Die Vorzeigeschülerinnen Molly und Amy wollen sich einmal auf einer Party statt in der Bibliothek die Nacht um die Ohren schlagen. Doch müssen sich die beiden bald eingestehen, dass auch Partymachen gelernt sein will.

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Befindet man sich schon mal in der Horizontalen, ist das mit dem Hosenausziehen – besonders wenn es sich um eine Skinny Jeans handelt – eher ein Tschoch. Auch wenn dem Gegenüber an der eigenen Nacktwerdung liegt und es dabei hilft, lassen sich gewisse Parallelen zum Enthäuten einer widerspenstigen Knackwurst nicht ganz von der Hand weisen. Im Film fallen die Hüllen ja meistens wie durch Zauberhand, damit das auch geil aussieht. Die Realität des Entkleidens, bevor es zur Sache geht, ist meistens eher unsexy.

Booksmart, Olivia Wildes Regiedebüt, das von seiner Übertriebenheit lebt, seine Handlungslücken geradezu zelebriert, ist in diesen Details dermaßen wahrheitsgetreu, dass sich die meisten Lacher schon durch die Lebensnähe im Kontrast zur sonstigen Überspitzung ergeben. Die Highschool-Komödie folgt in ihren Grundzügen allen Regeln des Genres. Da gibt es die "Jocks", also auf den ersten Blick dämliche, aber attraktive Sportler, die beliebten, "versauten" Mädchen, die gleichzeitig flamboyanten wie auch nerdigen Theater-Kids und eben auch die blitzgescheiten, aber wenig beliebten Außenseiterinnen in den Hauptrollen.

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Party machen, bis eine weint

Molly (Beanie Feldstein) und Amy (Kaitlyn Dever), die zur letzteren Gruppe gehören, realisieren kurz vor ihrem Schulabschluss, dass sie den ganzen Spaß (Saufen, Drogen, Sex) der Highschool-Zeit zugunsten der akademischen Selbstoptimierung verpasst haben. Sie beschließen, das Regelbrechen in einer einzigen wilden Partynacht nachzuholen. Dass das natürlich nicht ganz so läuft, wie sie sich es ausgemalt haben, sorgt für die rasante Handlung eines witzigen und gelungenen Debüts.

Booksmart handelt zwar von der Generation Z, richtet sich aber an ein Publikum, das sich wohl ungefähr im Alter seiner Regisseurin – Wilde ist 35 – befindet. Der Film tut auch gar nicht so, als würde er hier wirklich ein Generationenporträt zeichnen wollen, sondern arbeitet liebevoll mit den Klischees und den Vorstellungen, die die Vorgängergenerationen über diese Jugendlichen haben. Dass zum Beispiel 16-Jährige beim Karaoke You oughta know von Alanis Morissette schmettern, ist eher unwahrscheinlich, macht Sehern, in deren Jugend der Song prägend war, aber umso größeren Spaß.

Körper kein Thema, Charakter nervig

Neben diesen bewussten Anachronismen bewegt sich Booksmart sehr stark in den aktuellen "hot topics" der amerikanischen (Pop-)Kultur: Diversität, Feminismus und Queerness. Während eine Molly in früheren Filmen des Genres von den Mitschülern verarscht worden wäre, weil sie nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht, ist ihr Aussehen in Booksmart kein Thema. Ihr besserwisserischer Charakter törnt die Kollegen einfach unglaublich ab. Hier schafft es Booksmart, sowohl politisch korrekt zu bleiben, subtil aber auch mit dieser politischen Korrektheit zu spielen, Witze vorzubereiten, die dann eine unerwartete Auflösung erfahren.

Wirklichen Tiefgang entwickelt der Film, außer bei einem großen Streit zwischen den besten Freundinnen, nicht. Vorrang erhalten Running Gags über einen Stofftierpanda, mit dem Amy zu masturbieren pflegt, und andere Slapstick-Elemente. Die Offenheit und der Humor, in der und mit dem Booksmart die Sexualität junger Frauen verhandelt, ist aber eine Wohltat. Dazu schafft Wilde einprägsame Bilder: eine hervorragende Tanzszene, eine tolle Unterwasseraufnahme und immer wieder herzige Details und Referenzen wie die Aufschrift "A Room of one's own" auf der Kinderzimmertür.

Amy schafft es dann übrigens, die Angebetete aus der Hose zu wurschteln. Darauf folgen dann aber erst die – noch lustigeren – Probleme. (Amira Ben Saoud, 12.11.2019)