Soziale Medien wie Facebook müssten zur Verantwortung gezogen werden, fordert Romanus Otte, Chefredakteur des Onlinemediums "Business Insider" aus dem Hause Axel Springer.

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"Es gibt Grenzen der Redefreiheit": Romanus Otte, Chefredakteur des Onlinemediums "Business Insider" Deutschland aus dem Springer-Konzern, verlangte am Freitag beim Media Innovation in Wien eine Neudefinition dieser Grenzen – etwa mit Blick auf Mord- und Gewaltdrohungen auf Facebook, Twitter und anderen sozialen Medien.

"Stück Scheiße" innerhalb der Meinungsfreiheit

Otte verwies bei der Veranstaltung des Wiener Forums Journalismus und Medien (FJUM) etwa auf die Gerichtserfahrungen von Grün-Politikerin Renate Künast. Sie verlangte von Facebook die Klarnamen von Usern, die sie auf der Plattform als "Stück Scheiße" beschimpft und ihr – in Ottes Worten – "die Erfahrung extremer sexueller Gewalt gewünscht" hatten.

Das damit befasste Gericht wies Künast ab – es handle sich nicht um Beleidigungen, sondern um zulässige Meinungsäußerungen in der Debatte zu politischen Themen. Wenn die weitere Instanzen dabei blieben, "ist das ein Thema für den Gesetzgeber", sagte Otte: "Das sollten wir uns nicht leisten."

"Springer-Schweine – Schüsse in die Beine" in den Twitter-Regeln

Otte machte seine eigenen Erfahrungen auf Twitter: Er meldete Twitter einen Tweet mit dem Inhalt: "Springer-Schweine – Schüsse in die Beine. Hilft das nicht: Schüsse ins Gesicht." Es braucht ein wenig, bis Twitter Otte mitteilte: Nach eingehender Prüfung habe man festgestellt, dass dieser Tweet nicht gegen die Regeln der Plattform verstoße.

Nun habe jeder, der schon einmal über's Grillen eines schönen Stückes Fleisch geschrieben hat, die verbalen Reaktionen von Vegetariern und Veganern erlebt, sagte Otte.

Doch inzwischen habe sich das Empfinden der Bedrohung geändert: "Auf Worte sind Taten gefolgt – Journalisten sind angegriffen worden, Politiker ermordet", erinnerte Otte an den Mord am Kasseler CDU-Politiker Walter Lübke im Juni 2019.

"Wir sollten uns das nicht leisten", sagte Otte über "Aggression, Gewalt und Freiheit". Aber: "Das traut sich keiner anzufassen".

Perfekter Sturm im Journalismus

Ottes Thema beim Media Innovation Day war "Journalismus im perfekten Sturm" – also die grundlegend mit (vor allem) digitalen Herausforderungen "radikal veränderten" Rahmenbedingungen von Journalismus einschließlich deren Selbstverständnis. Otte: "Die Veränderung könnte größer nicht sein."

Seine Sorge: Wenn der Journalismus und die Medien in dieser Situation auch noch mit einer echten Wirtschaftskrise oder einer Rezession konfrontiert sind.

Seine Hoffnung (eine davon jedenfalls): eine junge Generation von Journalisten voller aufklärerischem Eifer, ohne übliche Branchenbedenken und im Bewusstsein knapper Budgets.

Ottes Tipp für den Journalismus in diesem "perfekten Sturm" stammt von Mark Twain: "If in doubt tell the truth." (fid, 8.11.2019)