Christine Lagarde pflegt einen gänzlich anderen Stil als ihr Vorgänger als EZB-Präsident, Mario Draghi.

Foto: AP/Seci

Sie gilt nicht nur als überzeugend, sondern auch als empathisch.

Foto: AP/Probst

Es war ein herzlicher Empfang für Christine Lagarde in Brüssel. Die neue Chefin der Europäischen Zentralbank wurde umfassend abgebusselt, als sie Donnerstag und Freitag den Finanzministern der Eurogruppe und dann der gesamten EU Gesellschaft leistete. Für die Französin war der Auftritt nichts Neues, nur die Rolle eine andere. Sie ist quasi die Dauerbegleiterin der Eurokrise, die sie erst als französische Finanzministerin und dann als Chefin des Internationalen Währungsfonds auf Trab hielt.

Euro hüten

Am 1. November folgte sie Mario Draghi nach, der die EZB mit eiserner Hand führte. Lagarde wird wie "Super-Mario" alles daransetzen, den Euro zu hüten, aber sicher anders als ihr Vorgänger. Der erfahrene Banker reagierte oft unwirsch auf Kritik an seiner lockeren Geldpolitik. Widersacher soll er schon einmal unter Druck gesetzt und nötigenfalls im versammelten EZB-Rat gemaßregelt haben, erzählen Sitzungsteilnehmer. Der frühere Goldman-Sachs-Banker hatte auch keine Hemmungen, sich über die Expertise der Fachleute im Frankfurter Währungstower hinwegzusetzen. Ein Draghi weiß, was zu tun ist.

Lagardes Welt ist eine andere: Sie beschäftigt sich lieber mit den großen gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit. Klimaschutz, Frauengleichstellung oder Maßnahmen gegen Ungleichheit zählen zu den Themen, die der 63-Jährigen am Herzen liegen. Die erfolgreiche Rechtsanwältin und Mutter zweier Söhne war es auch, die sich zu Jahresbeginn beim Weltwirtschaftsforum in Davos der Klimaaktivistin Greta Thunberg stellte, während die Reichen und Mächtigen dieser Welt lieber unter sich blieben. "Ich unterstütze sehr, was du tust", sagte die großgewachsene Lagarde beim Händedruck zur kleinen Greta.

Neue Wege

Die Juristin – übrigens die erste Chefin der EZB ohne umfassende ökonomische Ausbildung – will auch in der Sprache neue Wege beschreiten. Lagarde, die Tochter eines Literaturdozenten und einer Lehrerin, setzt auf Einbindung der Zivilgesellschaft und eine Kommunikation, die nicht nur das Fachpublikum versteht.

Das wird nicht immer leicht sein, wie ihr erster Auftritt als Notenbankpräsidentin in Brüssel zeigte. Rasch glitt sie von der fertigen Redevorlage ab und sprach über die schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die Innovationsschwäche in Europa, bis sie sich ihrer neuen Rolle bewusst wurde. Und sich wieder an den Text hielt. Sie müsse sich erst daran gewöhnen, dass sie nicht mehr IWF-Chefin sei, entschuldigte sie sich lächelnd.

Lagarde, die charmante, moderne Frau, die Geldpolitik als integralen Bestandteil der Wirtschafts- und Finanzpolitik betrachtet – dieser Zugang sorgt nicht überall für Begeisterung. Die Französin ruft gerne bei Angela Merkel oder Emmanuel Macron direkt an, um Partner für ihre Pläne zu gewinnen. Sie braucht Verbündete, um die EZB von der schweren Last der Rettungseinsätze zu befreien. Denn die Wirtschaft beleben, Staatsschulden senken oder Banken helfen zählen allesamt nicht zu den traditionellen Aufgaben der Währungspolitik.

Geben und Nehmen

Lagarde sucht die Unterstützung der Regierungen, um etwas Handlungsdruck von der EZB zu nehmen, meint der Ökonom Michael Schubert. Die Kehrseite dieser Vorgangsweise sei ein weiterer Verlust der Unabhängigkeit, da die Zusammenarbeit immer aus einem "Geben und Nehmen" bestehe, ist der Experte der deutschen Commerzbank überzeugt.

Noch deutlicher wurde kürzlich der konservative Vorsitzende des Haushaltsausschusses im EU-Parlament, Johan Van Overtveldt. Die Appelle der Französin an die Niederlande und Deutschland, ihre Brieftaschen zu öffnen und die Wirtschaft zu stimulieren, findet er schrecklich. Das werde zur Folge haben, dass sich die Staaten umgekehrt in EZB-Angelegenheiten einmischen werden, meint der konservative frühere belgische Finanzminister.

Hinter vorgehaltener Hand erinnern Kritiker in diesem Zusammenhang gerne an die Tapie-Affäre, in der die Französin wegen fahrlässigen Umgangs mit öffentlichen Geldern verurteilt wurde. Doch den Lagarde-Gegnern geht es dabei nicht um den Schuldspruch, sondern um die pikanten Details aus dem Gerichtsakt, der das untertänige Verhalten der damaligen Ministerin gegenüber Staatspräsident Nicolas Sarkozy dokumentiert: "Benütze mich so lange, wie es dir passt", schrieb sie dem Chef, oder: "Ich brauche dich als Führer und Unterstützer."

Tiefe Gräben

Doch das ist Schnee von gestern. In der zerrütteten Zentralbank benötigt die erfolgreiche Synchronschwimmerin ihr ganzes politisches Geschick, um ein einheitliches Auftreten der Chefs der Euro-Notenbanken zu erreichen. Bei den letzten Beschlüssen der EZB, wonach die Notenbank das umstrittene Wertpapier-Ankaufsprogramm wiederaufnimmt, gab es heftige Gegenwehr. Nicht nur Deutschland, die Niederlande und Österreich, selbst Frankreich und weitere Vertreter waren gegen die Maßnahme.

Ob Lagarde die Spaltung der Währungshüter überwinden kann? Jedenfalls bringt sie einige Voraussetzungen dafür mit. Sie gilt nicht nur als überzeugend, sondern auch als empathisch. Nach dem autoritären Führungsstil Draghis könnte sich diese Eigenschaft als äußerst nützlich erweisen. (as, 8.11.2019)