Die Autorin nennt den Atomunfall in Tschernobyl im April 1986 als den Beginn des Auseinanderfallens des Ostblocks mitsamt der DDR.

Foto: Reuters / Herbert Knosowksi / Stringer

Dass die Beiträge im Sammelband Wo warst du? – 30 Jahre Mauerfall (Herder-Verlag) zu einer Abrechnung mit dem DDR-Regime geraten, kann nicht überraschen. Herausgeberin ist schließlich die 1950 in Dresden geborene Freya Klier, die als 30-Jährige die DDR-Friedensbewegung mitbegründete.

Als Autorin, Schauspielerin und Regisseurin wandte sie sich offen gegen die sozialistische Diktatur und wurde dafür zusammen mit ihrem Partner Stephan Krawczyk zunächst ab 1985 mit Berufsverbot belegt, 1988 büßte sie dann mit ihrer Verhaftung und Ausbürgerung. Ein Jahr später fiel die Mauer.

In ihrer Einführung zum Buch benennt Klier – wie viele andere auch – den Atomunfall in Tschernobyl im April 1986 als den Beginn des Auseinanderfallens des Ostblocks mitsamt der DDR.

Ihre Rückschau gerät dabei denkbar bedrückend, denn für die Bürgerrechtlerin stellte sich der Versuch, unter ihren Mitbürgern Gleichgesinnte zu gewinnen, als äußerst frustrierend dar: "Bei den meisten ist die Bereitschaft, sich gegen die existenzielle Bedrohung zu engagieren, aufs Unerträgliche gesunken, wenn dafür auch nur kleine Unannehmlichkeiten drohen."

Die jährliche Reise in einen Bruderstaat; die Ausbildung der Kinder; die in Aussicht gestellte Eröffnung einer Boutique – die meisten hatten resigniert und wollten das wenige, das ihnen in diesem Überwachungsstaat vielleicht wichtig war und ein halbwegs erträgliches Leben sicherte, nicht durch eine Unterschrift für eine Petition gefährden.

Psychisch gebrochen

Schnell konnte so eine Unterschrift nämlich auch "Rummelsburg" bedeuten, ein Gefängnis im Berliner Stadtteil Lichtenberg, wohin auch der später als "Neonaziaussteiger" bekanntgewordene Ingo Hasselbach gebracht wurde und wo nachts aus den Toiletten die Ratten kamen.

Mit ihren Stiefeln tretende "Schließer in ihren rabenschwarzen Uniformen" traktierten dort die Insassen. Schlechtes Essen führte zu Unterernährung, und Einzelhaft bedeutete, dass man psychisch gebrochen werden sollte.

Ostalgie kommt in diesem Buch keine auf, im Gegenteil: "Die DDR war ein Land der Repression, der Erziehung und Bestrafung. Wir wollten Spaß und Freiheit und haben unterschätzt, wie spaßbefreit dieses Land doch war und mit welcher Wucht wir die Wut auf alles, was anders war, zu spüren bekommen sollten", schreibt Hasselbach.

Dieses Land, in dem es sich die Mehrheit seiner Bürger samt der "Systemfernen" mit einem "bräsig und schunkelnd" vorgetragenen "Bei uns ..." eingerichtet hatte, das dem Autor und damaligen Kriegsdienstverweigerer Marko Martin bis heute nicht über die Lippen kommen mag: "Bei uns funktioniert eben nüscht. Im Westen hamse bereits Computer, während bei uns ...".

Diese "bündische, doch im Grunde empathielose Gestimmtheit" meint er heute noch bei den Demonstranten der Dresdner Pegida-Demonstranten zu erkennen, während er vor dem Fall der Mauer im Leben der Dissidenten in anderen Bruderländern (Adam Michnik in Polen) etwas erkannte, das er in der DDR stets vermisste: "Freundschaft, Treue, Traditionswahrung", die einen davor hätte retten können, im Heer der "Bei uns"-Jammerer unterzugehen.

Der Rest ist Geschichte

Dass sich die DDR nach dem Fall der Mauer und der vollzogenen Deutschen Einheit im Jahr darauf in das europäische Friedensprojekt integriert hat; dass am Ende alles gut ausgegangen ist, auch wenn die Folgen der Trennung sich nach wie vor zum Beispiel in den Wahlergebnissen der ostdeutschen Bundesländer niederschlagen; dass das alles nicht selbstverständlich so kommen musste, daran erinnert die Sprachwissenschafterin Anna Kaminsky in ihrem Beitrag: "Wenn ich heute die Berichte aus Venezuela sehe, dann denke ich oft, auch so hätte es in der DDR werden können. Aber zum Glück kam es anders. Und der Rest ist Geschichte." (Manfred Rebhandl, 9.11.2019)


Protokolle von Manfred Rebhandl:

