Rama (Bild Mitte) ist eine juristische Person.

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Ein Hindu freut sich über das Urteil des Höchstgerichts.

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Nach dem Urteil werden Ausschreitungen befürchtet.

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Ayodhya sei "einer der wichtigsten Fälle der Welt", kündigte einer der fünf zuständigen Richter, Sharand Arvind Bobde, schon am Vortag an. Und obwohl das Urteil so wichtig ist, wurde der genaue Termin der Urteilsverkündigung erst am Vorabend, am Freitag, bekanntgegeben. Zu sensibel, zu explosiv ist die Angelegenheit in Indien. Massive Sicherheitsvorkehrungen am ganzen Subkontinent sollen Ausschreitungen an diesem Wochenende verhindern.

Denn am Samstagvormittag (Ortszeit) fällte das Oberste Gericht das Urteil im Fall "Ayodhya": Seit Jahrzehnten erhitzt der Fall die indischen Gemüter. Es geht um ein Stück Land in der nordindischen Stadt Ayodhya, das sowohl von Hindus als auch von Muslimen verehrt wird. Vor hunderten Jahren wurde dort eine Moschee errichtet – just an dem Platz, in dem Hindus den Geburtsort der Gottheit Rama sehen. Als 1949 anonyme Aktivisten eine Rama-Statue in der Moschee aufstellten, fachte das einen jahrzehntelangen Rechtsstreit an – darüber, wem das Areal nun gehöre. 1992 zerstörte ein Mob aufgebrachter Hindus die Moschee, 2000 Menschen starben in den darauffolgenden Gewaltexzessen. Seitdem ist Ayodhya immer wieder Grund für "communal violence", wie die hindu-muslimischen Spannungen in Indien genannt werden – nicht selten angeheizt durch Politiker, die politisches Kleingeld sammeln wollen.

2010 hatte ein Gericht des zuständigen Bundesstaates Uttar Pradesh geurteilt, dass das Land gedrittelt würde: Zwei Drittel für Hindus, ein Drittel für Muslime. Eine der zwei Parteien auf Seiten der Hindus war niemand Geringerer als Rama selbst, und zwar in der Form von "Ram Lalla", dem Baby Ram. Dieser wurde wiederum durch einen Hindu-Aktivisten vertreten, weil Baby Ram ja minderjährig ist.

Gott Rama eine "juristische Person"

Diese Entscheidung wurde vom Oberstes Gericht nun aufgehoben. "Das Land zu teilen war ein Fehler", begründet der vorsitzende Richter Ranjan Gogoi. Stattdessen würde das ganze Land an die Gottheit Rama gehen – die als "juristische Person" gilt, stellte er klar.

Die Muslime würden alternatives Land bekommen, "an einem prominenten Platz Ayodhyas". Ein spezielles Board soll innerhalb von drei Monaten einen Plan erstellen, wo das Land für die Muslime sein wird und wie der neue Hindu-Tempel gebaut werden soll.

Begründung: "Moschee nicht auf unbebautem Land errichtet"

Während Gogoi in der Begründung des Urteils betont, dass die Zerstörung der Moschee 1992 und auch die Platzierung der Ram-Statue 1949 rechtswidrig war, erläuterte er aber auch, dass die muslimische Seite nicht beweisen konnte, dass die Moschee anno dazumal auf "unbebautem" Land errichtet wurde. Archäologische Berichte würden zeigen, dass es dort bereits zuvor nicht-muslimische Tempel-Strukturen gegeben hat. Ob sie Hindu waren, könne nicht ausreichend bewiesen werden. Das sei aber auch egal: Sogar wenn es ein Hindu-Tempel war, würde das den heutigen Anspruch auf das Land nicht rechtfertigen, hält der Richter fest. Es sei aber offensichtlich und belegt, dass Hindus dort schon seit Jahrhunderten den Geburtsort Ramas sehen würden und ihn als solchen anbeten. Und: "Ob Glaube gerechtfertigt ist, liegt jenseits der Kenntnis juristischer Prüfung." Das Urteil wurde von den fünf Richtern einstimmig beschlossen.

Im ganzen Land wurden am Samstag Vorkehrungen getroffen, um Ausschreitungen vorzubeugen. 40.000 Sicherheitskräften patrouillierten allein in der Millionenmetropole Mumbai. In Ayodhya selbst sind tausende Sicherheitskräfte zusätzlich entsandt; sämtliche Straßen, die zu dem umstrittenen Areal führen, sind gesperrt. In manchen Teilen des Landes wurden die Internetverbindungen temporär gesperrt, Schulen sind in vielen Teilen bis Montag geschlossen. Hunderte Menschen wurden im Vorfeld inhaftiert.

Muslim-Vertreter "nicht zufrieden"

Vertreter der indischen Regierung lobten das Urteil und ermutigten das Land, das Urteil zu respektieren und "soziale Harmonie zu bewahren". Die aktuelle Regierung unter Premier Narendra Modi steht allerdings in der Kritik, eine hindunationalistische Politik zu fördern, und Minderheiten im mehrheitlich hinduistischen Indien systematisch zu diskriminieren.

Zafaryab Jilani, Anwalt des Sunni Waqf Board, das die muslimische Seite in dem Fall vertreten hat, zeigte sich nach der Verkündung "nicht zufrieden". Man werde eventuell einen Antrag auf Überprüfung stellen. Die indische Oppositionspartei Congress begrüßte das Urteil wiederum – allerdings mit eigener Begründung: "Das Urteil hat endlich die Türen geöffnet, den Tempel zu bauen, und die Türen geschlossen, dass die BJP oder andere das Thema weiter politisieren können", ließ ein Vertreter wissen. (saw, 9.11.2019)