Wenn das polare Eis schmilzt, hat dies nicht nur auf die unmittelbaren Bewohner der Region Auswirkungen.
Foto: REUTERS/Pauline Askin

Kiel – Der Eisschwund in den Polargebieten gefährdet aufgrund der steigenden Wasserpegel Küstenregionen überall auf der Welt: "Auch 2019 belegen die Satellitenbeobachtungen den fortschreitenden Verlust großer Meereisgebiete in der Arktis und die fortschreitende Dynamisierung antarktischer und grönländischer Kontinentaleismassen", schreibt der Vorsitzende des Konsortiums Deutsche Meeresforschung (KDM), Ulrich Bathmann, im Vorwort eines aktuellen Berichts. Es ist die sechste World Ocean Review (WOR), und der schon früher festgestellte Trend hält an.

Vieles, was in dem gut 300 Seiten starken Papier zusammengetragen wurde, ist daher nicht überraschend oder neu. Aber es bietet umfassendes und allgemeinverständlich aufgeschriebenes Hintergrundwissen. Anders als etwa der kürzlich vorgestellte Report zur Eisschmelze und den Ozeanen des Weltklimarats IPCC, der in erster Linie für Wissenschafter und Politiker geschrieben worden ist, richtet sich der WOR an eine sehr viel breitere Leserschaft.

Mögliche Auswirkungen auf Europa

Ein Rückgang des Meereises wurde sowohl in der Barentssee als auch in der Karasee festgestellt, zwei Randmeeren des Arktischen Ozeans, die durch die Inselgruppe Nowaja Semlja voneinander getrennt sind. Dieser Rückgang beeinflusse negativ die Stärke und den Verlauf des Jetstreams über der nördlichen Hemisphäre und nehme damit auch indirekt Einfluss auf das Wetter in den mittleren Breiten, heißt es im WOR.

Der Jetstream ist eine wellige Luftströmung in großer Höhe. Außerdem werde durch die Eisschmelze mehr Süßwasser in das Nordpolarmeer eingetragen. Welche Folgen dies hat, ist laut WOR noch unklar. "Forschende aber vermuten, dass sie die klimarelevante Umwälzung der Wassermassen im Nordatlantik bremsen – und infolgedessen der für Europa so wichtige Golfstrom an Kraft verlieren könnte."

Im Süden der Welt

Eine besondere Gefahr könne auch die beschleunigte Eisschmelze in der Antarktis werden. Dem WOR zufolge hat sich der Gesamteisverlust in der Antarktis seit 2012 verdreifacht. Gestiegen sei auch der Beitrag zum globalen Meeresspiegelanstieg, der ebenfalls an Geschwindigkeit zunimmt: "Dieser fällt mit 3,3 Millimetern pro Jahr inzwischen doppelt so hoch aus wie noch im Jahr 1990."

Die Verfasser des Berichts beschäftigen sich auch mit weiteren Aspekten, die eine Bedrohung für den Lebensraum Polarregion darstellen. Experten gehen von einer weitreichenden Beeinträchtigung der Pflanzen- und Tierwelt durch zunehmenden (touristischen) Schiffsverkehr aus. Zudem werden abbaubare Ressourcen in vormals unzugänglichen Regionen zugänglich, neue Fischfanggebiete sowie kürzere Schifffahrtswege erschlossen, deren Nutzungsrechte am und unter dem Meeresboden insbesondere im arktischen Polarmeer noch nicht abschließend geklärt sind, schreiben die Sprecher des Forschungsnetzwerks Future Ocean in ihrem gemeinsamen Vorwort zum Bericht.

Probleme für Pinguine

Zeitgleich mit dem WOR haben Forscher um Stephanie Jenouvrier von der Woods Hole Oceanographic Institution (WHOI) ihre Prognose zu einer Spezies veröffentlicht, die von der polaren Erwärmung etwas unmittelbarer bedroht ist als wir: Kaiserpinguine nutzen das Packeis nämlich als Plattform, von der aus sie nach Nahrung tauchen, und als Fluchtort vor Feinden. Es beeinflusst zudem die Krillmenge und ist daher wichtig für die Nahrungskette der Vögel.

Die Forscher entwickelten Computermodelle zur Projektion der Zukunft des Packeises und damit der Kaiserpinguine. Ergebnis: Wenn die Erderwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter begrenzt werden kann – wie im Pariser Klimaabkommen vorgesehen – würden nur rund fünf Prozent des Packeises schmelzen und die Zahl der Pinguin-Kolonien um rund 19 Prozent sinken. Wenn die Erderwärmung aber nur auf zwei Grad begrenzt werden kann, würden fast 15 Prozent des Packeises schmelzen und schon rund ein Drittel der derzeit existierenden Pinguin-Kolonien verschwinden.

Und geht die Erderwärmung so weiter wie derzeit, dann würde die Zahl der Kolonien um 80 Prozent sinken, die individuelle Zahl der Pinguine sogar um mehr als 80 Prozent, schreiben die Forscher im Fachjournal "Global Change Biology". "In diesem Szenario liefen die Pinguine effektiv ihrem Aussterben entgegen", sagte Jenouvrier. (red, APA, 9. 11. 2019)

Foto: Peter Fretwell/British Antarctic Survey