Die East Side Gallery in Berlin ist das längste Stück Mauer, das es 30 Jahre nach der friedlichen Revolution noch gibt. Beliebt ist sie bei Touristen.

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Historiker Kowalczuk: nach 1990 nur gewonnen.

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STANDARD: Ihr neues Buch heißt "Die Übernahme – Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde". Das klingt wenig begeistert und nicht nach Einheit.

Kowalczuk: Es ist natürlich als Provokation gemeint. Aber wenn man sich den Vereinigungsprozess genau ansieht, sieht man viele Züge einer Übernahme. Es ging alles sehr schnell, alle wollten die D-Mark, und die konnte nur kommen, indem der DDR eins zu eins das Wirtschafts- und Sozialsystem der Bundesrepublik übergestülpt wurde.

STANDARD: Aber die Ostdeutschen haben sich bei der ersten freien Volkskammer-Wahl 1990 selbst für diesen Weg entschieden.

Kowalczuk: Ja. Viele Bürgerrechtler, ich auch, wollten einen langsameren Weg zur Einheit. Aber das war nicht mehrheitsfähig. Und die, die aufs Tempo drückten, konnten die Folgen nicht erahnen.

STANDARD: Sie meinen den wirtschaftlichen Zusammenbruch?

Kowalczuk: Das Problem waren vielmehr die Begleiterscheinungen des Strukturwandels. In der DDR gab es zehn Millionen Beschäftigte. Bei der überwiegenden Mehrheit war um den Arbeitsplatz das gesamte soziale, politische und kulturelle Leben gruppiert – von der Betreuung der Kinder über Sport- und Kulturvereine bis zur Betreuung der Alten. Dieses Netz ging mit der Schließung vieler Betriebe unwiderruflich verloren. Viele Ostdeutsche vermissen diese soziale Wärme, wobei vielen gar nicht bewusst ist, was sie genau vermissen.

STANDARD: Und vergessen dabei Stasi und Unfreiheit?

Kowalczuk: Ich habe, wie viele andere auch, durch die Wiedervereinigung nur gewonnen, ich konnte studieren, was ich wollte. Für mich ist die Freiheit auch die wichtigste Prämisse, sie ist nicht verhandelbar. Viele andere aber sehen sie höchstens als Zugewinn. Sie begannen bald zu rechnen, was sie verloren haben.

STANDARD: Mittlerweile hat der Osten wirtschaftlich aufgeholt.

Kowalczuk: Nicht wirklich, der Prozess stagniert seit Jahren. Von den 500 wichtigsten Unternehmen stehen nur sieben im Osten. Anders als im Westen wurden im Osten seit etwa 2005 keine neuen sozialversicherungspflichtigen Jobs geschaffen. Die Arbeitslosenquote ist jetzt niedrig, weil viele junge Leute abwanderten und die Älteren ins Rentensystem gingen.

STANDARD: Was lief noch schief?

Kowalczuk: Zu den Grundstrukturen einer Gesellschaft zählen Parteien, Medien, Banken, Energieversorger oder Versicherungen. All das wurde nach der Revolution von Westdeutschen übernommen, für 'n Appel und 'n Ei, weil ja wer die Lücken füllen musste. Stellen Sie sich mal vor, in einem österreichischen Bundesland werden alle wichtigen Institutionen von Menschen übernommen, die von der Nordseeküste stammen. Das kann nicht gutgehen.

STANDARD: Die Westdeutschen brachten aber die Erfahrung ein.

Kowalczuk: Das Problem ist, wie das geschah. Die Bundesrepublik interpretierte all das, was sich nach dem Mauerfall abspielte, als Sieg ihres Systems. Aber eigentlich war es unser Sieg. Die Ostdeutschen haben die Freiheit erkämpft.

STANDARD: In Umfragen sehen sich heute 70 Prozent der Ostdeutschen jedoch als Gewinner der Einheit.

Kowalczuk: 50 Prozent sagen aber auch, dass sie sich als Bundesbürger zweiter Klasse fühlen. Die Ostdeutschen machen 17 Prozent der Bevölkerung aus. Aber sie halten maximal vier Prozent der Führungspositionen inne. Das zieht sich durch alle Bereiche. Es gibt etwa keinen ostdeutschen Rektor an Hochschulen, von den Dax-Vorständen sind auch nur drei aus dem Osten, Frauen übrigens. Die wichtigsten Medienhäuser sind nach wie vor in der Hand von Westdeutschen. Das erklärt auch die Distanz von Ostdeutschen gegenüber Medien. Es sind nicht ihre. Über sie wird berichtet wie über einen Zoo.

STANDARD: Was müsste anders laufen, damit es besser wird?

Kowalczuk: Es ist schwierig, das aufzubrechen. Zunächst muss man mal anerkennen, dass es diese Ost-West-Machtkonstruktion und diese Muster gibt. Das wäre schon mal ein Anfang. Viele wollen das ja überhaupt nicht wahrnehmen.

STANDARD: Und in weiterer Folge?

Kowalczuk: Ich plädiere für eine neue, gesamtdeutsche Verfassung. Die hat man ja 1990 im Einigungsvertrag auch versprochen, aber sie kam nie, weil die bundesrepublikanische Elite kein Interesse hatte.

STANDARD: Sie wollen das Erfolgsmodell Grundgesetz einmotten?

Kowalczuk: Nein. Die neue Verfassung würde natürlich sehr ähnlich aussehen. Aber man könnte eine große Gesellschaftsaussprache initiieren und fragen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Die sozialen Medien verunsichern doch alle Demokraten, weil man das Gefühl hat, es dominieren Demokratiefeinde. Populisten reden ja gern in der Wir-Form.

STANDARD: Was wäre das Ziel?

Kowalczuk: Da wäre es für das demokratische Bewusstsein schön zu sehen, dass vielleicht 80 Prozent anders denken und sagen: In unserer freiheitlichen Gesellschaft ist zwar für euch Honks (Idioten, Anm.) Platz. Aber ihr seid nicht die Mehrheit. (Birgit Baumann, 8.11.2019)