Donald Trump im Dauerwahlkampfmodus: Der US-Präsident wusste schon 2016, aber auch 2018 (Bild) und 2019, wie er die Menschen in West Virginia erreichen kann: Mit der Zusage, Vergangenes zurückzuholen.

Foto: AFP/Nicholas Kamm

Sein Versprechen, die Kohleindustrie in großem Stil zurück in die USA zu holen, hat Trump nicht einlösen können.

Foto: AP/Ryan Dorgan

Zwischen all die bunten Bilder im Flur seines Hauses hat Chris Hackney ein großes Schwarz-Weiß-Foto gehängt. Es zeigt Straßenzüge, in denen das Wasser so hochsteht, dass sie nur noch in Booten passiert werden können. Zu sehen ist Williamson, eine Kleinstadt im Kohlerevier West Virginias – eigentlich idyllisch gelegen am Tug Fork, der nach sintflutartigen Regenfällen über die Ufer trat und eine Seenlandschaft bildete. "Es war der Tiefpunkt", sagt Hackney über die Katastrophe im April 1977, die sich tief eingegraben hat ins kollektive Gedächtnis der Region.

Damals, erzählt der ehemalige Grubenarbeiter, hätten die meisten noch geglaubt, nach dem Desaster werde es schnell wieder bergauf gehen – tatsächlich ging es nur noch bergab. Zählte der Ort vor 40 Jahren noch 7000 Einwohner, so sind es heute nur noch knapp 3000. "Das Herz der Milliarden-Dollar-Kohleflöze", steht auf einer verblichenen Tafel. Von den soliden Ziegelgebäuden an der Hauptstraße, parallel zum Tug Fork River, stehen etliche leer.

"Make America great again?" Der Mann mit dem akkurat gestutzten Vollbart lächelt nur müde, wenn man ihn darauf anspricht, was Donald Trump im Wahlherbst 2016 versprach. Hier, im Mingo County, erhielt der Kandidat Trump 83 Prozent der Stimmen. "Er ist eben ein exzellenter Verkäufer. Er kann dir verkaufen, was immer er möchte", sagt Hackney, der sich noch gut an den Wahlkampf erinnert. Da stand der Geschäftsmann aus New York auf einer Bühne in Charleston, der Hauptstadt West Virginias, und setzte sich demonstrativ den Helm eines Bergarbeiters auf. "Ihr werdet stolz auf mich sein", rief er. "Trump gräbt nach Kohle", stand auf Plakaten.

Der Aufschwung kam nicht

Es kam anders, der große Aufschwung ist ausgeblieben. Anfangs – kurz nach dem Machtwechsel im Oval Office – hatte es durchaus nach einem kleinen Aufschwung ausgesehen. In den Bergen um Williamson, wird metallurgische Kohle abgebaut. Das ist Kohle, die man nicht zur Energiegewinnung, sondern in Stahlschmelzen verwendet. Sie findet weltweit Abnehmer, vor allem in Asien.

Da aber momentan nicht nur der US-Markt gesättigt ist, sondern auch die Asien-Exporte schwächeln, hagelt es in West Virginia schlechte Nachrichten. Blackhawk Mining hat angekündigt, drei Gruben dichtzumachen. 342 Kohlekumpel verlieren ihre Jobs, ungefähr ein Sechstel derer, die dort noch in Schächte einfahren. Selbst wenn sie in anderen Branchen Arbeit finden, ist es ein schwerer Schlag für die Gegend. Kein Kleinunternehmer zahlt die 38 Dollar Stundenlohn, die man für Schichten in einer Mine bekommt, und in aller Regel gibt es weder Krankenversicherung noch Betriebsrente.

Nach Schätzungen der Energy Information Administration werden 2019 in den USA zehn Prozent weniger Steinkohle gefördert als im vergangenen Jahr. Für 2020 rechnen die Experten mit einem Minus von elf Prozent gegenüber 2019. Der Hauptgrund: Kohlekraftwerke gehen vom Netz, weil sie gegen billiges, im Zuge des Fracking-Booms reichlich vorhandenes Erdgas nicht bestehen können.

Zurück in den Schacht

Hackney glaubt nicht mehr an den von Trump beschworenen Höhenflug. Aber er kann verstehen, warum sich viele an das Versprechen klammern. "Wenn jemand sagt, wir werden wieder groß, dann brennt im Fenster immer noch diese Kerze der Hoffnung. Du willst nicht, dass sie erlischt." Er hat selber unter Tage malocht, wie schon sein Vater, sein Großvater, sein Urgroßvater. Hackney war weggezogen aus Williamson, um im Nachbarstaat Kentucky Ingenieurwissenschaften zu studieren. An der Uni lernte er seine spätere Frau Jessica kennen, ihr erstes Kind wurde geboren, das Netzwerk der Großfamilie daheim ersparte ihnen teure Nannys.

