Erfolgreiche Integration sei nicht nur ablesbar an perfekten Sprachkenntnissen, sagt Ali Can. Er kritisiert, dass an Menschen mit Migrationsgeschichte oft andere Maßstäbe angelegt werden.

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Das US-amerikanische Politmagazin Politico kürte Ali Can zu einem der 28 Menschen, die die Welt 2019 am meisten verändern werden. Mit der Initiative #MeTwo löste er 2018 eine internationale Debatte über Alltagsrassismus aus. Zehntausende Menschen mit Migrationshintergrund teilten auf Twitter ihre persönlichen Erfahrungen mit Rassismus – im Job, auf der Straße, in der Schule. Am Donnerstag um 19 Uhr spricht Can im Wiener Zoom-Kindermuseum im Rahmen der "Zoom-Lectures" über sein neues Buch Mehr als eine Heimat. Wie ich Deutschsein neu definiere (Duden Verlag 2019), über Alltagsrassismus und darüber, wie Integration gelingen kann.

STANDARD: Wie definieren Sie denn Heimat und Deutschsein?

Can: Heimat wurde oft mit dem Geburtsort oder einem geografischen Ort in Verbindung gebracht, meist in Bezug auf die Nationalität. Ich spreche lieber von Heimatgefühlen. Es kommt auf Beziehungen an und ob Menschen das Gefühl haben, dass sie willkommen sind und sich entfalten können. Es geht um Vertrautheit. Die kann man an verschiedenen Orten erleben. Darum hat mein Verlag, der Duden-Verlag, vor kurzem auch die Pluralform "Heimaten" aufgenommen, weil man mehr als eine Heimat haben kann. Ich wurde auch oft gefragt: Als was fühlst du dich? Als Deutscher? Türke? Kurde? Die meisten Menschen gehen von kultureller Eindeutigkeit aus. Die gibt es nicht. Deutschsein ist die Summe der Menschen, die in Deutschland leben. Das ist auch wichtig für das Thema Integration. Rassismus, Stereotype und Vorurteile sind der größte Störfaktor bei Integration.

STANDARD: Was braucht es für gelingende Integration?

Can: Man muss die Menschen, die kommen, auch einladen und ermutigen. Für mich war Deutschsein immer Freundschaft, in der Schule, beim Fußball oder Theaterspielen – während meine Eltern eine ganz andere Geschichte haben. Sie haben einen Döner-Imbiss, dort arbeiten sie, und sie sprechen gebrochen Deutsch. Von außen würden manche vielleicht sagen, das sind schlecht integrierte Migranten. Aber der Punkt ist: Sie mussten in einer fremden Gesellschaft, ohne die Sprache zu beherrschen und einen Beruf zu haben, Arbeit finden, Geld verdienen, herausfinden, wie funktioniert das mit der Post oder im Gesundheitswesen. Es ist ja mehrfach belegt, dass man bei Job- und Wohnungssuche struktureller Diskriminierung ausgesetzt ist, wenn man einen sichtbaren Migrationshintergrund hat. Und trotzdem haben sie es geschafft, sich so zurechtzufinden, dass wir Kinder in einer viel besseren Ausgangssituation sind als sie damals. Meine Eltern sind Integrationshelden. Darum ist es nicht verwunderlich, dass ich die Sprache fließend spreche und mich gesellschaftspolitisch engagiere, denn meine Eltern hatten ganz andere Herausforderungen. Die sind genauso gut integriert wie ich, meine Eltern sind genauso deutsch wie ich, wenn auch anders. Sie müssen halt nicht bestimmte oberflächliche Merkmale erfüllen wie die Sprache fließend sprechen.

STANDARD: Aber ist die Kenntnis der deutschen Sprache nicht auch eine Antwort auf eine "Einladung", Teil der Gesellschaft zu werden?

Can: Ja klar ist Sprache wichtig – dass die Menschen in einem Umfeld leben, in dem sie Freunde haben, ihren Job machen und vor allem eine freiheitlich-demokratische Grundhaltung haben, es also wichtig finden, dass Meinungs- und Pressefreiheit herrschen, dass die Menschenwürde unantastbar ist, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Das ist viel wichtiger, als die Sprache perfekt zu können. Ich habe da einen schönen Test: Bei einem deutschen oder österreichischen Menschen, der keinen Migrationshintergrund hat und zum Beispiel in einem beschaulichen Örtchen seinen Schrebergarten hat und mit niemandem sonst, weder Fremden noch Andersdenkenden, in Kontakt kommt, würde keiner sagen, dass der nicht integriert ist. Bei Migranten schon. Das ist eine Zweiklassengesellschaft.

STANDARD: Was hat die #MeTwo-Debatte verändert?

