Nick Cave ist das Sujet von Tino Hanekamps gleichnamigem Bonsai-Roman. Darin trifft er nach vielen Jahren seinen Helden wieder. Wird dieses Mal alles gut?

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Als eingeschworener Cave-Jünger reißt es einen zu Beginn zwei, drei Mal. Da werden die Singles Scum und In The Ghetto als Teile von – noch dazu falschen – Alben ausgegeben, sodass werkfirme Leser gleich einmal nach den Herztropfen greifen, bevor sie dem Autor empört Ahnungslosigkeit attestieren.

Der Autor des schmalen Romans mit dem lapidaren, aber alles sagenden Titel Nick Cave heißt Tino Hanekamp und ist als 40-Jähriger ein Nachgeborener, der Cave über CDs kennengelernt hat. Auf diese wurden, als Kaufanreiz, tatsächlich diverse Singles gepackt – wovon Vertreter der reinen Lehre sich natürlich angeekelt abwenden.

Goscherte Fragen, vernichtende Antwort

Derlei Unschärfen beiseitegelassen, hat Hanekamp ein nettes Büchlein geschrieben. Eine Roadstory, die mit der Wirklichkeit sympathisch Schindluder treibt und dennoch auf einer wahren Begegnung fußt. Tino Hanekamp wurde 1979 in Sachsen-Anhalt geboren und arbeitete eine Zeitlang als Musikjournalist. Als solcher saß er Nick Cave anlässlich der Veröffentlichung von dessen Album Nocturama (2002) in einer Journalistenrunde gegenüber und nervte den Australier mit goscherten Fragen – bis der ihn mit einem Satz vernichtete.

Das ist die Ausgangssituation. Viele Jahre später lebt Hanekamp verheiratet in Mexiko und hat 2013 mit dem Roman So was von da reüssiert. Das mit dem Folgewerk klappt nicht so richtig, da wird er von seinem Verlag gebeten, nach Mexiko-Stadt zu einem Cave-Konzert zu fahren. Ein Treffen mit dem Musiker ist nach der Show angesetzt, darüber möge er doch schreiben.

Dozieren und interpretieren

Aus dieser Aufgabe erschafft Hanekamp seine Erzählung, die er salopp Tatsachenbericht nennt. Er packt seine Frau Ixtzel auf den Beifahrersitz und fährt los, Caves Gesamtwerk dient als Soundtrack zur Fahrt. Während der doziert er über sein Sujet, erklärt Cave, dessen Biografie, interpretiert sie, reflektiert die Auswirkungen privater Erlebnisse auf sein Werk – und hat gleichzeitig die Hosen voll. Wie wird es sein, jenem Mann wieder gegenüberzutreten, den er einst provozierte, der ihn anschließend demütigte, dem und dessen Werk er dennoch haltlos verfallen ist?

Nick Cave ist ein sympathisches Stück Fan-Prosa. 144 Seiten Begeisterung, Verzagtheit, Lebenshilfe. Der Fan Hanekamp übernimmt rasch die Stellvertreterrolle für alle Fans, die mitlesen. Die Ausrutscher zu Beginn sind rasch vergessen, die obsessive Beschäftigung mit einem lebensbegleitenden Künstler ist so universell wie individuell nachvollziehbar und äußert sich immer wieder in der Frage, ob man so einer für sich bedeutenden Figur überhaupt gegenübertreten soll oder ob es nicht besser ist, sich am Schein festzuhalten. Hanekamp hadert, aber vollzieht natürlich. Am Ende trifft er Nick Cave, und dann ... – aber das wäre jetzt fies. Selber lesen. (Karl Fluch, 13.11.2019)