Nikolaus Gansteres multimediale Arbeiten befassen sich mit verschiedenen Ausformungen der Visualisierung von Gedanken.

Foto: Matthias Bildstein

Zigarettenstummel, abgebrochene Plastikgabeln, ein Lutscher liegen in einer Vitrine. Wenn der Künstler Nikolaus Gansterer auf Reisen geht, sammelt er linienförmige Objekte und hält sie wie Notizen fest. Akkurat geordnet und datiert stecken sie in einem Schaukasten: ein Tagebuch gefundener Linien.

Nach einem Studium bei Brigitte Kowanz an der Universität für angewandte Kunst dort nun selbst als Gastprofessor tätig, ist Gansterer mit seinen transdisziplinären Arbeiten bei internationalen Ausstellungen und Biennalen vertreten. Um diese Fülle an Projekten zusammenzufassen, gestaltete der in Wien lebende Künstler den ersten Raum seiner Soloausstellung tracing (in)tangibles in der Galerie Crone wie ein persönliches Archiv.

Gedankenübersetzungen

Die Wände sind bis an die Decke behängt, vor allem die Zeichnung spielt eine wichtige Rolle: Sie soll nichts Vorhandenes abbilden, sondern das zeigen, was man nicht sehen kann. Die Linien scheinen aus der Vitrine auf Zeichenblätter und Karten zu springen, um dort Denkvorgänge, Bewegungen oder Empfindungen in Diagramme zu übersetzen. Wie Noten sollen sie lesbar werden.

Diese Übersetzungen sind es, die Gansterer in seinen Performances, Videos und Installationen antreiben. Oft entstehen sie, während er Vorträge oder wissenschaftliche Texte anhört. Als eine solche "Trans-Lecture-Performance" gestaltete er auch die Installation im Hauptraum der Galerie, die er vor Ort umsetzte, während er dem Text Staying with the Trouble der US-amerikanischen Philosophin Donna Haraway zuhörte.

Reflektierte Lichtflecken

Über Kopfhörer können Besucher der Tonaufnahme lauschen. Dabei stellt Gansterer Haraways Konzept der Sympoiesis ins Zentrum: Nichts kann aus sich selbst entstehen, sondern nur im Miteinander. Spiegel, Äste, Glaskuppeln, Süßkartoffeln und Sanduhren werden von Wärmelampen beschienen, nehmen Bezug aufeinander.

Reflektierte Lichtflecken wandern durch den Raum. An einer Wand stehen Sätze aus Haraways Text. Die Buchstaben reduzieren sich zu Zweigen, Federn und Drähten, um schließlich in ihre Urform zu zerfallen: die Linie. (Katharina Rustler, 11.11.2019)