üblich, dass die großen Parteien im Wahlkreis des Speakers auf Gegenkandidaten verzichteten und dadurch die Wiederwahl des angeblich unparteiischen Schiedsrichters sicherstellten. Traditionell wechselt sich ein Vertreter der beiden großen Parteien in dem Amt ab. Und da Bercow 2009 als Konservativer gewählt wurde, wäre diesmal Labour dran.

Parteiadel und Geschlechter

Das macht Bercows langjährigen Stellvertreter Lindsay Hoyle zum Favoriten für seine Nachfolge. Gegen den leutseligen, über Parteigrenzen hinweg beliebten und erfahrenen Mann aus einer alten Politikerfamilie spricht aber vor allem sein Geschlecht.

Dieser Tage erklären viele Frauen ihren zumindest zeitweiligen Rückzug aus der Politik und begründen dies mit der brutalen Härte bis hin zu Morddrohungen, mit der gegen die Volksvertreterinnen polemisiert wird. Die zweite Frau auf dem Speaker-Thron nach Betty Boothroyd (1992–2000) könnte ein Zeichen setzen.

Begünstigte dieser Überlegung wären vor allem Hoyles Stellvertreterinnen Eleanor Laing von den Tories und Rosie Winterton von Labour. Möglich wäre aber auch, dass die Stimmung zwei anderen Labour-Frauen, Margaret "Meg" Hillier und Harriet Harman, entgegenkommt. Besonders die 69-jährige frühere Vize-Parteichefin und Kabinettsministerin Harman hat offensiv mit dem Argument für sich geworben, es sei Zeit für die zweite Frau im Amt.

Der Wahlkampf geschah weitgehend im Verborgenen – die Labour-nahe PR-Expertin Scarlett MccGwire wundert sich im Gespräch mit dem STANDARD über Harman und Hoyle, die sich dieser Tage ausführlich porträtieren ließen: "Die Wählerschaft sind die anderen Abgeordneten. Die lassen sich von Medienartikeln kaum beeinflussen." Wichtig sei vielmehr das geduldige Werben um jede einzelne Stimme.

Das Wahlverfahren ist recht kompliziert: Hat niemand eine absolute Mehrheit, scheiden so lange jene aus, die einen bestimmten Grenzwert nicht erreichen, bis es zur Stichwahl zwischen nur noch zwei Vertretern kommt. Egal, wer sich am Ende zum Thron zerren lässt: Er oder sie dürfte ruhiger zu Werk gehen als der extrovertierte und weitschweifige Bercow.

Ein anderer nahm sich Sonntag aus dem Rennen. Nigel Farage will nicht für seine Brexit-Partei bei der Unterhauswahl kandidieren. Er bleibt damit im EU-Parlament – bis zum Brexit. (Sebastian Borger aus London, 4.11.2019)