Can: Einer der größten Erfolge von #MeTwo ist, dass wir Betroffene, die eine Migrationsgeschichte haben und immer wieder Vorurteilen ausgesetzt oder Zielscheibe von Rassismus der AfD oder der FPÖ sind, den Mut fassen, für uns selbst zu sprechen und diesen Rassismus sichtbar zu machen. Da wurde eine Schallmauer im Diskurs durchbrochen. Man hat Solidarität gespürt und gemerkt: Ich bin nicht allein mit diesen Erfahrungen. #MeTwo war ein Zeichen für Integration, weil Menschen, die Ungleichheit oder Ungerechtigkeit erfahren, sich emanzipieren und gesellschaftspolitisch mitmischen und zeigen, dass wir angekommen sind. Integration in der höchsten Form ist für mich politische Teilhabe.

STANDARD: #MeTwo hat auch institutionellen Rassismus in Schulen aufgezeigt. Was ist da zu tun?

Can: Es braucht für Lehrkräfte erst einmal eine ganz intensive Schulung für den Umgang mit Migration, denn Lehrerinnen und Lehrer – ich gehöre auch dazu – sind ja auch nur ein Abbild der Gesellschaft und haben tendenziell genauso Vorurteile. Eine experimentelle Studie der Uni Mannheim von 2018 etwa zeigte, dass angehende Lehrkräfte Grundschulkinder mit ausländischen Namen schlechter bzw. strenger benoten als Kinder mit deutschem Namen. "Max" bekam bessere Noten als "Murat" – bei gleicher Leistung, also identer Fehlerzahl. Viele Lehrkräfte haben noch immer gewisse Schubladen im Kopf. Mir gab die Lehrerin in der vierten Klasse eine Hauptschulempfehlung, weil sie dachte, dass ich dort unter meinesgleichen besser zurechtkomme und es im Gymnasium schwer haben würde. Meine Eltern wurden nicht mal beraten. So etwas passiert immer noch.

STANDARD: Die türkis-blaue Regierung hat in Österreich ein Kopftuchverbot in Kindergärten und Volksschulen für Mädchen bis zehn erlassen. Es gibt muslimische Kritiker, die nennen das rassistisch. Ihre Meinung dazu?

Can: Ich bin ein großer Unterstützer des Neutralitätsgebots in öffentlichen Bildungseinrichtungen. Wenn das für alle Religionen gilt, bin ich absolut dafür, das Kopftuch wie andere religiöse Symbole in Kindergärten und Schulen möglichst zu verbieten. Dann kann man aber auch das Kreuz an der Wand oder die Halskette der Pädagogin nicht erlauben. Ich finde es reformpädagogisch sehr wichtig, dass Kleinkinder in Bildungsräumen möglichst wenig mit Ideologie oder Religion in Kontakt kommen, sondern mehr mit Werten, ohne dass man sie aus Elternsicht indoktriniert. Sie sollten möglichst ihre eigene Meinung bilden. Diesen Schutzraum sollte es geben.

STANDARD: Gibt es nicht auch Rassismus gegenüber Mitgliedern der sogenannten Mehrheitsgesellschaft – als Christen, als "Ungläubige", als Weiße, als "Biodeutsche", die auf deutschen Schulhöfen "Kartoffeln" genannt werden?

Can: Keiner derer, die #MeTwo-Anekdoten geschrieben und Rassismuserfahrungen erzählt haben, sagte, dass die gesamte Gesellschaft, dass alle Deutschen oder Österreicher rassistisch und böse sind. Rassismus ist eher etwas, das wir alle in uns haben. Wir müssen von dem Bild wegkommen, dass Rassismus bedeutet, dass man gewalttätig gegen Fremde wird. Rassismus fängt schon in der Sprache oder Haltung an. Bei Rassismus geht es um gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Tendenzen in der Gesellschaft. Rassismus ist im System: Als weißer, heterosexueller Mensch ohne Migrationshintergrund kann man keinen strukturellen Rassismus erfahren.

STANDARD: Die #MeTwo-Debatte verhandelte auch positiv konnotierten Rassismus. Was meint das?

Can: Wenn zum Beispiel ein Schwarzer in der Schule im Turnunterricht einen Punkt Abzug bekommt, weil die Lehrerin denkt, dass der sowieso einen Vorteil hat, weil er Afrikaner ist und deswegen gut laufen könne. Oder "Die Brasilianer haben Rythmus im Blut." Das ist auch Rassismus. Rassismus ist nicht erst Gewalt, sondern beginnt schon in der Haltung, dass man Menschen auf bestimmte Merkmale reduziert und dann einer Gruppe zuordnet, die vermeintlich homogen ist. (Lisa Nimmervoll, 6.11.2019)