Am 9. November 1989 fällt die Berliner Mauer und die Menschen jubeln. Die DDR hat die Grenzen zur Bundesrepublik Deutschland geöffnet und "alle übrigen Schlagzeilen erübrigen sich wohl", so der Reporter im Morgenjournal vom 10. November 1989. Der Wunsch nach Freiheit hatte triumphiert. Noch wenige Monate zuvor, von Anfang Mai bis Ende September 1989, waren allein über Ungarn und dem Burgenland an die 50.000 DDR-Bürger in die Bundesrepublik geflohen.

Historische ORF-Journale des ORF auf www.journale.at
Österreichische Mediathek, Kronsteiner

"Servus Kollega" – Die Grenze zu Ungarn

Eine akustische Zeitreise zu Löchern im Eisernen Vorhang an den österreichischen Grenzen ermöglichen die Hörfunkjournale des ORF aus der Zeit des Kalten Kriegs. Die Österreichische Mediathek archiviert sowohl historische Sendereihen, als auch Einzelsendungen von Ö1, welche online nachgehört werden können. Sie spiegeln die politische Großwetterlage und Ereignisse aus jener Zeit, als Europa vom Nordpolarmeer (Norwegen/Finnland-Sowjetunion) bis zum Schwarzen Meer (Bulgarien) durch militärisch befestigte Grenzanlagen gespalten war. Bereits Ende der 1940er-Jahre begannen Österreichs kommunistische Nachbarländer – die Tschechoslowakische Sozialistische Republik (ČSSR) und die Volksrepublik Ungarn – mit der Errichtung des Eisernen Vorhangs.

Die Grenzen verliefen auch auf dem Wasser, wie beispielsweise am Neusiedlersee. Diese waren im Vergleich zu den Grenzzonen an Land unschärfer gezogen, wie in einem Ausschnitt des Nachrichtenmagazins des ORF zu aktuellen politischen Themen – "Wir blenden auf, wir blenden ein" – im März 1966 nachzuhören ist. Auf einem Zollwacheboot, wenige hundert Meter von der ungarischen Grenze entfernt, beschreibt ein Oberstleutnant das Verhältnis zu den Nachbarn: Begegnungen mit den ungarischen Kollegen seien freundlich, manchmal höre man sogar ein schüchternes "Servus Kollega". Zwei Jugendliche, die sich beim Schlittschuhlaufen auf ungarisches Staatsgebiet verfuhren und über Nacht nicht nach Hause kamen, wurden auf Nachfrage umgehend "zurückgeben". Auch bei Überschwemmungen kam "immer wieder sofort Hilfe" von ungarischer Seite. "Vorhänge, auch wenn es eiserne sind, sind durchlässiger als Mauern", kommentiert der Reporter hoffnungsvoll und wünscht sich den Eisernen Vorhang auf den Trümmerhaufen der Geschichte. Bis dahin allerdings war es noch eine Weile.

Langsame Öffnung

Die erste bedeutende Lücke im Eisernen Vorhang befand sich bei Nickelsdorf und dem benachbarten Hegyeshalom. Bereits Anfang 1988 durften ungarische Staatsbürger legal ins westliche Ausland reisen und freie Wahlen waren angekündigt. Ungarns reformfreudiger Staatsminister Imre Pozsgay, bezeichnete den Eisernen Vorhang "historisch, politisch und technisch überholt". Zudem waren die Instandhaltungskosten des 350 Kilometer langen Sperr- und Signalsystems im grünen Gürtel zu Österreich immens. Traurige Ironie der Geschichte: der ehemalige Reformer Pozsgay, der 2016 verstarb, war später Unterstützer des Rechtspopulisten Viktor Orbán – der Mann, der in Europa neue Zäune gegen Flüchtlinge errichten ließ.

