Lindsay Hoyle, Spross aus altem Labour-Adel, hat es geschafft.

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Egal wie die Wählerschaft das Parlament im Dezember zusammensetzt – im Londoner Unterhaus herrscht ab sofort ein anderer Ton. In quälend langem, umständlichem Verfahren bestimmten die Abgeordneten der zu Ende gehenden Legislaturperiode am Montagabend die Nachfolge für den vergangene Woche aus dem Amt geschiedenen Speaker John Bercow. Dabei distanzierten sich sämtliche Kandidaten – vier Frauen und drei Männer – mehr oder weniger deutlich vom langjährigen Parlamentspräsidenten, präsentierten sich teilweise sogar als Anti-Bercow.

In mehr als zehn Jahren auf dem grünen Thron im holzgetäfelten Plenarsaal hat Bercow das Amt geprägt. Seit 2009 sind die Sitzungstage familienfreundlicher geworden, das Hohe Haus bekam einen Kindergarten. Minister mussten sich viel häufiger als früher auch kurzfristig für ihre Entscheidungen rechtfertigen, die Opposition erhielt mehr Gelegenheit zu Debatten, Hinterbänkler kamen ausführlicher zu Wort.

Brexiteers misstrauten Bercow

Diese Stärkung des Parlaments gegenüber der traditionell übermächtigen Exekutive dürfte die Ära Bercow überleben. Hingegen brachte der eitle Speaker immer wieder die Kollegen, nicht zuletzt aus der eigenen Fraktion, gegen sich auf, weil er den Klang seiner eigenen Stimme zu sehr liebte und einige Lieblingsfeinde häufig rüde zurechtwies. Am Ende misstrauten vor allem Brexiteers dem Schiedsrichter des Parlaments zutiefst, weil dieser in den Austrittsdebatten der vergangenen Monate immer wieder eine Präferenz für Brexit-Gegner erkennen ließ.

Diese Stimmung nahmen am Montag sämtliche Nachfolgekandidaten auf, sprachen wie Bercows bisherige Stellvertreterin Rosie Winterton (Labour) von einer "versöhnenden Rolle", forderten wie deren Fraktionskollege Chris Bryant eine "Rückkehr zum Regelwerk: Der Speaker ist Schiedsrichter, kein Spieler." Die Tory-Abgeordnete Eleanor Laing, ebenfalls bisher Stellvertreterin Bercows, wurde noch deutlicher: "Als Speaker herrscht man nicht, sondern man dient dem Haus."

325 gegen 213 Stimmen

Da Bercow als Konservativer gewählt worden war, standen diesmal die Chancen für einen Labour-Vertreter besser. Und tatsächlich schafften es Bryant sowie Lindsay Hoyle, Bercows erstrangiger Vize, in den letzten Wahlgang. Am Ende gewann Hoyle mit 325:213 Stimmen. Bereits in den vorhergegangenen Runden war der leutselige, über die Parteigrenzen hinweg beliebte und erfahrene Mann aus altem Labour-Adel – schon sein Vater vertrat die Arbeiterpartei mehr als zwei Jahrzehnte lang im Unterhaus – seiner Favoritenrolle gerecht geworden.

Im Schatten der Speakerwahl hielt sich die EU-Kommission am Montag im Hinblick auf die Optionen bedeckt, sollte Großbritannien keinen EU-Kommissar stellen. Die Behörde unter Ursula von der Leyen tritt am 1. Dezember an, die Briten sind zu diesem Zeitpunkt jedoch weiter EU-Mitglied. (Sebastian Borger aus London, 4.11.2019)