Ein Polizist richtet seine Waffe auf einen Demosntranten in Sai Wan Ho, Hong Kong.

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Hongkong – Fünf Monate nach Beginn der Anti-Regierungs-Proteste in Hongkong nimmt die Gewalt kein Ende: Nachdem am Montagmorgen erneut ein Demonstrant von einem Polizisten angeschossen und in den Oberkörper getroffen worden war, spielten sich in der chinesischen Sonderverwaltungsregion teils chaotische Szenen ab.

An mehreren Orten in der Stadt entluden sich Proteste in Gewalt, radikale Demonstranten blockierten Straßen, legten Feuer und warfen Pflastersteine. Die Polizei setzte Gummigeschoße und Tränengas ein.

Handgemenge

Der 21-Jährige junge Mann war in der Früh an einer von Demonstranten blockierten Kreuzung von einem Polizisten angeschossen worden. Nach Angaben der Krankenhaus-Behörde befand er sich in einem kritischen Zustand. Seit dem Ausbruch der Anti-Regierungsproteste im Juni war es das dritte Mal, dass ein Demonstrant von der Polizei angeschossen wurde.

Auf einem in Sozialen Netzwerken geteilten Video ist zu sehen, wie ein Polizist zunächst aus nächster Nähe seine Waffe auf einen Demonstranten richtet. Es kommt zu einem Handgemenge. Als von der Seite ein weiterer Demonstranten auf den Beamten zukommt, schießt er auf diesen und feuert zwei weitere Schüsse ebenfalls in Richtung anderer Demonstranten ab.

CNA

Die Polizei bestätigte den Vorfall und gab an, dass Beamte auch an zwei weiteren Orten in der Stadt am Montag ihre Dienstwaffen gezogen hätten. Grund dafür seien die illegalen Taten der "Randalierer" gewesen.

Mann angezündet

Im Norden der chinesischen Sonderverwaltungszone hat ein Mann einen anderen in Flammen gesetzt. Ein Video davon macht im Internet die Runde, die Polizei bestätigte dessen Echtheit. Laut CNN habe das Opfer zuvor eine Demonstrantengruppe nahe einer U-Bahn-Station konfrontiert und dabei auch Kraftausdrücke verwendet. Aus dem Nichts wurde er plötzlich mit einer Flüssigkeit übergossen und mit einem Feuerzeug angezündet. Es ist unklar, wie schnell das Feuer gelöscht werden konnte. Laut Polizei befindet sich der Mann in kritischem Zustand. Man werde auch diesen Vorfall untersuchen.

Lam erbost

Stunden nach den Vorfällen meldete sich auch die Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam zu Wort. Die Gewalt gehe inzwischen weit über die Forderungen nach Demokratie hinaus. Die Demonstranten seien nun die Feinde der Bevölkerung. Wer hoffe, dass die Regierung sich dem Druck beuge, dem sei gesagt, dass dies nicht passieren werde, sagte sie.

Der Herausgeber der chinesischen Staatszeitung "Global Times", Xu Xijin, schrieb in seinem Blog, die Polizei habe nichts zu befürchten. "Ihr habt die Unterstützung nicht nur der Bevölkerung Hongkongs und Chinas, sondern auch chinesischer Soldaten und der Volksbefreiungsarmee in Hongkong." Sie könnten jederzeit nach Hongkong kommen, um die Beamten zu unterstützen.

Wong erbost

Joshua Wong, eines der bekanntesten Gesichter der Demokratie-Bewegung, forderte hingegen ein Ende der Polizeigewalt. "Nicht wir haben die Gewalt gesteigert, sondern die einzige Seite, die eskaliert, ist die Polizei", sagte Wong dem britischen Sender BBC. "Aus Hongkong wird in einen Polizeistaat gemacht."

Wong appellierte an den US-Senat, einen Gesetzentwurf im US-Abgeordnetenhaus zur Unterstützung der Demokratiebewegung in Hongkong anzunehmen. Der bekannte Aktivist forderte die internationale Gemeinschaft auf, nicht mehr wegzuschauen.

Monatelange Proteste

Mit ihren Blockade-Aktionen am Montag wollten die Demonstranten zunächst an den Tod eines Studenten erinnern. Der 22-Jährige war am Freitag an den Folgen seiner schweren Verletzungen gestorben, nachdem er vergangene Woche am Rande von Protesten von einem Parkhaus gestürzt war. Durch die Schüsse der Polizei schaukelte sich die Lage dann weiter hoch.

Auch am Wochenende war es in Hongkong erneut zu Ausschreitungen gekommen. Seit dem 9. Juni demonstrieren die Hongkonger gegen die eigene Regierung. Sie kritisieren einen wachsenden Einfluss der Pekinger Führung auf die ehemalige britische Kronkolonie. Immer wieder kommt es dabei zu schweren Zusammenstößen von Polizei und Demonstranten.

Kontroverse Regierungspläne als Auslöser

Auslöser der Proteste waren ursprünglich die kontroversen Pläne der Hongkonger Regierungschefin Lam für ein Auslieferungsgesetz. Damit hätten auch Personen, die vom chinesischen Justizsystem verdächtigt werden, an China ausgeliefert werden können. Die Regierung lenkte schließlich ein und begrub das Gesetz. Die Demonstranten fordern aber zudem freie Wahlen, eine unabhängige Untersuchung von Polizeibrutalität sowie Straffreiheit für die bereits weit mehr als 2.000 Festgenommenen. Auch der Rücktritt von Regierungschefin Lam gehört zu ihren Forderungen.

Die frühere britische Kronkolonie wird seit der Rückgabe 1997 an China nach dem Grundsatz "ein Land, zwei Systeme" autonom regiert. Anders als die Menschen in der kommunistischen Volksrepublik genießen die sieben Millionen Hongkonger Meinungs- und Versammlungsfreiheit, fürchten aber zunehmend um ihre Freiheitsrechte. (APA, dpa, red, 11.11.2019)