Mock und Pozsgay durchtrennen Teile des Eisernen Vorhangs.
Foto:AP/Bernhard J. Holzner

Am 2. Mai 1989 begann Ungarn mit dem Abbau des Eisernen Vorhangs. Ein Reporter des Mittagsjournals berichtet am Autotelefon detailliert über die voranschreitende Arbeit. Etwa zwei Monate später wurde der Zaun abermals – nun symbolisch und medienwirksam inszeniert - von Außenminister Alois Mock und seinem ungarischen Amtskollegen Gyula Horn durchtrennt. Sobald die Außenminister eintrafen, begannen auch die Bagger ihr Werk, wird im Abendjournal vom 27. Juni 1989 kommentiert.

Ungarn trat der Genfer Flüchtlingskonvention bei und immer öfter weigerte sich das Land "Grenz-Verletzer" wieder in ihre Heimatländer abzuschieben. Zehntausende DDR-Bürger schöpften Hoffnung, auf dem Weg über Ungarn nach Österreich dem autoritären Regime zu entfliehen. Offiziell kamen sie als Urlauber und füllten im Sommer 1989 unter anderem Campingplätze am Plattensee. Weltberühmtheit erlangte das sogenannten "Paneuropäische Picknick" am 19. August 1989 in der Nähe von Sopron. Ungarische Reformer und die Paneuropa-Union hatten das Picknick als Friedensdemonstration und Volksfest für die "Freiheit" organisiert. Mit Zustimmung der österreichischen und ungarischen Behörden wurde dort für drei Stunden ein Grenztor geöffnet. Über 600 DDR-Bürger nutzten die Gelegenheit zur Flucht in den Westen. In den folgenden Tagen drückten nicht nur die ungarischen, sondern auch die österreichischen Behörden bei den meist illegalen Grenzübertritten "beide Augen kräftig zu", sendet das Mittagsjournal am 21. August 1989.

In Ungarn begann damals das Ende der Spaltung Europas. Die durchlässige Grenze erhöhte den Druck auf die DDR und beschleunigte so nach Ansicht vieler Historiker auch den Fall der Berliner Mauer. "Die Berichterstattung über die unerwartete Öffnung des Eisernen Vorhangs und den Fall der Berliner Mauer wird durch die Stimmen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen lebendig und erinnert an das wechselhafte Geschehen, auch an Österreichs Grenzen, das Europa und die Welt veränderte", so Peter Ploteny, der die Nachrichtenauswahl für den Themenschwerpunkt "1989 – Öffnung des Eisernen Vorhangs und Fall der Berliner Mauer" der Österreichischen Mediathek getroffen hat.

Blutige Grenze im Norden

Nach dem Vorbild Ungarns begann auch die ČSSR im Dezember 1989 mit dem Abbau des Eisernen Vorhangs. An der nahezu unüberwindbaren Grenze zu Nieder- und Oberösterreich, die von einer 20.000 Mann starken Grenztruppe gesichert wurde, starben an die 800 Menschen. Der kilometerbreite Todesstreifen zwischen ČSSR und Österreich war "blutiger als der innerdeutsche", schreibt Historiker Stefan Karner, Gründer und Leiter des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, in seinem Buch "Halt! Tragödien am Eisernen Vorhang". Im Oral-History-Projekt "MenschenLeben – Eine Sammlung lebensgeschichtlicher Erzählungen" der österreichischen Mediathek, erzählt zum Beispiel Robert Ospald von seiner "hollywoodreifen" Flucht über einen Starkstrommasten nach Österreich im Jahr 1986.

Drei Jahre später nehmen Soldaten den Abbau der Grenzsperren zu Österreich in Angriff. An der March-Donaumündung sollen zunächst acht Kilometer der Grenzbarrikade niedergerissen werden. "Das Wohl begehrteste Souvenir dieser Tage ist ein Stück rostiger Zaun, das einst Teil des Eisernen Vorhangs war", berichtet Ingrid Thurnher im Abendjournal vom 11. Dezember 1989. "Wenige Minuten" nachdem sich Soldaten mit großen Eisenscheren und Baggern am Zaun zu schaffen machten, "lädt das eben noch durch Stacheldraht begrenzte Marchufer zum Spazieren ein, als wäre nie etwas gewesen." (Marion Oberhofer, 12.11.2019)

Marion Oberhofer ist Kulturjournalistin in Bozen und Wien und bloggt für die Österreichische Mediathek.

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