Eine Demonstration gegen Kindesmissbrauch in Salt Lake City.

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Kinderpornos gehören zu den wohl schlimmsten denkbaren Verbrechen. Als Kind missbraucht zu werden, oft von Verwandten und Bekannten, traumatisiert Menschen über viele Jahre. Betroffene haben häufig auch in späteren Lebensjahren immer noch mit dem Erlebten zu kämpfen.

Als wäre das nicht schon genug, gesellt sich in einer Zeit, in der Breitbandinternet zum Massenmedium geworden ist, eine weitere Problematik hinzu, wie eine Reportage der "New York Times" zeigt. Die Aufnahmen sexueller Gewalt werden, wenn sie einmal hochgeladen sind, praktisch "unlöschbar" und verlängern das Leid der Opfer. Im Umgang mit der Problematik lassen viele Tech-Riesen zu wünschen übrig.

Im Internet verewigt

Beleuchtet wird der Fall von zwei Schwestern aus den USA. Als sie sieben und elf Jahre alt waren, wurden sie von ihrem Vater und einem Freund misshandelt und missbraucht. Die Siebenjährige wurde vor der Kamera unter Drogen gesetzt und vergewaltigt, die Aufnahmen in einschlägigen Kreisen gepostet. Die beiden Männer sitzen mittlerweile im Gefängnis, dennoch leben die beiden jungen Frauen immer noch in Angst.

Die Fotos und Videos kursieren immer noch online, hinterlegt in Cloudspeichern oder in einschlägigen Gruppen in sozialen Netzwerken und Messengern. Der Gedanke daran verfolge sie täglich, gibt die ältere der Schwestern zu Protokoll. Beide haben mittlerweile ihren Kleidungsstil und ihre Haarfarbe geändert, da sie befürchten, von "Konsumenten" der Gewaltfilme wiedererkannt und belästigt zu werden. Laut ihrer Mutter waren beide schon wegen Selbstmordgedanken in Behandlung.

Auch einige andere Fälle werden dokumentiert, in denen ehemalige Opfer und ihre Erziehungsberechtigten bis heute sowohl unter den direkten Folgen des Missbrauchs als auch unter der immer noch gegebenen Verfügbarkeit von Fotos und Videos leiden.

Unterschiedlicher Umgang

Unternehmen wie Amazon, Google und Apple verfügen über technische Instrumente, um verdächtiges Material zu identifizieren. Doch bei der Anwendung ist man zögerlich. Amazon und Apple etwa führen auf ihren Servern überhaupt keine derartigen Suchen durch. Google, Microsoft und Dropbox scannen nur, wenn Inhalte geteilt werden, aber nicht beim Upload. Andere Firmen wiederum prüfen nur Bilddateien, aber keine Videos, und das, obwohl auch hier ein rasanter Anstieg festgestellt wurde. Facebook geht ordentlicher vor und steuerte 90 Prozent des Gesamtvolumens von 45 Millionen kinderpornografischen Inhalten bei, die die IT-Firmen vergangenes Jahr gemeldet haben.

Den Umgang der Konzerne mit dem Problem sieht Alex Stamos, einst Sicherheitschef bei Facebook und Yahoo, kritisch. Die Firmen würden viel eher Dateien nach Gesichtern, Malware oder Copyrightverletzungen absuchen als nach Abbildungen von Missbrauch. Das habe auch mit Privatsphärenschutz zu tun, würden doch automatisierte Warnungen letztlich dazu führen, dass menschliche Kontrolleure sich Inhalte ansehen müssten, die die Betroffenen in einer sehr verwundbaren Position zeigen. Jedes Unternehmen pflegt seine eigene Balance aus Datenschutz und Sicherheit.

Verschlüsselung als Segen und Fluch

An solchen Fällen wird auch die Zweischneidigkeit von Verschlüsselungstechnologien ersichtlich. Einerseits schützt Ende-zu-Ende-Verschlüsselung wichtige Kommunikationsinhalte vor fremden Augen und ermöglicht somit auch Regierungskritikern in Ländern mit autoritären Regimen einen freien Austausch. Andererseits ermöglicht sie auch den Austausch von Inhalten wie Kinderpornos, ungesehen von Behörden. Neu hinzu kommt außerdem, dass immer öfter Missbrauchstaten (und ebenso auch andere Verbrechen) per Livestream im Netz übertragen werden.

Teilweise sind Missbrauchsbilder aber nicht nur in geschlossenen Chats oder auf Cloudspeichern zu finden, sondern in öffentlichen Suchergebnissen. Entsprechende Resultate konnte "Techcrunch" im Jänner mit Microsofts Suchmaschine Bing zutage fördern. Microsoft reagierte mit der Sperrung bestimmter Suchbegriffe und kündigte eine Verbesserung seines Scansystems "Photo DNA" an.

"Bewegliches Ziel"

Der "New York Times" gelang es trotzdem, während der Recherche mit anderen Suchbegriffen, die teilweise von Bing selbst automatisch vorgeschlagen wurden, Ergebnisse zu bekommen. Zwar wurden die Bilder selbst in den Suchergebnissen nicht angezeigt, wohl aber die Adressen ihrer Ursprungsseiten. Eine Liste dieser Seiten wurde dem Canadian Center for Child Protection übermittelt, wo man diese kontrollierte und bestätigte, dass auf vielen der Webseiten tatsächlich kinderpornografisches Material abrufbar war. Auch mit den Suchmaschinen Duckduckgo (die eine anonymisierte Google-Suche initiiert) und Yahoo (nutzt Bing) konnten so entsprechende Abbildungen entdeckt werden.

Microsoft vollzog daraufhin eine Anpassung des Suchalgorithmus, was das Problem aber nicht löste. Man kündigte weitere Änderungen an, betonte aber auch, dass man es mit einem "beweglichen Ziel" zu tun habe, dem man nicht so leicht beikommen könne. Das Canadian Center for Child Protection schildert überdies, dass sich Google in der Vergangenheit fallweise geweigert habe, problematische Bilder aus seinem Suchindex zu nehmen. Heute spricht der IT-Konzern diesbezüglich von Fehlentscheidungen.

Auch unter den Messengeranbietern sind die Maßnahmen sehr unterschiedlich. Kik, das lange eine beliebte Plattform in der "Szene" war, scannt mittlerweile auch Videos auf mögliche Missbrauchsinhalte. Ein gemeinsamer, industrieweiter Standard fehlt.

Minimalmaßnahmen

Der Computerforensiker Chad Steel von der George Mason University übt Kritik an den IT-Firmen. Allgemein gesprochen würden diese nur das nötige Minimum unternehmen, das ausreiche, um nicht öffentlich in die Kritik zu geraten. Und lange hätten sie so gut wie gar nichts getan, obwohl ihnen klar gewesen sei, welche Inhalte auf ihren Plattformen geteilt würden, sagen ehemalige Mitarbeiter von Twitter, Microsoft, Tumblr und Co.

Auf Nachfrage berufen sich die Firmen häufig auf Bedenken hinsichtlich Privatsphäre und Sicherheit. Eine Aussicht auf Besserung gibt es vorläufig nicht. Facebook, Google und Microsoft arbeiten aber an Technologien, die bessere Ergebnisse erzielen sollen als die bisher auf Abgleich basierenden Systeme. Bis diese ausgereift sind, dürfte es aber noch Jahre dauern. (gpi, 11.11.2019)