Also ging es zurück, zurück auch in den Schacht. Bis 2015 fuhr er dort ein. Dann kauften Chris und Jessica ein altes Haus, um es zu renovieren. Nun werben sie damit, dass man bei ihnen wohnen könne wie im 19. Jahrhundert. Touristen kommen, um in Geländewagen über steile, oft schlammige Wege zu holpern, auf den Spuren eines blutigen Konflikts zwischen zwei hartnäckig verfeindeten Familienclans: den Hatfields und den McCoys, deren Fehde bereits Stoff für mehrere Hollywoodfilme bot. Man könnte sagen, dass die Hackneys die Zukunft in der Vergangenheit sehen.

Die Fahrt von Williamson nach Logan, rund 50 Kilometer entfernt, führt durch eine traumhaft schöne Landschaft. Links und rechts die Wälder der Appalachen, in den Dörfern postkartenschöne Kirchen, rote Ziegel mit weißen, pfeilschlanken Türmchen. Hier und da Reklame nach der Zeile eines Country-Songs: "Almost Heaven, West Virginia". Nur telefonieren kann man nicht, denn irgendwo ist nach einem Sturm ein Kabel gerissen oder ein Mast umgestürzt. Die veraltete, anfällige Infrastruktur: Danny Godby weiß, dass sie potenzielle Interessenten davon abhält, in der Stadt Logan Investments zu tätigen.

Drogenproblem und Geldmangel

Eine andere Barriere ist das Drogenproblem. Man kann nicht sicher sein, dass man genügend Arbeitskräfte findet, die einen Drogentest bestehen. Die Opioid-Epidemie ist zwar abgeflaut, dafür grassiert die Sucht nach Methamphetamin – einem kristallinen Pulver, das den Körper ausmergelt, Gehirnzellen zerstört, Halluzinationen und schwere Depressionen auslösen kann. Und weil Drogenbesitz grundsätzlich mit Freiheitsentzug bestraft wird, ist die Zahl der Inhaftierten rasant angestiegen – aktuell die größte Sorge im Rathaus von Logan.

Godby, einst Baseballprofi, heute für den Etat zuständig, hatte zu Jahresbeginn noch 100.000 Dollar pro Monat dafür veranschlagt. Tatsächlich sind die Kosten auf mehr als 160.000 Dollar im Monat gestiegen, sodass er vor wenigen Tagen die Reißleine ziehen musste. Um die Gefängnisrechnung bezahlen zu können, hat Logan County einen Einstellungsstopp für öffentlich Bedienstete verhängt.

Jim Winkler, Besitzer eines auf Bergwerkspumpen spezialisierten Reparaturbetriebs, hat seinerzeit auf der Wahlkampfbühne direkt hinter Trump, dem Mann mit dem Helm, gestanden. Noch heute erzählt er davon voller Stolz. Der Präsident, lobt Winkler, tue, was er könne. An ihm liege es nicht. Er habe Umweltauflagen gelockert und alles aus dem Weg geräumt, was der Kohleindustrie das Leben schwergemacht habe. Natürlich, sagt Winkler, wünsche auch er sich ein Wirtschaftsmosaik, bei dem nicht alles von den Minen abhänge. Er sei ja kein Dinosaurier, er wisse um den Wert der Diversifizierung. "Aber im Augenblick ist die Kohle das, was wir hier haben. Wir können unmöglich auf sie verzichten."

Art Kirkendoll ist ein Urgestein der Demokratischen Partei. Früher saß er für die Demokraten im Senat West Virginias, heute berät er die Verwaltung im Logan County. Der 68-Jährige hat noch Zeiten erlebt, von denen es hieß, die Blauen – die Demokraten – könnten bei Wahlen einen Esel ins Rennen schicken, selbst der würde gegen die Roten – die Republikaner – gewinnen. Heute klingt er wie der republikanische Präsident, der im Weißen Haus regiert. Nur dass er von Trump eine noch härtere Gangart einfordert. Vor allem gegenüber China, das sich nicht an Spielregeln halte, sodass es die Amerikaner, die jede Regel befolgten, mit einem Konkurrenten zu tun hätten, der den Ball nur bergab zu rollen brauche, während sie ständig bergauf spielen müssten.

Harter Protektionismus

Kommt Kirkendoll erst in Fahrt, redet er beinhartem Protektionismus das Wort. "Würden wir unsere Grenzen abriegeln, unsere Häfen schließen, wir wären das einzige Land der Erde, das auch so zurechtkäme", glaubt er. Schließlich gebe es nichts, was es in Amerika nicht gäbe – fossile Brennstoffe im Überfluss eingeschlossen. Das Land bräuchte nichts zu importieren, es wäre unabhängig vom Rest der Welt. "Aber unsere Politiker sitzen nur da und lassen sich vom Rest der Welt vorschreiben, was wir zu tun und zu lassen haben." Trump unterscheide sich da schon ein wenig von seinen Vorgängern im Amt. Aber auch er, findet Art Kirkendoll, könnte energischer sein. (Frank Herrmann aus Williamson, West Virginia, 12.11.2019)