Katja Gasser, ORF-Redakteurin

"1989 war ich 14. Ich war mit mir selbst beschäftigt, meinen Nöten, Ängsten und damit, meine Stimme zu finden. Dass man diese erheben kann, das lernte ich erst später. Dann brachen die Bilder vom erschossenen Ceauşescu in unser weihnachtlich aufgeputztes Wohnzimmer ein. Diese Bilder haben sich in mich hineingelegt. Ich trage sie bis heute als Erschütterung mit mir herum. Diese Schwarz-Weiß-Bilder, über die Péter Nádas so eindringlich geschrieben hat, nicht zuletzt, um seine eigene Lust an der Rache kritisch zu sezieren, die jeder Mensch, auf die eine oder andere Art, in sich hat. Meine ältere Schwester, Ludmilla, saß neben mir auf der Couch, wir starrten beide auf den Fernsehschirm, und ich fragte sie, was das zu bedeuten habe, was wir gerade sehen, was dieser Ceauşescu und seine Frau getan haben, ob sie das verdient haben, was genau die, die sie erschossen haben, dazu bewogen hat, sie zu erschießen. Ich weiß nicht mehr, was mir meine Schwester geantwortet hat. Ich weiß nur, dass sie sich bemüht hat, mir verwöhntem Provinzkind die Welt zu erklären. Ich habe damals wenig verstanden, aber ich habe sie in dem Moment sehr geliebt. Als etwas später Jugoslawien, wo ich als kärntner-slowenisches Kind meine Sommer verbracht habe, zerfallen sollte, habe ich schon verstanden, dass meine damals gegenwärtige Welt ein sehr düsterer Ort ist. Dass sie es grundsätzlich ist, wusste ich auch schon als Kind: Meine Mutter wurde gemeinsam mit ihrer kärntner-slowenischen Familie während der Nazizeit deportiert, ihre Geschichten darüber haben eine Trauer in mir angelegt, die sich nicht trösten lässt – und einen Kampfgeist. Was genau im Dezember 1989 mit mir geschehen ist in unserem Wohnzimmer in Ludmannsdorf, weiß ich nicht. Vielleicht haben mich diese Bilder für immer aus meiner Kindheit verbannt. Meine Mauer fiel zu Weihnachten 1989."


Fred Schreiber; Radiomacher

"Ein Kinderleben lang hatte ich Zeit, mich in einem Münchner Vorort zu amerikanisieren. Dort gab es eine Raketenabschussbasis samt Besatzungssoldaten, die Kinder namens Ludwig Johnson und Sebastian Wright in meine Schule geschickt haben. Wir haben über den Soldatensender AFN Rap gehört, lieber Converse als Adidas getragen und manchmal Baseball gespielt. In meiner Familie gab es weder Bindungen in die DDR, noch hat sie sich sonderlich für das andere Deutschland interessiert. Trotzdem haben wir uns vor dem Fernseher für all die Menschen, die da gerade durch das Brandenburger Tor gekommen sind, mitgefreut. Und wir haben dabei sogar ein paar Tränen vergossen. Am Tag danach hat auch mein Schulkollege Jake geweint: "Mei Vater hat gsagt, jetzt miaß ma hoam – nach Amerika."


Gerhard Maria Wagner, Pfarrer

"Als am 9. November 1989 in Berlin die Mauer fiel, habe ich in der Früh im Gedenken an das Weihefest der Lateranbasilika in Rom die Hl. Messe in Roßleithen gefeiert. Heute weiß ich, dass es ohne die katholische Kirche mit Papst Johannes Paul II., der aus Polen kam, den Fall der Berliner Mauer nicht gegeben hätte. Als der Erzbischof von Krakau, Karol Wojtyła, am 16. Oktober 1978 in Rom zum Papst gewählt wurde, war ich, der ich am 10. Oktober in Rom die Priesterweihe empfing, noch nicht einmal eine Woche Priester. Während des 9. November 1989 ging ich am Vormittag in die Volksschule, um den Kindern Religionsunterricht zu geben, im Laufe des Tages machte ich in meiner Pfarre verschiedene Hausbesuche und traf mich am Abend zur Jahreshauptversammlung mit dem Singkreis. Auch heute braucht es in der Kirche viel Seelsorge, um Mauern zu überwinden und zu den Leuten zu kommen."


Gerda Rogers, Astrologin

"Ich erinnere mich noch gut an diesen so prägenden Tag für Deutschland, Europa, ja eigentlich für die ganze Welt: Ich war im Landesstudio Oberösterreich, wo ich für die Vorgängersendung der Ö3-Sternstunden, namens Harmonie gerade live on air war. Während der Sendung bekam ich bereits mit, dass es zum Fall der Berliner Mauer gekommen war, die ich noch als junges Mädchen beim Jackpoint Charlie persönlich zum Übertritt von Ost nach West mit strenger Kontrolle passieren musste. Nach der Sendung fuhr ich schnurstracks nach Hause, wo mich meine Mutter, die gerade zu Besuch war, aufgeregt mit den Worten empfing: "Komm sofort zum Fernseher, die Berliner Mauer fällt." In der Sekunde kam auch meine Kindheit als Flüchtling in den Kriegsjahren wieder als Gesprächsthema an die Oberfläche.

Ich empfand dabei, dass Demokratie und Freiheit mit nichts auf der Welt zu vergleichen und die höchsten Güter von uns Menschen sind."


Kurt Molzer, Reporter

"Als die Mauer fiel, schlief ich tief und fest. In einem Hotelzimmer in Singapur. Ich war für eine Reisereportage dort. Am nächsten Morgen schaltete ich den Fernseher ein: CNN, aus Gewohnheit. In Deutschland war es noch mitten in der Nacht. Aber ich sah diese Menschenmasse, die im Scheinwerferlicht die Grenze zwischen Ost- und Westberlin überschritt. Und diese endlose Trabi-Kolonne. Mein erster Gedanke: "Endlich! Das verdammte Kommunistenpack ist weg." Ich hatte einen sagenhaften Blick auf das Südchinesische Meer. Den konnte ich jetzt noch viel mehr genießen. Wie sollte ich ahnen, dass ich elf Monate später Reporter der Bild-Zeitung sein werde? In Ostdeutschland."(soeben erschienen: "Die irren Erlebnisse eines Reporters der BILD-Zeitung nach dem Mauerfall", Gefco-Verlag, Wien)